Mathias Eckardt Vom Eisenbahner zum DGB-Chef in Oberfranken

Hat im Elternhaus Bodenständigkeit gelernt: DGB-Oberfrankenchef Mathias Eckardt. Foto: Roland Töpfer

BAYREUTH. Mathias Eckardt ist seit zehn Jahren Regionsgeschäftsführer des Deutschen Gewerkschaftsbundes. Wie denkt er? Und wie sieht er die Zukunft der Wirtschaft?

Die Basis, das Bodenständige kennt er gut. Seine Mutter war Krankenschwester im Schichtdienst, sein Vater Metzgermeister. Gemeinsam betrieb die Familie in Eishausen (Kreis Hildburghausen) bei Bad Rodach ein Wirtshaus mit Metzgerei. Mathias Eckardt half auch mal mit. „Als Kind hab‘ ich schon auch mal ein Bier ausgeschenkt.“ Später wurde Eckardt „nichttechnischer Eisenbahner“, seit zehn Jahren ist er DGB-Chef in Oberfranken.

Auf der Eisenbahn-Schiene

Die Prägung von früher hat sich gehalten: „Ich serviere heute noch gerne oder gehe auch gerne in den Ausschank.“ Eigentlich wollte er ja „was mit Technik“ machen. Vielleicht Tiefbauingenieur. „Aber dann war ich auf der Eisenbahn-Schiene.“

Eckardt wurde Fahrdienstleiter, später freigestellter Betriebsrat. Als 2009 der DGB-Chef Oberfranken West in Bamberg in den Ruhestand ging, wurde Eckardt sein Nachfolger. 2013 hörte der Ost-Kollege in Bayreuth auf – Eckardt wurde für ganz Oberfranken zuständig.

Hier fährt er nun von Termin zu Termin, hat Büros in Bamberg und Bayreuth, ein kleines auch noch in Coburg. Alle vier Jahre muss Eckardt von der Delegiertenversammlung bestätigt werden, sein Job ist ein Wahlamt. 2022 wird wieder gewählt.

Dass er abgewählt wird, ist eher unwahrscheinlich. Aber: „Man weiß es nicht.“

Der DGB-Chef in der Region ist meistens unterwegs, manchmal einige hundert Kilometer am Tag. Viel Gremienarbeit. Bei den Wirtschaftskammern, der Rentenversicherung, der Krankenkasse, der Agentur für Arbeit. Der DGB ist „eine politische Organisation“, sagt Eckardt. „Wir wirken in die Politik hinein und unterstützen Einzelgewerkschaften bei ihren Maßnahmen.“

Spät durchgestartet

Sein theoretisches Rüstzeug hat sich der 55-Jährige, der in Coburg wohnt, zwischen 30 und 40 mit Fernstudiengängen erarbeitet und schloss als Diplom-Kaufmann (FH) ab. Master-Abschlüsse in der Erwachsenenbildung und im Wirtschaftsrecht setzte er obendrauf. „Zwischen 30 und 40, da bin ich durchgestartet.“

Warum so spät? Als junger Mann, sagt Eckardt, „hatte ich einfach keine Lust dazu. Da war man noch nicht so reif.“

Jetzt im Sommer joggt er mehrmals in der Woche früh am Morgen hoch zur Veste Coburg. Eine 7-Kilometer-Runde. „Zur Veste rauf, zweimal rum, dann wieder runter.“ Im Winter wird’s etwas weniger. In die Oper geht der DGB-Mann auch regelmäßig, hört gerne Wagner, aber auch viele andere Komponisten.

Für Bücher bleibt wenig Zeit. „Nur noch Fachbücher, oft jüngere Geschichte. Das sind oft Wälzer, die nur im Urlaub zu bewältigen sind. „Sonst kommst du raus.“

Mit seiner Freundin macht der sportlich-schlanke Mitfünfziger auch in diesem Jahr einen Radurlaub, um Deutschland und Europa kennenzulernen. Heuer geht es von Serbien an der Donau entlang bis nach Varna in Bulgarien. Letztes Jahr fuhren die Beiden von Riga in Lettland bis nach Polen. Gebucht werden immer nur der Flug und die erste Übernachtung. „Alles andere ist Abenteuer. So lernst du Europa kennen.“

Oberfranken kennt Eckardt ziemlich genau. In der autolastigen Region sieht der Gewerkschafter bereits „große Bremsspuren“. Personalabbau bei Bosch, Dr. Schneider oder Valeo. Michelin in Hallstadt wackelt. Dann noch Loewe, über Jahrzehnte ein wichtiger Imageträger für Oberfranken. Jetzt pleite, Zukunft ungewiss.

Große Dienstleister wie die HUK Coburg könnten mit der Digitalisierung neue Rationalisierungspotenziale ausschöpfen. Und Brose habe den größten Umbau der Firmengeschichte angekündigt. „Das ist natürlich Kostenabbau. Da wird mir schon Angst.“ Dabei gehe es ja nicht nur um die Großen. „Da hängt ja der Handwerksbetrieb hintendran.“

Betriebe haben den Anschluss versäumt

Hört Eckardt das Wort vom Fachkräftemangel, dann mahnt er auch gleich die Betriebe. Nur noch 44 Prozent der Arbeitnehmer über alle Sparten hinweg in Oberfranken hätten eine Tarifbindung. Damit liege man in etwa auf dem Bayern-Schnitt von 45 Prozent. „Vor zehn Jahren war die Zahl deutlich höher. Es steigen immer mehr Arbeitgeber aus.“

Das vom Personalmangel besonders betroffene Handwerk habe über Jahre hinweg „den Anschluss versäumt“. Lehrlinge seien von Anfang an als volle Arbeitnehmer einbezogen worden, die Lehre sei zu kurz gekommen. Mit 18 ist man Geselle. Und dann? Früher war es vielen kaum möglich, die teure Meisterprüfung anzugehen. Heute gebe es Meister-Bafög, eine deutliche Verbesserung.

Was die Digitalisierung angeht, ist Eckardt „gar nicht so pessimistisch“. Es werde neue Jobs geben, es werde aber auch Brüche geben. „Die Jungen wachsen mit dem System auf.“ Angst machen helfe nicht, gefragt seien Weiterbildung und Motivation.

Die ganz private Motivation für einen Tanzkurs hatte Eckardt immer wieder. Mehrfach hat er einen Tanzkurs gemacht – und mehrfach hat er ihn abgebrochen. Warum? Die ehrenamtlichen Delegierten kann er meistens nur abends treffen. „Da geht der Termin vor“, sagt der Gewerkschaftschef.

 

0 Kommentare

Kommentieren

  1. Passwort vergessen?
  2. * = Pflichtfeld
Sie haben noch keinen Benutzer-Zugang? Jetzt registrieren!

Wenn Sie einen Kommentar verfassen, so wird dieser unter Ihrem Klarnamen, also dem von Ihnen angegebenen Vor- und Nachnamen veröffentlicht. Sollte Ihr Kommentar nicht sofort erscheinen, bitten wir Sie um etwas Geduld. Wir behalten uns vor, Kommentare vor der Veröffentlichung zu prüfen. Bitte beachten Sie hierzu auch unsere Netiquette.

loading