Lkw-Fahrer Wenn Routine zur Todesgefahr wird

Mit Aktionstagen an der Autobahn kämpft die oberfränkische Polizei gegen die Scheinsicherheit, inder sich viele Lkw-Fahrer wiegen. Fast die Hälfte von ihnen schnallt sich nicht an.

Bayreuth - Pech gehabt: Am Autobahnrastplatz Sophienberg-West senkt sich vor Jürgen Christ die Kelle. Einsatzkräfte der Bayreuther Verkehrspolizei ziehen den Trucker aus dem an diesem Montagnachmittag rege rollenden Verkehr. Den entscheidenden Fehler hat Christ schon ein paar Kilometer zuvor gemacht. Auf Höhe Himmelkron hatte ein Kontrollposten beobachtet, wie der Lkw-Fahrer den vorgeschriebenen Mindestabstand zum vorausfahrenden Laster nicht eingehalten hatte. Das gibt in der Regel eine Strafe von 100 Euro und einen Punkt in der Verkehrssünderkartei.

Glück gehabt: An diesem Tag wird es für den aus Chemnitz kommenden Lkw-Fahrer keine Geldbuße und auch keinen Punkt in Flensburg geben. Der für den sonstigen Verkehr gesperrte Rastplatz ist in dieser Woche der Schauplatz einer Aktion, mit der die oberfränkische Polizei vor allem die Prävention von Unfällen mit Schwerlastfahrzeugen verbessern will. Durch eigenes Erleben soll den Kapitänen der Landstraße deutlich gemacht werden, in welcher Gefahr sie sich berufsbedingt bewegen – und wie schnell Routine in Todesgefahr umschlagen kann.

Wenig später sitzt Jürgen Christ angeschnallt auf einem Schlitten, auf den ein Fahrersitz montiert ist. Ein paar erklärende Worte von Instruktor Heinrich Wolff, dann setzt sich der Schlitten in Bewegung. Vier Meter weiter ist schon Schluss und der Körper des Testfahrers fällt ruckartig in den Gurt. Alle Teilnehmer werden nach dem Test um eine Schätzung gebeten, wie schnell sie bis zum Aufprall unterwegs waren. Keiner kann glauben, dass es nur zehn Stundenkilometer waren. Mit „30 bis 40 Stundenkilometer“ liegt Christ noch sehr gut, die meisten seiner Kollegen glauben an diesem Tag 60 Stundenkilometer und noch schneller unterwegs gewesen zu sein. Nicht einmal auf einem gesicherten Schlitten wäre das zu empfehlen, wie Trainer Wolff erklärt. Die 90 Kilogramm von Trucker Christ zerren bei zehn Stundenkilometern mit der Wucht von 350 Kilogramm am Gurt. Bei Tempo 30 wären es 3100 Kilogramm, bei Tempo 60 schon 12,5 Tonnen, die dem Armaturenbrett entgegen drängen.

„Lass’ das Stauende nicht zu deinem Ende werden“ steht wenige Meter weiter an einem Infostand der Verkehrspolizei. Fotos und Filme zeigen, wie die gewaltigen Kräfte die Fahrerkabine zertrümmern, wenn ein Lkw auf ein Stauende auffährt. „Im Ernstfall hast du da wohl ganz schlechte Karten“, dämmert es Jürgen Christ. Für den 62-Jährigen mit einer Jahresleistung von 100 000 Kilometern im Regionalverkehr, ist in seiner Berufslaufbahn – von einem kleinen Auffahrunfall abgesehen – bislang alles gut gegangen. Doch allein in Oberfranken hat es im vorigen Jahr 1423 Unfälle gegeben, an denen Schwerlastfahrzeuge beteiligt waren; drei Lkw-Insassen starben, 68 wurden verletzt.

An Mängeln in der Ausrüstung der Lkws liegt das nicht. Die meisten sind mit elektronischen Systemen ausgestattet, die die Einhaltung von Sicherheitsabständen erzwingen. Doch oftmals werden die Helferchen einfach abgeschaltet. „Die Trucker fahren gern im Windschatten“, sagt ein Verkehrspolizist. „So können sie schneller fahren und vor allem Schwung zum Überholen am nächsten Berg aufnehmen.“ 121 statt der erlaubten 80 Stundenkilometer hat an diesem Montag der Fahrer eines spanischen Lkw auf dem Tacho, als er die Schiefe Ebene hinunterfährt. Auch das geht in der Regel nur, wenn man die Elektronik umgeht. Die Strafe hierfür beträgt über 700 Euro. Als Sicherheitsleistung nehmen ihm die Kontrollbeamten 300 Euro ab, für den Rest gibt es noch einen Bescheid.

Noch erschreckender ist eine andere Beobachtung bei Kontrollen: Fast die Hälfte der Kapitäne der Landstraße sind unterwegs nicht angeschnallt, obwohl schon seit 1992 auch im Lkw eine Anschnallpflicht gilt. Warum dies so ist, könne keiner der Gurtsünder nachvollziehbar begründen, sagen Kontrollbeamte. Verkehrstrainer Heinrich Wolff versucht eine Erklärung: „Es ist vor allem das falsche Gefühl der Sicherheit, wenn man ständig in einer Kabine hoch über dem restlichen Straßenverkehr unterwegs ist. Wenn die Fahrer am Wochenende in ihren privaten Wagen steigen, schnallen sie sich sofort an.“

Wie trügerisch dieses Sicherheitsgefühl ist, zeigt ein spektakulärer Simulator des Deutschen Verkehrssicherheitsrates (DVR), mit dem Überschläge von Lkw lebensnah nachgestellt werden können. Die drehbare Lkw-Kabine schwenkt kurz zur Seite und schon liegt der Fahrer fast vier Meter hoch in der Waagrechten und schaut hinunter auf den Teer. Dann geht die Kabine in zwei volle Umdrehungen. Die Zentrifugalkräfte sind so stark, dass es völlig egal ist, ob sich der Fahrer am Lenkrad festhält. Einzig der Sicherheitsgurt verhindert, dass er auf die Autobahn geschleudert wird oder sich noch am Arbeitsplatz das Genick bricht.

„Und deshalb bin ich immer angeschnallt“, versichert Jürgen Christ nach den Überschlägen im Simulator. Für ihn nimmt der Tag noch eine gute Wendung: Statt einen Bußgeldbescheid bekommt er von der Verkehrspolizei einen Thermo-Kaffeebecher, ehe er vom Parkplatz wieder auf die A 9 einbiegt.

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