Mordprozess War Sophias Tod ein Mord oder Totschlag?

Oberstaatsanwältin Sandra Staade (hinten) hat im Fall Sophia Lösche beantragt, den 42-jährigen Fernfahrer Boujeema L. (Mitte) wegen Mordes zu lebenslanger Haft zu verurteilen. Verteidiger Karsten Schieseck hält nur Totschlag für erwiesen. Das Urteil in dem Verfahren will das Schwurgericht in Bayreuth am 18. September um 10 Uhr verkünden. Foto: Manfred Scherer

BAYREUTH/PLECH. Eine Oberstaatsanwältin und ein Verteidiger, die einem Angeklagten sehr weit glauben, aber zu unterschiedlichen Ergebnissen kommen: Sie zu Mord, er zu Totschlag. Angehörige, die trotz eines fesselnden Beweises an einer dritten, schrecklichen Theorie festhalten. Plädoyers wie im Mordfall Sophia Lösche gab es im Bayreuther Schwurgerichtssaal selten.

Tatversion Nr.1:

Lebenslange Haft für einen Mord zu Verdeckung einer vorangegangen gefährlichen Körperverletzung – das war der Strafantrag von Oberstaatsanwältin Sandra Staade. Sie listete minutiös auf, warum das Ursprungsmotiv des Fernfahrers Boujeema L. (42), die Anhalterin Sophia Lösche am 14. Juni 2018 am Autohof Schkeuditz mitzunehmen, sehr wahrscheinlich sexuelle Hintergründe hatte – und nicht wie vom Angeklagten reklamiert Hilfsbereitschaft: Tags zuvor fotografierte L. heimlich an einem Autobahnparkplatz leicht bekleidete Frauen, die Sophia ähnlich sehen. Gut eine Stunde vor seinem Eintreffen in Schkeuditz machte er von sich autoerotische Aufnahmen. Eine Minute, bevor L. die an der Eingangstüre eines Tankshops auf eine Mitfahrgelegenheit wartende Studentin Sophia Lösche anspricht, macht er weitere Fotos – die später gelöscht werden. Gelöscht wie auch jene, die er auf der Fahrt danach mit einer App namens „Secret Video“ macht. Nichts anderes sei auf den nicht wiederherstellbaren Dateien zu sehen gewesen als die junge Frau, um die während der Fahrt nach Süden die Gedanken des Fernfahrers zu kreisen beginnen: „Sophia war offen, sprach ein wenig arabisch. Er fand sie attraktiv und vertraute ihr seinen Spitznamen ’Bob’ an.“ Staade ist überzeugt, dass der Angeklagte plante, sich an die junge Frau heranzumachen und dafür den Parkplatz Sperbes im südlichen Landkreis Bayreuth auswählte und nicht deshalb, weil Sophia angeblich aufs Klo musste. 20 Kilometer weiter, in Lauf, hatte Sophia aussteigen wollen, um von hier weiterzukommen zur Geburtstagsfeier ihre Vaters. Staade: „Er musste hier raus, wenn er einen Annäherungsversuch starten wollte.“

Laut Staades wehrte Sophia einen Annäherungsversuch ab – wohl mit einer Ohrfeige. Worauf der Mann mit einer latent aggressiven Persönlichkeit vor Wut mit einem Radmutterschlüssel auf die 28-Jährige einschlug. Staade ist überzeugt, das das Geständnis des Angeklagten im Kern der Wahrheit entspricht und verwendet die von Boujeema L. geschilderten zwei Tatphasen gegen ihn: Die Schläge in der ersten Phase seien nicht so massiv gewesen, so dass Sophia die zehn Minuten, die der Fernfahrer draußen am Parkplatz rauchend und überlegend zubrachte, nur schwer verletzt im Führerhaus lag. Die Schläge in der zweiten Tatphase seien „so massiv“ gewesen, dass ein direkter Tötungsvorsatz klar sei. und damit auch Mord zu Verdeckung der vorangegangenen gefährlichen Körperverletzung: „Er wollte nicht zur Rechenschaft gezogen werden. Also schlug er ihr den Kopf ein.“

Tatvariante Nr. 2:

Valentin Barth, Anwalt der Familie Lösche, sagte, dass die Angehörigen von Sophia nach der Beweisaufnahme nicht das Gefühl hätten, dass die Wahrheit aufgeklärt sei. Der Ansicht der Oberstaatsanwältin, die Polizei trage kein Mitverschulden in dem Fall, trat Barth entgegen: „Dass der Prozess überhaupt stattfinden konnte, liegt an der privaten Ermittlungsarbeit der Angehörigen und Freunde.“ Sophias Vater Johannes sagte, Boujeema L. habe nur einen Teil der Wahrheit gesagt. Er habe seiner Tochter nachgesagt, eine „Haschischsüchtige“ gewesen zu sein, die ihn angeblich zur „Weißglut“ trieb: „Wer Sophia kannte, weiß, dass das nicht sein kann.“ Andreas Lösche, Sophias Bruder, skizzierte dann die Tatversion, die die Angehörigen auch für möglich halten – nämlich einen „Tod auf Raten“: Richtig sei, dass der Fernfahrer in Sperbes auf sein Opfer losgegangen sei, sie jedoch dort nur bewusstlos schlug, sie bis nach Frankreich transportierte und sie erst dort am 17. Juni tötete. Erst dann habe das typische Nachtatverhalten eingesetzt: Beschaffung von Benzin, Loswerden des Leichnams, Abfackeln des Lasters zum Vernichten von Spuren. Und zuvor in Deutschland? Eine weiße Hose ohne Blutspuren, unauffälliges Verhalten, eine blitzsaubere Windschutzscheibe. Lösche führte das Gutachten der spanischen Obduzentinnen an, dem zufolge der Todeszeitpunkt nach dem 16. Juni gelegen habe. Er beantragte, wie auch Anwalt Barth, lebenslang für Mord und eine Prüfung, ob eine besondere Schwere der Schuld vorliegt. Die hatte Oberstaatsanwältin Staade übrigens verneint.

Tatvariante Nr. 3:

Der Bayreuther Strafverteidiger Karsten Schieseck hielt rhetorisch das wohl beste Plädoyer seiner Karriere – und kämpfte an mehreren Fronten. Zunächst beschwerte er sich über die Oberstaatsanwältin, die prophylaktisch jede Behauptung von einer möglichen Mitschuld des Opfers – leichte Bekleidung, „steigt zu einem Marokkaner in den Truck“ – als „Schwachsinn“ bezeichnet hatte: „Das ist mir in 30 Jahren noch nicht passiert. Es kränkt mich, dass mir unterstellt wird, ich käme auf eine solche Idee, Sophia Mitschuld zu unterstellen.“ Und ging zum Gegenangriff über: Es sei die schon durch die Ermittlungen nicht belegbare, gleichwohl von der Staatsanwaltschaft in die Anklage geschriebene Mutmaßung über eine sexuelle Komponente gewesen, die die Angehörigen zu widerlegten Mutmaßungen und letztlich ihrer Tatvariante vom Tod auf Raten gebracht habe. Schieseck sagte, das Gegenteil sei bewiesen: Kein Sperma im Leichnam; der 16. Juni als frühester Todeszeitpunkt sei von den spanischen Obduzentinnen als Irrtum korrigiert worden; und das wichtigste Indiz gegen die „von Trauer getragene“ Tatvariante der Angehörigen sei, dass die Fesselung nicht zu Lebzeiten erfolgte. Schieseck gab den Angehörigen ein Zitat aus dem Tom-Cruise-Film „Eine Frage der Ehre“ mit, in dem der Guantanamo-Befehlshaber Colonel Nathan Jessupp zum Verteidiger Tom Cruise sagt: „Die Wahrheit? Die können sie doch gar nicht ertragen.“

Und dies ist Schiesecks Tatvariante: Sophia Lösche sei ein besonderer Mensch gewesen, der einen „banalen“ Tod starb: „Ein Streit eskaliert, es gibt Schläge gegen den Kopf, der Tod tritt ein. Mehr war es nicht.“ Der Verteidiger betonte, ein Angeklagter dürfe lügen, dennoch habe Boujeema L. „die Größe besessen zuzugeben, dass er einen Menschen getötet hat“. Es sei die Mutmaßung der Staatsanwaltschaft von der sexuellen Übergriffigkeit gewesen, die zu dem Geständnis geführt habe, quasi nach dem Motto: „Dann erzähle ich jetzt, wie es wirklich war.“

Die Kernargumente Schiesecks für seine Totschlagsvariante: Der laut Psychiater mit einer aggressiven Persönlichkeit versehene Angeklagte habe in einer affektiven Aufladung voller Wut zugeschlagen. Jegliche Erfahrung solcher Taten besage: Die massivste Gewaltentladung erfolge bei solchen Taten immer zu Beginn. Nehme man das Obduktionsergebnis hinzu – sechs massive Schläge mit dem Eisenrohr gegen den Schädel links und rechts, könne die Tatvariante Nr. 1 der Anklage, wonach in der ersten Tatphase moderate Schläge zur Bewusstlosigkeit geführt haben, widerlegt werden. Schiesecks Umkehrschluss: Sophia Lösche war schon nach der ersten Tatphase tot. Er beantragte eine hohe zweistellige Freiheitsstrafe.

 

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