Lösche-Prozess Letzte Ausfahrt für einen Anmachversuch?

Der wegen Mordes angeklagte Marokkaner (M.) betritt den Gerichtssaal. Im Vordergrund sitzen Andreas Lösche (r.), Bruder der ermordeten Tramperin Sophia Lösche, mit seinen Eltern. Foto: Daniel Karmann

BAYREUTH/PLECH. Im Prozess um den gewaltsamen Tod der Anhalterin Sophia Lösche hat der Schwurgerichtsvorsitzende Bernhard Heim angedeutet, welchen Tathintergrund das Gericht für nahe liegend hält.

Aus Fragen, die Heim dem Psychiater Thomas Wensek stellte, ergibt sich, dass der wegen Mordes angeklagte Fernfahrer Boujeema L. am Parkplatz Sperbes seine letzte Chance genutzt haben könnte, um auszuprobieren, ob bei der leicht bekleideten Anhalterin, die ihn an einem Rastplatz bei Leipzig auf Arabisch um eine Mitfahrgelegenheit bat, die auf der Fahrt einen Joint rauchte, der er einen Espresso ausgab und der er eine marokkanische Haschpfeife schenkte, „was geht“. 30 Kilometer weiter wollte Sophia Lösche aussteigen, um von Hersbruck nach Amberg zum Geburtstag ihres Vaters zu kommen.

Freunde und Angehörige: Sophia hatte nur bei belästigung geschlagen

Auf dem Parkplatz Sperbes war ein laut den GPS-Daten dreistündiger, laut Polizei „unsinniger“ Halt, Boujeema L. sollte am Morgen des 15. Juni im Industriegebiet in Lauf Ladung aufnehmen. Wie berichtet, reklamiert Boujeema L. für die Geschehnisse vom 14. Juni abends in der Kabine seines Führerhauses einen Streit aufgrund eines Missverständnisses. Sophia Lösche soll nach einem Brocken Hasch gesucht, den Fernfahrer des Diebstahls bezichtigt, ihn mit dem A-Wort beschimpft und ihn geohrfeigt haben. Angehörige und Freunde der 28-Jährigen schlossen das aus: Sophia Lösche hätte sicher nur dann zu körperlicher Gewalt gegriffen, wenn der Trucker zudringlich geworden wäre.


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Gutachter erkennt keine Affekt-Tat

Die von dem Angeklagten behauptete Tatversion wäre nach Einschätzung des Psychiaters Wenske eine affektiv aufgeladene Situation: „Er kriegt eine Ohrfeige und dann auch noch von einer Frau.“ Eine Affekt-Tat, für die man eine Schuldminderung annehmen könne, vermag der Gutachter nicht zu erkennen: Zuviel wisse der Angeklagte noch über äußere Umstände und seine inneren Befindlichkeiten. Vor allem die von Boujeema L. geschilderten zwei Phasen des Tathergangs sprächen dafür, dass spätestens bei der zweiten Tatphase keinerlei Affekt vorgelegen haben könne: „Er schlägt zu, geht raus, nimmt seine Zigaretten mit, raucht eine und kehrt zurück, um erneut zuzuschlagen“ – da könne man erwarten, dass ein Mensch weit genug herunter fährt, um nachdenken zu können.

Führerhaustür war verschlossen

Die Angehörigen der Getöteten brachten Indizien ins Spiel, die zur angedeuteten Tatversion des Gerichts passen könnten: Laut dem Angeklagten war die Beifahrertüre verriegelt: Etwa per Funkschlüssel verschlossen, damit Sophia Lösche bei dem für sie überraschenden Halt nicht aus dem Führerhaus fliehen konnte? Oder suchte die Anhalterin, als sie das Führerhaus durchwühlte, vielleicht nur ihr Mobiltelefon, das der Trucker hatte verschwinden lassen? Nimmt man an, dass der Halt in Sperbes von Boujeema L. geplant war und Sophia Lösche davon überrascht wurde, dann gibt es laut Psychiater Wenske nicht den Hauch eines Affekts, dann wäre das Verschließen des Führerhauses eine Vorbereitungshandlung. Das Schwurgericht will sich bis zum heutigen Dienstag beraten, ob es rechtliche Hinweise erteilen muss. Danach soll der Prozess in eine zweiwöchige Pause gehen, ehe am 10. September die Plädoyers gehalten werden.

 

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