Lösche-Prozess Hinweis auf eine zweite Mordvariante

Boujeema L. (rechts), hier mit seinem Verteidiger Karsten Schieseck und einem Dolmetscher, hat die Tötung von Sophia Lösche gestanden. Das Geschehen, das er in seinem Geständnis schildert, könnte ebenfalls eine Verurteilung wegen Mordes begründen. Foto: Manfred Scherer

BAYREUTH/PLECH. Es hatte sich angedeutet, nun hat das Bayreuther Schwurgericht Stellung bezogen: Die Bluttat an der Anhalterin Sophia Lösche könnte auch ein Mord zur Verdeckung einer Körperverletzung gewesen sein. Das geht aus einem sogenannten rechtlichen Hinweis hervor, den der Gerichtsvorsitzende Bernhard Heim am Dienstagnachmittag erteilte.

Rechtliche Hinweise müssen in einem Strafprozess dann erteilt werden, wenn die in der Beweisaufnahme erbrachten Sachverhalte von der durch die Staatsanwaltschaft erhobenen und vom Gericht zur Hauptverhandlung zugelassenen Anklage nicht gedeckt sind. Im Fall der Bluttat an Sophia Lösche ging die Anklage davon aus, der marokkanische Fernfahrer Boujeema L. habe die Anhalterin zur Verdeckung einer Sexualstraftat ermordet. Sophia Lösche war am späten Nachmittag des 14. Juni 2018 am Schkeuditzer Kreuz in den Laster des Angeklagten gestiegen.

Sexualstraftat zweifelhaft

Nach seinem eigenen Geständnis hatte der 42-Jährige die Anhalterin auf dem Autobahnparkplatz Sperbes im südlichen Landkreis Bayreuth in der Fahrerkabine seines Lasters mit einem schweren Radmutterschlüssel erschlagen. Für die von der Staatsanwaltschaft angenommene Sexualstraftat an der 28-jährigen Studentin, die damals von ihrem Studienort Leipzig zur Geburtstagsfeier ihres Vaters nach Amberg trampen wollte, ergab der Prozess nur Indizien: Der marokkanische Trucker hatte Fotos von Frauen auf seinem Handy und auch Fotos, auf denen er sich selbst befriedigt. Konkrete Beweise, dass Sophia Lösche sexuell missbraucht oder gar vergewaltigt wurde, ergaben die gerichtsmedizinischen Untersuchungen, wie berichtet, nicht. In seinem Geständnis hatte der Fernfahrer, zum Teil unter Tränen, beteuert, dass er keinesfalls eine Sexualstraftat an Sophia Lösche begangen habe.

Mord als Vertuschung von Körperverletztung?

In der Tatschilderung des Angeklagten sieht das Gericht jedoch die Möglichkeit einer zweiten Mordvariante. Boujeema L. hatte berichtet, er habe mit Sophia Lösche gestritten – angeblich wegen eines Krümels Haschisch, den die junge Frau in dem Führerhaus suchte. Dieses Suchen will der Fernfahrer als Durchwühlen seiner Sachen in Diebstahlsabsicht missdeutet haben. Bei dem ausufernden Streit habe Sophia Lösche ihn mit dem A-Wort beleidigt und ihm eine Ohrfeige gegeben. Die Reaktion des Fernfahrers: Schläge mit einem etwa 1,1 Kilo schweren Werkzeugrohr aus Eisen, an dessen Ende sich ein Sechskant für die Radmuttern des Lasters befindet. Weil der Angeklagte den Tathergang als Geschehen in zwei Phasen schilderte, kommt nun das Gericht zu der Annahme, auch die vom Angeklagten angebotene Tatvariante könne ein Mord gewesen sein: Nämlich deshalb, weil zwischen der ersten Phase eine zehnminütige Pause war, in der der Angeklagte außerhalb seines Lasters eine Zigarette geraucht haben will. In der zweiten Tatphase will Boujeema L. nochmals zugeschlagen haben. Hierin könnte nach dem rechtlichen Hinweis der Mord begründet sein: zur Verdeckung der bei der ersten Tatphase begangenen gefährlichen Körperverletzung.

„Hier lügt mein Mandant mich an.“

Zu diesen zwei Tatphasen hat sich Verteidiger Karsten Schieseck schon eindeutig positioniert: Laut der Gerichtsmedizin sei Sophia Lösche schon mit der ersten Tatphase tot gewesen: „Hier lügt mein Mandant mich an.“ Worüber der Fernfahrer und Sophia Lösche stritten, lässt der rechtliche Hinweis offen: Es könne „ungebührliches Verhalten“ der Anhalterin gewesen sein, also tatsächlich Durchwühlen des Führerhauses, aber auch eine „deutliche Zurückweisung“ des Angeklagten durch das Opfer. Bei Letzterem geht das Gericht davon aus, dass der Lasterfahrer bei Sophia Lösche einen Anmachversuch gestartet haben könnte und die junge Frau ihm eine Abfuhr samt Backpfeife verpasste.

Der Prozess soll am 10. September fortgesetzt werden. Für diesen Tag sind die Plädoyers geplant.

Lesen Sie außerdem:

 

0 Kommentare

Kommentieren

  1. Passwort vergessen?
  2. * = Pflichtfeld
Sie haben noch keinen Benutzer-Zugang? Jetzt registrieren!

Wenn Sie einen Kommentar verfassen, so wird dieser unter Ihrem Klarnamen, also dem von Ihnen angegebenen Vor- und Nachnamen veröffentlicht. Sollte Ihr Kommentar nicht sofort erscheinen, bitten wir Sie um etwas Geduld. Wir behalten uns vor, Kommentare vor der Veröffentlichung zu prüfen. Bitte beachten Sie hierzu auch unsere Netiquette.

loading