Lösche-Prozess Was bei den Plädoyers zu erwarten ist

Andreas Lösche, Bruder des Mordopfers Sophia Lösche, sagte beim Mordprozess vor Gericht aus. Foto: Manfred Scherer

BAYREUTH/PLECH. Im Mordfall Sophia Lösche könnte am heutigen Dienstag die Beweisaufnahme geschlossen werden. Die Verhandlung um den gewaltsamen Tod der Anhalterin war ein reiner Indizienprozess. Wie nahe ist er der Wahrheit in dem Fall gekommen? Sehr nahe, aber nicht nahe genug, meint der Bruder des Opfers, Andreas Lösche.

Lösche wird, so die Beweisaufnahme wirklich geschlossen wird, als Nebenkläger auf Mord und auf eine lebenslängliche Freiheitsstrafe plädieren, sagt er auf Anfrage. Und er sagt: „Eigentlich ist mir das Urteil fast egal, wichtiger ist mir die Wahrheit.“ Und der Wahrheit sei der Prozess seiner Ansicht nach nicht nahe gekommen.

„Das was er sagt, ist schon ein Mord“

Seine Schwester war am 14. Juni 2018 in den Laster des Fernfahrers Boujeema L. eingestiegen. Der 42-jährige Trucker hat die Bluttat gestanden und sagt, er habe Sophia am Abend des 14. Juni am Autobahnparkplatz Sperbes im südlichen Landkreis Bayreuth mit einem Radmutterschlüssel in der Fahrerkabine erschlagen. „Das was er sagt, ist schon ein Mord“, sagt Andreas Lösche. Er meint damit die Schilderung des Angeklagten, er sei mit seinem Fahrgast in Streit geraten und habe deshalb zugeschlagen. Wichtige für die Mordtheorie: Boujeema L. schilderte zwei Tatphasen. Nach einer Pause von mindesten zehn Minuten, die er rauchend außerhalb des Laster zubrachte, will er das Opfer ein zweites Mal geschlagen haben. Das hat zu einem rechtlichen Hinweis des Schwurgerichts geführt, wonach die zweite Tatphase ein Mord zu Verdeckung der zuvor begangenen gefährlichen Körperverletzung gewesen sein könnte.

War Sperbes der letztendliche Tatort?

Was Andreas Lösche nicht glaubt: Dass in Sperbes tatsächlich der finale Tatort war. Zu viele Fragen seien offen, etwa warum das klassische Nachtatverhalten des Angeklagten erst Tage später auf der Fahrt zwischen Südfrankreich und Spanien begann. Oder, warum der Angeklagte bei seiner Verhaftung in Südspanien noch ein Unterhemd mit dem Blut seines Opfers trug. Wie berichtet, war Sophias Leichnam erst am 21. Juni in Nordspanien gefunden worden. Lösche glaubt, das seine Schwester noch eine ganze Zeit lang lebendig in der Gewalt des Angeklagten war.

Verteidiger glaubt Angeklagter die Geschichte nicht

Auch Verteidiger Karsten Schieseck glaubt an eine andere Tatversion. Er hat bereits deutlich gemacht, dass er seinem Mandanten die Geschichte von den zwei Tatphasen nicht glaubt: Denn laut dem gerichtsmedizinischen Gutachten waren alle Schläge gegen den Kopf von Sophia Lösche so schwer, dass sie erstens stark geblutet haben muss und zweitens sofort ohne Bewusstsein war. Dies sei mit der Tatschilderung von Boujeema L. nicht in Deckung zu bringen. Der Angeklagte hat mehrfach beteuert, er habe bei der ersten Tatphase keinerlei Blut gesehen und die zweite Tatphase nur deshalb begonnen, weil er erschrocken sei, dass die Anhalterin bei seiner Rückkehr zum Laster den Kopf hob und angeblich nach ihm griff. Schieseck wird vermutlich die zweite Tatphase in Frage stellen – und damit den Mord. Aus seiner Sicht bliebe so „nur“ ein Schuldspruch wegen Totschlags.

Geht die Staatsanwaltschaft von einem Sexualverbrechen aus?

Als erste zu Wort kommen wird bei den Plädoyers Oberstaatsanwältin Sandra Staade. Ursprünglich hatte sie Boujeema L. wegen einer anderen Variante eines Verdeckungsmordes angeklagt: Nämlich zu Verdeckung eines zuvor an der Anhalterin begangenen Sexualverbrechens. Die Gerichtsmedizin fand jedoch kein Sperma im Körper des Opfers und betonte dabei – eine solche Spur wäre in jedem Fall nachweisbar. Ob die Anklägerin deshalb von ihrer ursprünglichen Tatvariante abrückt, ist offen. Falls ja, könnte sie dem rechtlichen Hinweis des Gerichts folgen, dass ein sexueller Hintergrund zumindest bei der Tatentstehung eine Rolle gespielt haben könnte und der Streit im Führerhaus möglicherweise deshalb entstand, weil Sophia Lösche einen Annäherungsversuch des Angeklagten abwies.

Der Prozess beginnt am Dienstag um 9 Uhr.

 

0 Kommentare

Kommentieren

  1. Passwort vergessen?
  2. * = Pflichtfeld
Sie haben noch keinen Benutzer-Zugang? Jetzt registrieren!

Wenn Sie einen Kommentar verfassen, so wird dieser unter Ihrem Klarnamen, also dem von Ihnen angegebenen Vor- und Nachnamen veröffentlicht. Sollte Ihr Kommentar nicht sofort erscheinen, bitten wir Sie um etwas Geduld. Wir behalten uns vor, Kommentare vor der Veröffentlichung zu prüfen. Bitte beachten Sie hierzu auch unsere Netiquette.

loading