Marktredwitz/Tokio Ein Senkrechtstarter in Japan

Foto: Privat

Marktredwitz, München, Tokio: Morwan Choli arbeitet sich hoch vom Hauptschüler bis zum Direktor. Für Tüv Süd prüft er medizinische Geräte für den Europa-Markt.

Wenn Morwan Choli aus seinem Büro auf den schneebedeckten Gipfel des Fujiyama vor strahlend blauem Himmel blickt, kann er es manchmal selbst nicht glauben. Als Direktor arbeitet der 42 Jahre alte Marktredwitzer seit über 15 Monaten in Tokio. „Ich leite dort den Medizintechnik-Bereich beim Tüv Süd Japan.“ Dass dem einstigen Hauptschüler – „ich bin sogar im Quali durchgefallen“ – einmal solch ein Karrieresprung gelingt, hätte der Senkrechtstarter damals kaum zu träumen gewagt. „Kfz-Mechaniker, was ich gelernt habe, hat mir zwar sehr viel Spaß gemacht, aber hätte mich langfristig nicht glücklich gemacht. Außerdem hat es mich angetrieben, dass mir manche Leute das Gefühl gegeben haben, ich wäre weniger wert oder dumm, weil ich nur Hauptschulabschluss hatte.“

Als 21-Jähriger startet Morwan Choli durch. Berufsaufbauschule, mittlere Reife, Berufsoberschule samt Fach-Abi und allgemeinem Abitur. Die Initialzündung für den Marktredwitzer kommt mit 25 Jahren, als er sich ein Buch über „Die Grundzüge der Relativitätstheorie“ kauft. „Ich habe keine von den Formeln kapiert“, gesteht er. „Aber ich wollte es verstehen!“ Daher entscheidet er sich für ein Studium der Physik an derUni in Würzburg, um später noch zu promovieren, während erinFreiburg,Würzburgund in den USA lebt. Die Zeit der Kfz-Mechaniker-Lehre liegt lange hinter dem Mann, dessen Eltern aus Palästina und dem Libanon nach Deutschland geflüchtet sind. Morwan Choli selbst wird in der Bundesrepublikgeborenundbekommt erst sehr spät die deutsche Staatsbürgerschaft zuerkannt. Zu Hause mit den Eltern spricht er Arabisch, mit seinem Bruder und mit den Freunden und Kameraden in der Schule Deutsch. Englisch zählt während der Schulzeit nicht zu seinem erklärten Lieblingsfach, gibt er im Gespräch mit unserer Zeitung zu. „Aberich hatte keine andereWahl“, meint er schmunzelnd, während er von seiner Wohnung in Tokio, hoch oben im 17. Stock, auf die Skyline des Stadtteils Shinjuku blickt. Hier lebt der Marktredwitzer in einer völlig anderen Welt als in der, aus der er kommt. In dieser Welt ist Englisch die einzige Sprache, mit der er sich im Job verständigen kann. Noch während unsere Zeitung zu Besuch in seiner neuen Heimat ist, muss der 42-jährige Shootingstar einen Vortrag im japanischen Repräsentantenhaus halten. In Englisch.

Für seine Promotion spezialisierte sich Choli auf Bildgebende Verfahren in der Magnetresonanztomografie. Und so bekommt er als Doktor der Naturwissenschaften mit 36 Jahren einen Job in Gelsenkirchen-Buer bei einer Firma, die Medizinprodukte auf ihre Tauglichkeit für Kernspintomografen prüft. Zertifiziert werden die Geräte von Tüv Süd, der aufmerksam wird auf den Senkrechtstarter. 2015 wechselt der Marktredwitzer nach München und wird Leiter einer Abteilung mit 17 Mitarbeitern. Zwei Jahre später kommt das Angebot, als Direktor für medizinische Gesundheitsdienste für die Division Produktdienstleitungen nach Tokio zu gehen. „Ich habe nicht lange gezögert, weil das noch einmal ein enormer Karrieresprung war“, erzählt Morwan Choli. „Die einzige Person, deren Segen ich wollte, war meine Mutter. Und den bekam ich.“ Vier- bis fünfmal im Jahr, wenn er privat oder beruflich nach Deutschland kommt, sieht er seine Mutter in Marktredwitz.

Die Mega-City Tokio mit knapp zehn Millionen Einwohnern stellt seinen Lebensstil erst einmal völlig auf denKopf. „Hierist einfach alles anders. Und alles funktioniert“, schiebt er gleich hinterher. Damit meint er nicht nur den absolut durchgetakteten Tagesablauf, die pünktlichen Züge und das disziplinierte Verhalten der Menschen, sondern auch, „dass es hier wenig Egoismus gibt“. Was dem Mann mit den arabischen Wurzeln besonders auffällt: „Ich fühle mich in Japan weniger als Ausländer als im Moment in Deutschland.“ Morwan Choli beeindrucken vor allem die Freundlichkeit der Menschen und derenuralteKultur. „Auchwenn die Japaner sehr viel arbeiten, genießen sie ihr Leben doch weitaus mehr alswir es inDeutschlandtun.“ Das Essen – „an jeder Ecke gibt es unendlich viele Restaurants“ – findet der Marktredwitzer „absolut super“. In Tokio ist er der Chef von 65 Mitarbeitern, mit denen er auf Englisch kommuniziert, sofern sie es können. „Überwiegend läuft das über meine vier Manager.“ Der Tüv Süd lässt für japanische Hersteller die Produkte für den japanischen wie für den europäischen Markt zu, wie Morwan Choli erläutert. „Das betrifft alle medizinischen Produkte wie Kernspintomografen, Prothesen, Katheter oder Stents.“

Der Marktredwitzer sieht sich noch nicht ganz oben angekommen auf der Karriereleiter. „Ich habe gelernt, dass es keine Grenzen gibt – für niemanden“, meint er mit smartem Lächeln. Doch wie steht es mit einer eigenen Familie bei diesem enormen Engagement? „Das eine schließt das andere nicht aus. Man braucht aber eine Partnerin an seiner Seite, die das alles mitmacht. Ich bin froh, dass ich die habe. Möglicherweise zieht sie schon bald zu mir nach Japan.“ Natürlich vermisse er in Tokio Freunde, sagt Morwan Choli. „Ich habe immer wieder mal Heimweh. Denn mit Japanern warm zu werden, ist viel schwieriger. Hier gibt es ein anderes Hierarchieverständnis, das ein freundschaftliches Miteinander, vor allen Dingen zwischen Vorgesetzten und Mitarbeitern, nicht wirklich zulässt.“ Deshalb freut er sich auf Besuch aus Deutschland. „Den bekomme ich sogar häufiger als in München“, meint er schmunzelnd. Und in seiner 63 Quadratmeter großen Wohnung–Japaner leben oft zu viert auf nur 30 Quadratmetern in der Millionen-Metropole–können sich Besucher wie zuHause fühlen. Aber Morwan Choli freut sich auch darauf, Familie und Freunde in Deutschland zu treffen. „Ich hoffe, dass ich dieses Jahrwieder zum Altstadtfest in Marktredwitz bin.“

Steht irgendwann der Rückzug nach Deutschland an? „Ich schließe nicht aus, nach den drei Jahren in Tokio noch nach Shanghai oder in die USA zu gehen – oder wohin auch immer“, meint er. Es komme ganz auf die Umstände an und ob er dann Lust auf Land oder Stadt hat. „Langfristig zieht es mich definitiv wieder nach Deutschland“, sagt er, um gleich anzufügen: „Ohne politisch zu werden, im Moment ist Europa ein Pulverfass, in das ich nicht unbedingt zurückkehren möchte. Wenn die Gesellschaft nicht gänzlich zerfällt, dann komme ich gerne zurück in meine Heimat. Und wenn es irgendwie beruflich und privat möglich ist, würde ich gerne wieder in Marktredwitz leben.“

 

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