Lastwagenfahrer angeklagt Prozess um den Tod von Sophia Lösche

BAYREUTH/PLECH. Eine junge, menschenfreundliche, engagierte Frau ist tot. Ihr Schicksal sorgte im Sommer 2018 als „Tramperinnenmord“ für Schlagzeilen. Der Mann, der Sophia Lösche umgebracht haben soll, steht ab Dienstag, 23. Juli als Angeklagter vor dem Bayreuther Schwurgericht. Sein Verteidiger Karsten Schieseck kündigt im Kurier-Gespräch für den Prozessauftakt zum einen ein ausführliches Geständnis seines Mandanten und zum anderen eine verbissene Gegenwehr gegen den von der Anklage erhobenen Vorwurf eines Sexualverbrechens an.

Der im Jahr 1977 in Marokko geborene Fernfahrer Boujeema L. und die 28-jährige Sophia Lösche begegneten sich am Donnerstag, den 14. Juni 2018 an der Rastanlage Schkeuditzer Kreuz bei Leipzig. Der Fernfahrer kam aus Leipzig und wollte nach Tanger in Marokko zurückfahren, wo der Speditionsstandort seines Arbeitgebers ist.

Sophia Lösche wollte ebenfalls nach Süden, nach Hause nach Amberg. Als Anhalterin versuchte sie über die A 9 in die Nähe von Nürnberg zu kommen, um von dort weiter zu fahren nach Amberg, wo sie am Abend erwartet wurde. Doch sie kam nicht.

Verteidiger: Mandant hat Tötung gestanden

Weil sie von Boujeema L. umgebracht wurde, sagt sein Verteidiger Karsten Schieseck. Sein Mandant habe die Tötung gestanden, in einer dreistündigen Befragung, die damals auf Video aufgezeichnet wurde. „Er hat geweint, er war sehr emotional“, sagt Schieseck. Das Geständnis von Boujeema L. bestätige die groben Umstände des Gewaltverbrechens an Sophia Lösche.

Der Fernfahrer sagt demnach, am Parkplatz Sperbes im äußersten südlichen Zipfel des Landkreises Bayreuth Halt gemacht zu haben, um sich dort zum Ende des Ramadan ein Fastenbrech-Mahl zuzubereiten. Er will die Tramperin dabei beobachtet und überrascht haben, wie sie das Führerhaus durchsucht habe.

In der Annahme, sie wolle ihn möglicherweise bestehlen, will er sie zur Rede gestellt haben. Der Streit sei aus dem Ruder gelaufen, schließlich habe er die Frau erschlagen. Für seinen Mandanten schwer zu verdauen: Die Anhalterin habe das Führerhaus gar nicht in Diebstahlsabsicht durchsucht.

Sofort schlimme Befürchtungen gehabt

Mit der toten Frau im Führerhaus machte Boujeema L. sich auf den Weg. In der Zwischenzeit organisierten Angehörige und Freunde von Sophia Lösche die Suche. Ihr älterer Bruder Andreas, der Grünen-Stadtrat in Bamberg ist, sagte später in Interviews, man habe sofort schlimme Befürchtungen gehabt. Man habe die Polizei in Leipzig bedrängen müssen, die Vermisstenfahndung nach seiner Schwester zu forcieren.

Freunde und Angehörige wussten durch eine Handynachricht von Sophia selbst, dass sie an der Rastanlage in einen Lastwagen gestiegen war. Mit Bildern aus einer Videoüberwachungskamera von einer dortigen Tankstelle wurde der Laster identifiziert.

Der Fernfahrer sei, so sagt sein Verteidiger, auf der Fahrt in Richtung Süden „in Panik“ gewesen. „Er ist an großen Waldgebieten vorbeigefahren, aber er hat die Leiche neben einer Straße abgelegt. Er hat einen Blaumann mit Blut drauf an und zieht ihn unter den Augen einer Videokamera in Spanien aus und wirft ihn in eine Mülltonne. So, dass eine Zeugin den Blaumann findet.“

So handle jemand, der in Panik ist und keiner, der eiskalt ein Verbrechen plant. Das Verbrechen, sich einer Frau zu bemächtigen und sich an ihr zu vergehen. Schieseck: „Es hat gedauert, bis sich Boujeema L. zu einem Geständnis durchgerungen hat. Erst, als ich ihn darauf hin wies, dass es nicht nur darum geht, wie er mit seiner Schuld umgeht, sondern auch um den Schmerz der Hinterbliebenen, hat er sich entschieden. Und es ist ihm wichtig: Die Tat hat nichts mit einem sexuellen Hintergrund zu tun.“

Und das ist der Grund, warum Schieseck sich mit ausdrücklicher Genehmigung seines Mandanten vorab an den Kurier wandte: Ein sexueller Hintergrund stehe in der Anklage. Schieseck sagt, die Anklagebehörde habe aufgrund von Fotos aus dem Handy seines Mandanten eine Annahme konstruiert, die „nichts in der Anklageschrift zu suchen hat“.

Laster ausgebrannt

Der Fernfahrer soll Frauen fotografiert haben und sich selbst in sexuell erregter Stimmung. Daraus habe die Anklagebehörde geschlossen, dass Boujeema L. die Anhalterin schon in der Absicht mitgenommen habe, ein Sexualdelikt zu begehen. Dass der Angeschuldigte diese Absicht auch in die Tat umgesetzt und danach die Studentin ermordet habe, um dieses Sexualdelikt zu verdecken.

Der Verteidiger sagt, es gebe keine objektiven Beweise für das angenommene Sexualdelikt. Am Körper der Getöteten seien keine Spuren einer Vergewaltigung gefunden worden.

Weil es keine Spuren gab oder weil keine Spuren mehr nachweisbar sind? Diese Frage lässt Schieseck offen. Der Leichnam des Opfers wurde laut Schieseck neun Tage nach ihrem Tod in Nordspanien gefunden.

Schon vor dem Leichenfund war hunderte Kilometer weiter südlich der Laster von Boujeema L. ausgebrannt, das Führerhaus war ein glühender Haufen Metall. Laut Schieseck sagt sein Mandant, er habe den Laster nicht vorsätzlich angezündet, der Motor habe seit längerem gezickt. Dennoch, so Schieseck, bekenne der Fernfahrer, dass ihm das Feuer im Motorraum durchaus gelegen gekommen sei, in der Hoffnung es werde im Führerhaus Spuren vernichten.

Das Strafverfahren gegen Boujeema L. kam ganz knapp in die Zuständigkeit der Bayreuther Justiz. Der mutmaßliche Tatort, der Autobahnparkplatz Sperbes-West, liegt laut Bayern-Atlas, dem offiziellen Kartenwerk des Landesamtes für Digitalisierung, Breitband und Vermessung im südwestlichen Zipfel des Gemeindegebietes von Plech. Der Parkplatz Sperbes-Ost dagegen gehört zum Gemeindegebiet von Betzenstein. Zwei Kilometer südlich von Sperbes ist die Grenze zwischen den Landkreisen Bayreuth und Nürnberger Land.

Zwölf Verhandlungstage angesetzt

Für den Prozess haben sich viele Medienvertreter über die Region hinaus angemeldet. Das Bayreuther Schwurgericht hat für den Prozess vorerst zwölf Verhandlungstage angesetzt, teilte Gerichtssprecher Clemens Haseloff mit.

Am kommenden Dienstag will Verteidiger Schieseck für den Angeklagte eine Erklärung abgeben, danach solle und wolle Boujeema L. selbst Fragen beantworten. Dann soll auch bekannt werden, warum Sophia Lösche das Führerhaus durchsucht haben soll und wieso der Angeklagte das weiß. Und am Ende des Prozesses wird es auch um die Frage gehen: Ist dem Angeklagten seine Version zu widerlegen?

 

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