Lost Places Bad Berneck - Das Café Jenseits im Jenseits

BAD BERNECK. Bäckerei, Knopfherstellung, Weinstube, Jugendtreff, Abstellkammer: Das frühere Jugendcafé Jenseits am Kirchenring in Bad Berneck hat eine wechselvolle Geschichte hinter sich. Herantasten an eine Ruine, die es eigentlich längst nicht mehr geben dürfte.

Wie alt das verwinkelte Gebäude oberhalb des Marktplatzes ist, vermag die Stadt als Eigentümer auf die Schnelle nicht zu sagen. Über 100 Jahre sind es auf jeden Fall. Susanne Kreye sagt, ihre Mutter sei 1923 in diesem Haus geboren worden, das ihr Großvater gekauft und dort eine Bäckerei eingerichtet habe. Ihr Urgroßvater war Wilhelm Lauterbach, geboren 1853. Dieser habe in Bayreuth das Bäcker- und Konditorhandwerk gelernt , sei auf Wanderschaft gegangen und habe aus Greiz seine Ehefrau mit nach Bad Berneck gebracht.

Bekannte Konditorei

Der Name Lauterbach ist in Bad Berneck bis heute ein Begriff: Die Konditorei Lauterbach stellte die berühmte Sarah-Bernardt-Torte und die noch berühmteren Pfeffernüssla her, die der Stadt zuletzt das Prädikat „Genussort“ einbrachten. Das geheime Originalrezept hat Susanne Kreye, die in Warmensteinach lebt, bis heute in Verwahrung. Die Lauterbachs zogen 1929 um an den Markt. Im Lauterbachhaus ist heute die Touristinfo untergebracht.

Dietrich Fraaß (74), Anwohner in der Oberen Stadt, wurde erst einige Jahre nach diesem Umzug geboren. An die Bäckerei dort oben kann er sich nicht mehr erinnern, wohl aber daran, dass er in seiner Kindheit hier im Laden der Krausens Liesl Milch gekauft hat. Unten im Haus seien Glasknöpfe hergestellt worden. „Wir Kinder sahen immer durch die Fenster zu, wie aus glühenden Glasstangen Knöpfe gemacht wurden.“ Wie lange es das Geschäft und die Knopfherstellung gab, vermag Fraaß nicht mehr zu sagen, nur dass das Haus danach eine Zeitlang leer stand.

Danach eine Weinstube

1975 pachtete Roland Wecke das Anwesen von den Lauterbachs, baute es aus und eröffnete die Weinstube Reblaus mit 50 bis 60 Sitzplätzen. „Den Backofen habe ich ausgebaut, und im Keller waren Tröge eingemauert, in dem die Bäckerei Kalkeier gelagert hatte“, erinnert er sich. Acht Jahre habe er das Lokal betrieben, dann habe die Erbengemeinschaft Geld sehen wollen und ihm das Anwesen zum Kauf angeboten, sagt der heute 77-Jährige. „Das war mir aber zu groß.“ Gekauft habe es ein Bayreuther, der dann auch die Weinstube von Wecke übernahm und selber betrieb – allerdings nur für rund eineinhalb Jahre.

Mitte der 90er-Jahre kaufte die Stadt dem Mann das Anwesen ab – damals schon mit dem Hintergedanken, die Parkplatznot in der Oberstadt zu beheben, erinnert sich Bernd Albert, von 1990 bis 2008 Bürgermeister von Bad Berneck. Im dem Haus gab es einige Wohnungen, Kurmusiker waren zeitweise untergebracht und auch frühere DDR-Bürger, die nach der Grenzöffnung 1989 zugezogen waren. In dem geplanten Parkhaus hätten sich Anlieger und die Gastronomie Stellplätze kaufen können. Das Interesse am Parkplatzkauf sei aber rasch erloschen, auch die Fördersituation sei zu der Zeit schwierig gewesen, sagt Albert.

Zu guter letzt ein Jugendcafé

Dann habe man aus der Not eine Tugend gemacht und ein Jugendcafe eingerichtet, „das erste seiner Art im ganzen Landkreis“, sagt Albert. Viele Bürgermeister seien nach Bad Berneck gekommen, um sich das Pilotprojekt anzusehen. Verantwortlich dafür war anfangs der damalige Dekanatsjugendleiter Werner Engelbrecht, der zusammen mit seiner Frau auch Namensgeber war. „Cafe Jenseits“, also Jenseits des Üblichen und mit Anspielung auf den kirchlichen Hintergrund. Rund 70 Jugendliche und viele Sponsoren habe er auf die Beine gebracht, um das schon Mitte der 90er Jahre marode Gebäude herzurichten. Es sei mehrmals die Woche geöffnet und einige Jahre meist gut besucht gewesen. Dann aber ließ das Interesse nach. Nach der Schließung Anfang der 2000er-Jahre wurde das Haus noch als Requisitenraum für das kleine Theater genutzt und verfiel immer mehr, berichtet Bernd Albert.

Heute steht nur noch eine baufällige Ruine, die die Stadt lieber heute als morgen abreißen würde. Ob das in diesem Jahr klappt, vermag Geschäftsleiter Christian Hohlweg nicht zu sagen. Zwar gibt es eine Zusage für eine 80-prozentige Förderung aus dem Programm „Innen statt außen“, ober die Stadt muss dafür erst noch ein Nachnutzungskonzept vorlegen. An dem Wunsch der Stadt, hier Parkraum zu schaffen, hat sich nichts geändert. Ob Parkhaus oder offene Parkdecks, ist noch nicht klar.

Den ersten Teil der Seire "Lost Places" finden Sie hier.


Lost Places, oder auch „vergessene Orte“, sind Bauwerke der jüngeren Geschichte, die im Kontext ihrer ursprünglichen Nutzung in Vergessenheit geraten sind. Der Kurier hat einige dieser Orte aufgespürt und erzählt ihre Geschichte. Alle Gebäude und Grundstücke wurden mit dem Einverständnis der Eigentümer betreten. Um die ganz besondere Atmosphäre dieser verlassenen und oft vergessenen Gebäude einzufangen, werden die Fotos in der digitalen HDR-Technik aufgenommen.

HDR steht für High Dynamic Range – zu deutsch: Bild mit hohem Dynamikumfang. Hierzu werden – je nach den jeweiligen Lichtverhältnissen – Belichtungsreihen mit mindestens drei Aufnahmen von einem Motiv gemacht. Die Einzelaufnahmen werden dann am Computer mit einer speziellen Software zu einem Bild zusammen gefasst. Die natürlichen Farben verstärken sich dabei und es entsteht die besondere Lichtstimmung in den Fotos.

Es gehört darüber hinaus zum Ethos der Lost-Place-Fotografie, dass in den verlassenen Gebäuden nichts verändert wird. mx

 

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