Medi-Team in Hamburg Zurück in der Außenseiterrolle

Aggressive Verteidigung gehört zu den Markenzeiten der Mannschaften von Towers-Trainer Pedro Calles. Hier brachten Max DiLeo (Nr. 3) und Jordan Swing (Nr. 2) den Bonner Xavier Pollard in Schwierigkeiten, und auch die Hilfe durch Zac Cuthbertson (links) war nicht fern. Foto: Imago Images//Jörn Wolter

Nach dem wichtigen Sieg in Chemnitz kehrt Medi Bayreuth in der Basketball-Bundesliga wieder in die Rolle des Außenseiters zurück. Bei den Hamburg Towers trifft die Mannschaft von Raoul Korner auf einen Gegner, der beständig auf Playoff-Kurs steuert.

Basketball - Sie nennen sich Towers, fliegen aber trotzdem unterm Radar. Dabei spielen die Hamburger bis dato eine herausragende Bundesliga-Saison. Medi Bayreuth tritt am Freitagabend (19 Uhr) jedenfalls als klarer Außenseiter in der Hansestadt an.

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Wer die Tabelle nur oberflächlich betrachtet, mag das vielleicht in Frage stellen. Immerhin tritt da der Zehnte beim Siebten an, man könnte also salopp von einem Mittelfeldduell sprechen. Die Wahrheit entfaltet sich jedoch schnell und sie erinnert an eine politische Zustandsbeschreibung: Die Mitte ist erodiert. Hamburg und Bayreuth trennen nur drei Plätze, aber satte zwölf Minuspunkte. Die Towers (18:8) steuern sicher auf Playoff-Kurs, das Medi-Team (10:20) schwebt hingegen in gefährlicher Nähe zu den Abstiegsplätzen. Mit dem überzeugenden 83:61-Sieg in Chemnitz haben sich die Bayreuther zuletzt zwar etwas Luft verschafft, aber von einer nachhaltigen Wende zum Guten kann natürlich noch keine Rede sein.

Ein Sieg in Hamburg wäre schon eher ein Fanal für den Rest der Saison, denn die Metamorphose von einem Abstiegskandidaten zu einem Playoff-Kandidaten ist kein Blendwerk. Sie wird nur in der Aufmerksamkeit überlagert vom sensationellen Auftreten der Crailsheim Merlins. Dabei legten auch die Hamburger einen furiosen Saisonstart mit fünf Siegen in Serie hin. Anschließend folgte zwar der eine oder andere Rückschlag, als unerwarteter Ausrutscher lässt sich aber allein die Heimniederlage gegen Chemnitz (75:95) bezeichnen. Ansonsten tritt die Mannschaft mit einer bemerkenswerten Konstanz auf, wie auch der turmhohe 98:70-Heimerfolg zuletzt gegen die Skyliners Frankfurt belegt. „Wenn wir in Hamburg gewinnen sollten, wäre das ein Steal“, sieht auch Medi-Trainer Raoul Korner sein Team in der Außenseiterrolle.

Befreundete Trainer: Raoul Korner und Pedro Calles

Der Wandel in Hamburg ist eng mit einem Namen verknüpft: Pedro Calles. Der spanische Trainer hat in der Hansestadt größere finanzielle Mittel als zuvor bei Rasta Vechta, der unverwechselbare Stil seiner Mannschaften ist jedoch geblieben – und auch der Erfolg. „Sie verteidigen sehr aggressiv, sehr physisch. Da sind wir gefragt, in der Offensive dennoch Lösungen zu finden“, sagt Korner, der schon länger mit Calles befreundet ist. Bevor der Spanier im Sommer 2018 zum Chefcoach von Rasta Vechta aufstieg, hatte er sogar Korner in Wien besucht. „Da haben wir dann zwei Tage lang nur über Basketball gesprochen“, erinnert er sich. Man kennt sich also und weiß um die stilistischen Präferenzen des anderen. Für die Bayreuther bedeutet das auch, dass sie flink auf den Beinen sein müssen, denn die Towers bewegen den Ball sehr gut. „Und wir müssen beim Rebound gut ausboxen“, verweist Korner auf die Tatsache, dass die Hamburger ligaweit die drittmeisten Abpraller pro Partie holen (35,8). Bei den Ballgewinnen (9,5) sind sie sogar führend.

Auffällig bei den Towers ist die Variabilität vieler Spieler, insbesondere auf den beiden Guard- und der kleinen Flügelposition. Hier hat Calles den Luxus vieler Variationsmöglichkeiten. Dagegen haben die Hamburger im Esten Maik Kotsar nur einen klassischen Center zur Verfügung, der jedoch mit 12,9 Punkten und 6,2 Rebounds pro Partie einer der größten Leistungsträger ist. Übertroffen wird er beim Scoring nur von einem ziemlich kleinen Point Guard und einem ziemlich großen Shooting Guard. Jordan Swing (1,98 Meter) kommt durchschnittlich auf 13,1 Zähler und T.J. Shorts (1,75 Meter) auf 13,5. Die Ausgeglichenheit ist die größte Stärke der Towers. Insgesamt punkten fünf Spieler im Schnitt zweistellig, darunter auch der letztjährige Bamberger Kameron Taylor (12,8).

300. BBL-Spiel für Bastian Doreth

In Ehrfurcht erstarren muss in Bayreuth dennoch niemand. Am jüngsten Erfolg in Chemnitz war ja weniger die Tatsache beeindruckend, dass er letztlich souverän gelang, sondern dass er souverän gelang, obwohl einiges misslang. Unter dem Korb ließ das Medi-Team viele Chancen liegen, und dass die US-Guards Lazeric Jones und Frank Bartley zusammen nur drei mickrige Punkte erzielten, war sicher auch eine Anomalie. Auch Korner sieht seine Mannschaft noch längst nicht am Leistungslimit angekommen, erkannte zuletzt aber auch signifikante Fortschritte. „Und diese haben sich endlich auch mal im Ergebnis niedergeschlagen“, sagt er.

Verblüfft habe ihn der Auftritt von Bartley, der in dieser Saison häufig als eindimensionaler Scorer fungierte, in Chemnitz jedoch alles Mögliche ausgezeichnet tat, nur eben nicht das Punkten. „Ich wusste nicht, dass er das kann“, scherzt Korner, der allerdings davon ausgeht, dass sein Team gegen den Druck der Hamburger Defensive wieder häufiger auf die Kernkompetenz des US-Guards zurückgreifen muss. Eines hatten die Bayreuther außerdem im Gepäck, als sie gestern Mittag die achtstündige Busreise nach Hamburg antraten: Gestiegenes Selbstbewusstsein. Beim 300. Bundesligaspiel von Kapitän Bastian Doreth gilt es nun, das auch auf dem Parkett zu zeigen.

 

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