Maschinenpistole gekauft Der kurze Traum eines Waffennarren

Symbolfoto: Daniel Karmann, dpa

KULMBACH/BAYREUTH. Ein 41-jähriger Mann war über einen Video-Kanal und eine App in den Besitz einer vollautomatischen Maschinenpistole samt Magazinen und 128 Schuss scharfer Munition gekommen. Wenige Stunden nach dem Kauf der verbotenen Waffe wurde er bei Gefrees von der Polizei gestoppt. Seit März sitzt er in Bayreuth in Untersuchungshaft. Sein Anwalt, Alexander Schmidtgall aus Kulmbach, glaubt nicht, dass der Zugriff ein Zufall war.

Alles begann mit Surfen im Internet. Sein Mandant habe sich Videos angeschaut, in denen Maschinenpistolen eine tragende Rolle gespielt haben, berichtet Schmidtgall. Unter eines davon habe er sinngemäß geschrieben, dass er von so einer Waffe träume. Überraschend habe er Antwort bekommen. Er müsse sich nur eine bestimmte App herunterladen. Über die ließen sich Kontakte knüpfen, die den Traum wahr werden lassen können. Der Kontakt kam zustande. Für 1000 Euro stand eine vollautomatische sowjetische PPS-43 samt Zubehör zum Kauf. Sein Mandant habe das nicht glauben können, sei aber neugierig geworden, erzählt der Verteidiger. Mit 1000 Euro in der Tasche habe er sich auf den Weg in die Hauptstadt gemacht. Genau an diesem Tag, dem 18. März 2019, wurden bei einem Anschlag in Utrecht in der Stadtbahn vier Menschen erschossen, sechs weitere verletzt.

Polizei ging, dem Anwalt zufolge, gezielt vor

Ein Zwischenfall an einer Raststätte hätte den 41-Jährigen alarmieren und von der Fortsetzung seiner Reise abhalten können. Der Mann sei von der Polizei kontrolliert worden, schildert Schmidtgall, was sich an diesem Morgen zugetragen haben soll. Sein Mandant habe sich einem Drogentest unterziehen müssen. Dann sollen die Polizisten gezielt nach dem Handy des 41-Jährigen gefragt und ihn direkt auf jene App angesprochen haben. Sogar einen Funkspruch will der Mann mitgehört haben, in dem es darum ging, man solle jemanden weiterfahren lassen, er werde auf dem Rückweg kontrolliert. All das hat den Waffennarren aber nicht nachdenklich gemacht. Er habe das nicht auf sich bezogen, berichtet der Verteidiger. Heute könne der Mann sich das auch nicht mehr erklären. „Er war emotional unter Hochspannung und nicht in der Lage, von seinem Vorhaben Abstand zu nehmen.“

Rückreise aus Berlin endet in Gefrees

Wenig später kam es in Berlin zu dem Treffen mit dem Waffenhändler. Die voll funktionsfähige sowjetische Maschinenpistole aus dem Zweiten Weltkrieg wurde samt vier Magazinen und mehr als hundert Schuss Munition in einer Sporttasche übergeben. Ruckzuck sei das gegangen, habe ihm sein Mandant erzählt. Angeblich habe er es selbst kaum glauben können.

Auf dem Rückweg bei Gefrees war die Fahrt zu Ende. Am frühen Nachmittag stoppten ihn im Bereich der Verkehrspolizei Hof Streifenbeamte auf dem Parkplatz Streitau-West. Wieder sei sein Mandant nach Drogen und diesmal auch explizit nach Waffen gefragt worden, sagt Schmidtgall. Der 41-Jährige wurde festgenommen, die vollautomatische Waffe, die nur Dauerfeuer (700 Schuss pro Minute) schießen kann, sichergestellt. Es habe nur Minuten gedauert, bis auch die Kripo auf dem Parkplatz präsent gewesen ist. Wenig später wurde gegen den einschlägig wegen anderer Waffendelikte vorbestraften und unter Bewährung stehenden Mann Haftbefehl erlassen. Seither wartet er im Gefängnis auf seinen Prozess.

"Es ist offensichtlich, dass die Polizei wusste, welche gefährliche Ladung mein Mandant kaufen wird"

Schmidtgall ist der Überzeugung, es gebe keinen anderen vernünftigen Grund als die Annahme, dass die Polizei bei dieser Fahrt zum Waffenkauf von Anfang an „dabei“ gewesen ist. Das erkläre die erste Kontrolle und mache plausibel, warum sein Mandant von sichtbar nervösen Polizisten bei der zweiten Kontrolle berichtet. „Es ist offensichtlich, dass die Polizei wusste, welche gefährliche Ladung mein Mandant kaufen wird. Das gesamte Geschäft wurde überwacht.“ Schmidtgall will genau das beweisen. Gelänge ihm dies, könnte nach seiner Überzeugung sein geständiger Mandant nur noch wegen eines minderschweren Falls bestraft werden, „weil er somit zu keinem Zeitpunkt die Chance hatte, mit der Waffe überhaupt irgendetwas anzustellen“.

Drei bis fünf Jahre Haft stehen im Raum

Schmidtgall hat bei Gericht den Antrag auf Nachermittlungen gestellt. Er will wissen, was die Polizei von diesem Fall schon vor der Tat wusste. Für den 41-Jährigen stehen, wenn er wegen eines Verbrechens nach dem Waffengesetz verurteilt würde, bis zu fünf Jahre Freiheitsstrafe im Raum. Bei einem minderschweren Fall liegt die Höchststrafe bei nur drei Jahren.

In Bayreuth arbeitet seit Jahren oberfrankenweit ein Fachkommissariat für Cybercrime-Delikte. „Internet und Darknet sind kein rechtsfreier Raum“, betont Christian Raithel vom Bayreuther Polizeipräsidium. Zu dem konkreten Fall der in Berlin gekauften Maschinenpistole äußert sich die Polizei derzeit ebenso wenig wie die Staatsanwaltschaft. Der Fall liegt bei Gericht und wird bald öffentlich verhandelt.

 

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