Lohengrin Netrebko wird nicht vermisst

Foto: Bayreuther Festspiele/Enrico Nawrath

BAYREUTH. Dieser „Lohengrin“ war ein Ereignis. Naja, kein mediales, denn Anna Netrebko hatte ja erschöpfungsbedingt abgesagt. Dennoch: Wer aus diesem Grund seine Karte zurückgegeben hatte, dem ist ziemlich viel entgangen. Denn in dieser Aufführung gab es mehrere Superstars. Einer davon war unsichtbar: das Festspielorchester.

Bereits nach dem Verklingen des Vorspiels zum ersten Aufzug konnte man mehr gehört haben als in manch anderen Aufführungen den gesamten Abend über. Wie sich der Klang langsam vortastet, sich neuen Raum erobert und zu enormer Weite anwächst. Wie das Anstauen von Energie klanglich auf subtilste Weise ausbalanciert ist. Wie zauberhaft schön die Geigen singen. Wie die immer gewichtiger werdende Musik das ganze Haus in Schwingung versetzt. Wie das Orchester organisch anwachsend dem Gipfelpunkt entgegensteuert und nach erfolgter Kraftentladung die Energie wieder abebben lässt. Wie sich ein großer Bogen über das Vorspiel wölbt. Wie Richard Wagner das romantische Nachzittern nach einem Höhepunkt komponiert hat. Und vieles mehr.

Hätte man heraushören können, dass hier – wenn man es denn nicht gewusst hätte – Christian Thielemann am Pult des Festspielorchesters stand?

Kann man als altmodisch, muss man aber nicht

Es gab auch einen optischen Hinweis auf diese Personalie. Denn der Vorhang war während des Vorspiels geschlossen, was angesichts gegenläufiger Regietendenzen längst zu einem Erkennungsmerkmal von Produktionen mit dem Musikdirektor der Bayreuther Festspiele geworden ist. Man kann das als „altmodisch“ bezeichnen. Der Vorteil: Man hört genauer hin. Jedenfalls hätte der Kontrast in der Art der Wahrnehmung zur Ouvertüre in der aktuellen „Tannhäuser“-Inszenierung größer nicht sein können. Dort war die Faszinationskraft der Videos so stark, dass man eventuelle Beinah-Schmisse leicht hat überhören können.

Chor überzeugt

In diesem „Lohengrin“ gilt’s der Musik. Vom ersten bis zum letzten Takt. Zu den klanglichen Höhepunkten der Aufführung zählen die Chorstellen. Hier klingt der von Eberhard Friedrich bestens vorbereitete Festspielchor so, wie er in Bayreuth klingen muss: weit, homogen, mächtig, aber nie erdrückend. Faszinierend wie Christian Thielemann hier Klangregie führt. Etwa in der Szene vor dem Zweikampf im ersten Aufzug, die Thielemann zu einem elektrisierenden Raum-Klang-Erlebnis auflädt. Kaum auszudenken, wie das wäre, wenn man Thielemann mit einem Regisseur konfrontieren würde, der ihm auf Augenhöhe begegnet.

Beczała als Lohengrin konkurrenzlos

Es gibt noch mehr Stars in dieser Aufführung. Piotr Beczała dürfte als Lohengrin derzeit wohl konkurrenzlos sein. Georg Zeppenfeld singt die Partie von König Heinrich wunderschön, mit hohem Belcanto-Anteil. Elena Pankratova gibt eine beeindruckende Ortrud. Tomasz Konieczny ist ein kerniger Telramund. Und Annette Dasch, auf der an diesem Abend möglicherweise viel Druck lastet, da sie für Anna Netrebko eingesprungen ist, macht ihre Sache als Elsa mehr als gut. Auch wenn zu Beginn nicht jede Phrase schön ausgesungen wird, steigert sie sich im dritten Aufzug neben Piotr Beczała zu großem Ausdruck und dramatischen Szenen. Jubel, Ovationen, Bravos, Getrampel – rund eine Viertelstunde lang feiert das begeisterte Publikum im Festspielhaus dieses „Lohengrin“-Ensemble. Und all das ohne Anna Netrebko.

 

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