Maden sammeln im Metal-Shirt So lebt der Waldläufer vom Kornberg

Von Sarah Bernhard

Seit sechs Jahren lebt der "Waldläufer vom Kornberg" fernab der Zivilisation. Wie und warum er das macht, weiß keiner so genau. Der Kurier sprach mit drei Menschen, die ihm am nächsten sind.

Er meidet Menschen, schläft in selbst gezimmerten Unterständen, ernährt sich von Wurzeln und Maden – und das seit sechs Jahren. Seitdem gibt der 61-jährige Tscheche, der im vergangenen halben Jahr 73 Mal in verschiedene Waldhütten rund um Wunsiedel eingebrochen sein soll, der Welt Rätsel auf. Der Kurier sprach mit Menschen, die sein Leben zumindest erahnen können: einer Hüttenbesitzerin, bei der er schon mehrmals eingebrochen ist, dem Polizist, der ihn jagt und einem Survivaltrainer, der auch schon wochenlang in der Wildnis gelebt hat.

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Die Hüttenbesitzer

Immer wieder besucht der „Waldläufer“, wie die Polizei den flüchtigen Tschechen getauft hat, Familie Fuchs im kleinen Ort Dörflas bei Kirchenlamitz - und lässt dabei etwas mitgehen. „Ein bisschen beunruhigt ist man schon“, sagt Heike Fuchs (47). Besonders seit dem Morgen, an dem sie aus dem Fenster schaute und sah, dass Kleidungsstücke von der Wäscheleine gestohlen worden waren. Genau vor ihrem Haus. Eine Jeans fehlte. Und ein schwarzes Metal-T-Shirt. „Das hatte mein Sohn sich auf einem Festival gekauft. Der hat sich vielleicht geärgert“, sagt Fuchs. Der Hund der Nachbarn hatte nicht angeschlagen.

Auch zwei Kaninchen hat sich der Waldläufer bereits geholt, sie lebten neben der Grill-Hütte, einige Meter vom Haus entfernt. Danach hat Heike Fuchs Wienerle im Glas und Brot in der Dose in die Hütte gestellt. „Hallo Landstreicher“, hat sie auf ein Schild geschrieben, „wir haben für Dich Brot und Wurst im Kühlschrank!!! Also laß bitte unsere Stallkaninchen am Leben!“ Auf deutsch und auf tschechisch. Seitdem ist der Waldläufer nicht zurückgekommen. „Aber manchmal, wenn es knackt, denkt man schon: Vielleicht steht er da und beobachtet dich.“

Andererseits bedauert die Familie Fuchs den Mann. „Es war ja so kalt in letzter Zeit.“ Es gebe rund um den Kornberg aber mehrere Pulverkeller, in denen die Sprengmeister der Granit-Bergwerke früher ihre Sprengutensilien lagerten. „Da kann er sich zur Not verkriechen.“ In den Steinbrüchen gebe es auch Seen, in denen er sich waschen könne. Heike Fuchs vermutet, dass der Mann Alkoholprobleme hatte und deshalb sein altes Leben hinter sich lassen wollte. „Wir hatten auch Schnaps, Bier und Wein im Kühlschrank. Aber nichts davon hat er angerührt.“

Der Überlebenstrainer

Lagerfeuerromantik und ab und zu ein paar Pilze sammeln? „Nee“, sagt Sepp Fischer, „Survival ist nicht schön.“ Schon gar nicht, wenn man sich wie der Waldläufer ständig verstecken müsse. „Aber ein paar einfache Tricks gibt es schon“, sagt Fischer. Vor vier Jahren hat der 44-Jährige aus Bad Tölz die Wildnis zu seinem Beruf gemacht, er bringt Menschen bei, wie sie ohne die Zivilisation überleben können. „Kälte und Hunger“, das seien die Hauptprobleme, mit denen der Waldläufer zu kämpfen habe.

Zwar bekomme man Erfrierungen erst bei minus fünf Grad. Aber im Wald Feuer zu machen ist verboten. Und so ein schönes warmes Feuer hinterlässt Spuren - die der Waldläufer unbedingt vermeiden will, um nicht entdeckt zu werden. Also, so vermutet Fischer, wird er wohl nur kleine Feuer machen, an Baumwurzeln, wo der Rauch am Stamm entlang abziehen kann. „Die kann man schnell wieder auspinkeln und mit Moos bedecken.“

Auch das, was der Waldläufer isst, könnte wohl leckerer sein. Noch nie hat ihn jemand in einem Supermarkt gesehen, er wird sich also vor allem von Wurzeln, Pilzen und Insekten ernähren. „Solange das Insekt keine Tarnfarbe hat und nicht aus einem Tierkadaver kommt, kann man es bedenkenlos essen“, sagt Fischer. „Teilweise schmecken die sogar ganz gut.“ Aber auch in den Mülleimern am Rand von Wanderwegen finde sich immer eine Mahlzeit. Das sei sogar gesünder als die Hasen, die der Waldläufer manchmal klaue. Denn die haben sehr wenige Nährstoffe.

Doch dann schüttelt Fischer plötzlich den Kopf. „Schauen Sie sich mal die Ohren an“, sagt er, und zeigt auf das Foto einer Überwachungskamera, auf dem sich der Waldläufer gerade ein Schnitzel warm macht. „Die sind ganz sauber, genauso wie Hände und Gesicht.“ Und auch die Kleidung, die überhaupt keine Risse habe, zeige eindeutig: „Der Mann auf diesem Foto war keinesfalls länger als ein paar Stunden im Wald.“

Der Polizist

Robert Roth sieht das anders. Seit Ostern sind der Polizeihauptkommissar und seine Kollegen dem Waldläufer auf der Spur. Sie kennen seinen Namen, wissen, wie er aussieht, dass er bereits in Tschechien, der Slowakei, in Österreich und in Niederbayern im Wald gelebt hat und dass er ziemlich sicher ungefährlich ist. Wie er es jahrelang in der Wildnis ausgehalten hat, wissen sie nicht. „Auch für uns ist das ungewöhnlich. Wenn wir ihn kriegen, hoffe ich, dass wir ihn ein paar Sachen fragen können.“

Zum Beispiel, warum der Einsiedler zwischen seinen Einbrüchen so lange Strecken zurücklegt: 80 Quadratkilometer groß ist sein „Revier“, das entspricht der Fläche zwischen Heinersreuth, Mistelbach, Emtmannsberg und Goldkronach. Und warum er dabei noch kein einziges Mal von einem Jäger oder Forstarbeiter gesehen wurde. Zumal der Waldläufer nicht einfach geradeaus gehen kann, sondern Umwege in Kauf nehmen muss, um Freiflächen zu umgehen.

Die Öffentlichkeit interessiert wohl eher, warum er auch nach sieben Monaten noch nicht geschnappt wurde. „Viele Leute glauben, dass man einfach eine DNA-Probe in den Computer schiebt und dann kommt ein Name raus. Aber das gibt’s nur bei Navi CIS.“ Und auch eine Suche mit Hunden nütze nichts, wenn die Spur im Wald schon drei Wochen alt sei. Denn nur die Wenigsten kontrollierten jeden Tag ihre Waldhütte.

Beim letzten Einbruch allerdings sei der Waldläufer überrascht worden, weil der Hüttenbesitzer spätnachts noch etwas an seinem Traktor reparieren wollte. „Er hat neben Würsten, geräuchertem Schinken und Käse auch sein Einbruchswerkzeug liegengelassen. Die Schlinge zieht sich immer enger um ihn.“