Mangelware Kinder Bis 2030 wird es im Landkreis Bayreuth bis zu 25 Prozent weniger Jugendliche geben

Von Andrea Franz

Fast alle Gemeinden im Landkreis kämpfen mit dem gleichen Problem: Es gibt immer weniger Kinder und Jugendliche, dafür mehr Rentner. Glaubt man den Prognosen des Statistischen Landesamts, wird es bis 2029 es in manchen Gemeinden bis zu 38 Prozent weniger Jugendliche geben. Der Geschäftsführer des Kreisjugendrings Franz Stopfer appelliert an die Kommunen, etwas gegen den Jugendschwund zu tun. Sein Stichwort: Partizipation.

 Foto: red

Es müsste so sein wie in Frankreich. Dort bringt jede Frau durchschnittlich 2,03 Kinder zur Welt. In Deutschland sind es nur knapp 1,4. Das bereitet Franz Stopfer Sorgen. Der Geschäftsführer des Bezirksjugendrings wundert sich, warum Deutschland sein demografisches Problem nicht in den Griff bekommt. „In den 60er Jahren haben die Franzosen der Vereinbarkeit von Familie und Beruf einen hohen Stellenwert gegeben“, sagt Stopfer. Dort habe man ein lückenloses Betreuungssystem. Etwas, was in Deutschland in vielen Regionen, wie in Oberfranken, noch fehlt. Einer von mehreren Gründen, warum es für viele junge Menschen unattraktiv geworden ist, eine Familie zu gründen.

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Ein anderer ist der deutliche Frauenüberschuss bei den Abiturienten. „Sie wollen gut ausgebildet sein, studieren, Karriere machen“, sagt Stopfer. Viele würden deshalb erst mit Mitte 30 Kinder bekommen oder sogar ganz darauf verzichten. Außerdem würden sie sie dann sowieso nicht mehr in ihrer Heimatregion wohnen.

Auch bezüglich der Ausbildungsberufe kommen junge Männer auf dem Land eher zum Zug. „Sie finden was Handwerkliches. Die Mädchen müssen zum Arbeiten weggehen“, sagt Stopfer. Und ohne Frauen keine Kinder. Ein weiterer Grund, warum die ländlichen Gegenden ausbluten. In Zahlen heißt das: Bis 2029 wird es in fast allen Gemeinden im Landkreis bis zu 38 Prozent weniger Kinder und Jugendliche geben.

Der Trend heißt Urbanisierung, sagt Stopfer. „Weil das Angebot an Ausbildungsplätzen im ländlichen Raum nun mal begrenzt ist.“ Und weil die weiterführenden Schulen die Kinder vom Land in die Städte ziehen. Und das oft den ganzen Tag. Durch das G 8 seien die Jugendlichen fast rund um die Uhr mit Schule beschäftigt und hätten kaum mehr Gelegenheit, sich in Vereinen in ihrem Heimatort zu engagieren. „Das entwurzelt“, sagt Stopfer.

Dabei könnten gerade Vereine und intensivere Jugendarbeit „Haltefaktoren“ sein, weiß Christian Porsch. „Dann pendelt man auch eher zum Arbeitsplatz“, sagt der Vorsitzende des Kreisjugendrings. „Die Kommunen dürfen nicht erstarren, sondern müssen überlegen, was man vor Ort tun kann.“ Denn Jugendarbeit könne nicht immer nur auf die Vereine abgewälzt werden, sagt Roland Wölfel, Geschäftsführer der Cima in Forchheim. Wölfel beschäftigt sich intensiv mit der Stadt- und Regionalentwicklung in der Umgebung. „Feuerwehren, Sportvereine und christliche Einrichtungen decken nun mal nicht alle Interessen aller Jugendlichen ab.“ Für den Rest brauche es Jugendpfleger, die sich um die Belange der Jugendlichen kümmern. „Dafür müssen die Gemeinden tätig werden.“

Das Problem sei, die Gemeinderäte davon zu überzeugen, antizyklisch zu handeln, sagt Stopfer. Der Rückgang der Zahl der jungen Menschen erfordere eben nicht weniger, sondern mehr Engagement und mehr Investitionen in Kinder und Familien. „Oft sagen Gemeinden, dass für ausgedehntere Jugendarbeit kein Geld da ist“, sagt Stopfer. Aber das sei falsch. „Das ist nur eine Frage der Prioritäten.“ Kinder seien schließlich ein wichtiges Gut.

Ein Patentrezept für den Jugendschwund haben Stopfer und Porsch nicht. Aber Handlungsempfehlungen für die Kommunen:

  • Vereinsstrukturen stärken und finanziell unterstützen. „Die Vereinszuschüsse werden immer mehr gekürzt“, sagt Porsch. Stattdessen finanziere man neue Straßenlaternen.
  • Infrastruktur schaffen. Als Beispiel nennt Porsch den geplanten Dorfladen in Kirchenpingarten.
  • Jugendbeauftragte einsetzen. „Außerdem sollte der Jugendausschuss nicht nur aus Gemeinderäten bestehen“, sagt Porsch. Auch Vereine, Verbände und die Schulen sollten mit einbezogen werden.
  • Partizipation erreichen. Emtmannsberg veranstalte Bürgerversammlungen nur für Jugendliche, sagt Porsch. In Waischenfeld gebe es einen Jugendbürgermeister. Und Pinsberg im Landkreis Forchheim habe einen Jugendgemeinderat. Er bekomme eigenes Geld für Investitionen zugesprochen. „Und die Beschlüsse der Jugendlichen müssen im Gemeinderat behandelt werden. Dadurch fühlen sie sich ernst genommen und können wirklich etwas bewegen“, sagt Porsch.

Auch Manfred Miosga, Professor für Stadt- und Regionalentwicklung an der Universität Bayreuth, ist der Meinung, dass man die Angebote in den Gemeinden den Interessen der Jugendlichen anpassen muss: Projektarbeit anstatt verbindlicher Angebote, engere Zusammenarbeit mit den Schulen, neue Medien nutzen. Und man müsse Arbeitsplätze offensiver anbieten. „Damit man das Risiko minimiert, dass jemand zu BMW nach München geht, sondern seine Lehre bei einem Mittelständler in der Region macht“, sagt Miosga.

Info: Gesees ist die einzige Gemeinde mit einem Zuwachs an unter 18-Jährigen. Warum, kann selbst Bürgermeister Reinhard Sammer nicht genau beantworten. Vielleicht liegt es an den 80 Neubauten in den vergangenen zehn Jahren. „Ich glaube nicht an ein so großes Plus an Jugendlichen. Es ist eben nur eine statistische Prognose.“