Rottnest Island/Perth - Bis vor wenigen Tagen habe ich noch nie etwas von Quokkas gehört, mittlerweile sind Leo, mein plüschener Begleiter, und ich mit dieser seltenen Känguru-Art auf Tuchfühlung gegangen. Und zwar auf Rottnest Island, einer Insel im Westen Australiens, die ich in eineinhalb Stunden von Perth aus mit der superschnellen Fähre erreiche. Es sind Tierchen zum Verlieben mit ihren schwarzen Knopfaugen und dem neugierigen Blick. Nach meinem Abschied von Cocos Keeling Islands lande ich wieder mitten im Leben. In einer Welt voller Menschen, lautem Verkehr, hektischemTreiben. Aber Perth ist durchaus eine wunderschöne Perle, die sich entlang des Swan River, auf dem schwarze Schwäne ihre Runden ziehen, schlängelt. Und es ist eine grüne Oase für die zwei Millionen Menschen, die die Hauptstadt von Western Australia bevölkern.
Ehe ich den Quokkas erstmals Auge in Auge gegenüberstehe, erkunde ich den Zoo von Perth, gut eine halbe Stunde Fußweg von meinem Hotel entfernt und herrlich zu erreichen immer entlang des Swan River, der eher die Ausdehnungen eines Sees hat. Im Zoo - ziemlich voll, zumal gerade die Ferien auf dem Fünften Kontinent angebrochen sind - lege ich mein Augenmerk in erster Linie auf jene Tiere, die es nur in Australien gibt. Und das sind so einige. Das rote Känguru beispielsweise, das - männlicherseits - eine Größe von 140 Zentimetern erreichen kann und schon ziemlich dominant auftritt, wenn es einem so gegenüber steht. Immerhin bringt so ein Tier 85 Kilo auf die Waage. Etwas kleiner tritt das graue Känguru auf, das bis zu 1,20 Meter groß wird und um die gut 50 Kilo wiegt. Da kommt das Tammar Wallaby mit seinen höchstens 70 Zentimetern und zehn Kilogramm eher schmächtig daher.

Tasmanischer Teufel von Gesichts-Tumor befallen


Der Tasmanische Teufel dreht hektisch seine Runden. Nun ja, eingesperrt zu sein, mag auch nicht jedem Spaß machen. Weder Mensch noch Tier. Doch für diese Spezies scheint es wohl die einzige Chance zu sein, auf unserem von Menschenhand ziemlich zerstörten Erdball überleben zu können. Denn in freier Wildbahn, so die Prognosen der Wissenschaftler, dürften diese Tiere in 20 Jahren spätestens ausgestorben sein. Vor allem wegen eines Gesichts-Tumors, der 1996 erstmals aufgetaucht ist, dezimiert sich der Tasmanische Teufel mehr und mehr. Was ich zum ersten Mal höre, ist, dass sich die Tiere mit dem Tumor durch Bisse gegenseitig infizieren. Auch für die Wissenschaft ist dies bislang ein ungelöstes Rätsel.

Das Kontrastprogramm


Mit interessanten Erlebnissen im Kopf-Gepäck mache ich mich auf den Rückweg und wähle im Hotel die Telefonnummer von Jack und Lynn. Das pensionierte Ehepaar habe ich auf den Cocos Keeling Islands kennengelernt, wo sie eines der größten und schönsten Häuser besitzen. Ich indes habe ja das spartanische Kontrastprogramm wahrgenommen und drei Wochen lang in einem ausgedienten Schulbus gelebt. Aber das Leben bedeutet auch Veränderung. Und auf meiner Reise habe ich eines gelernt: Nämlich jede Gelegenheit wahrzunehmen, die sich einem bietet, um Neues zu erleben. Ich denke zurück an die Einladung der beiden, die vor zwei Wochen nach Perth geflogen sind, wo sie ihren eigentlichen Wohnsitz haben. Und am späten Nachmittag sitze ich schon auf deren weitläufiger Terrasse mit gigantischem Blick auf die Skyline von Perth, die Schiffe auf dem Swan River und prächtige Villen all überall. Für 38 Dollar bringt mich ein Taxi in gut 20 Minuten in diese reiche Gegend, wo ein Palast größer und mondäner ist als der andere.

Jacks und Lynns Haus mit gut 400 Quadratmetern bietet so ziemlich alles, was man sich für mächtig viel Geld kaufen kann: Drei Pools, einen riesigen draußen, einen Whirlpool auf der kleinen Terrasse und einen Kanal, in dem der 70-Jährige seine Fitness auf die Probe stellt, indem er gegen den Strom schwimmt. Dann gibt es ein Kino, in dem um die 20 Leute Platz finden können und in dem wir mal eben ein Rockkonzert in voller Lautstärke anhören. Dass man aus der Badewanne bei Kerzenschein direkt den Swan River überblicken kann, versteht sich von selbst. Wie viele Schlafgemächer das Haus beherbergt, weiß ich nicht. Doch es dürften so einige sein. Der Wohnraum mit monströser offener Küche ist der reinste Tanzsaal, in dem auch der riesigste Pool-Billard-Tisch steht, den ich je gesehen habe.

Der wird auch gleich umringt von den drei kleinen Enkeln, die mit Jacks Tochter eintrudeln. Weitere Verwandtschaft nimmt ebenfalls Platz, und ich bin neugierig bestaunter Gast inmitten dieser elitären Runde. Jack schleppt edle Tropfen aus seinem vom feinsten temperierten Weinkeller heran, aber auch Bier aus der Flasche ist hier kein No-Go. Jacks Sohn zieht das vor. In der Küche liefern sich Jack und sein Schwager Mark indessen ein Gefecht, wer das beste Curry aufzutischen vermag. Nun, auch wenn es schwerfällt, das von Mark - er nimmt mich regelrecht ins Gebet, sein Curry als bestes zu bewerten - ist in der Tat das würzigste von allen.
Neben mir nimmt später noch einer der hübschesten jungen Männer Platz, denen ich je begegnet bin. Der Sohn von Mark fährt mich später sogar nach Perth in mein Hotel. Er ist nicht nur schön anzuschauen, sondern äußerst charmant und intelligent obendrein. Keine Sorge: Der junge Mann ist erst 25 Jahre alt und ich habe ihm nichts getan! Aber er wäre sicherlich der Traum einer jeden Schwiegermutter. Ein wunderbarer Abend, dem nichts hinzuzufügen ist.

Traumhaftes Idyll vor der Westküste


Der nächste Morgen beginnt früh kurz nach sechs Uhr mit einem Marsch in klirrender Kälte. Während ich zum Hilton-Hotel laufe, wo ich auf den Bus warte, der mich zur Fähre bringt, hasten die Büro-Menschen mit Schal, Mütze und Winterstiefeln an mir vorbei, einen Kaffeebecher in der Hand. Heute steht der Besuch von Rottnest Island an. Für knackige 119 Dollar gehe ich an Bord, bekomme allerdings nach meiner Ankunft ein Fahrrad in die Hand gedrückt, mit dem ich die Insel erforschen kann. Brotzeit, Wasser und Rotwein - ich habe alles bei mir, um einen schönen Insel-Trip genießen zu können. Kraftfahrzeuge sind auf der Insel verboten, dafür stehen die Radfahrer nach Ankunft der Fähre Schlange, um auch einen Helm zu ergattern. Denn der ist - wie überall in Australien - Pflicht. Elf Kilometer lang und 4,5 Kilometer breit ist dieses bedeutende Habitat für seltene Tierarten. Und zu jenen zählt das Quokka, das hier überleben konnte, weil weder Fuchs noch Ratte eingeführt wurden. Für jene allerdings hielten die ersten Seefahrer die Quokkas, weshalb die Insel fälschlicherweise als Rottnest Island (Rattennest) bezeichnet wurde. Hier können auch seltene Vögel beobachtet werden, wie zum Beispiel der Klippensittich. Spuren menschlicher Besiedlung durch australische Ureinwohner sind etwa 6500 Jahre alt.

Wo auch immer ich auf der Insel entlang radle, tun sich traumhafte Ausblicke auf. In weiter Ferne ist im Dunst die Skyline von Perth auszumachen. Es geht zum Teil ordentlich bergauf und in rasender Fahrt wieder Richtung Meer, wo ein Strand mit strahlend weißem Sand malerischer liegt als der andere. Dazwischen Büsche, Bäume und schroffe Klippen, von denen man auf das türkisblaue Meer blickt, das im australischen Sommer geradezu zum Schnorcheln einlädt. Frechdreist pirschen sich die gerademal 30 bis 40 Zentimeter kleinen, flaumig anzufassenden Quokkas an meinen Rucksack heran. Klar, der riecht nach Essen. Mit ihren Krallen ziehen sie sich kraftvoll an meiner Trekkinghose hoch, um meiner Brotzeit ein wenig näher kommen zu können. Ihre schwarzen Knopfaugen sind einfach zum Verlieben. Welch entzückende Tierchen, die vom Aussterben bedroht sind. Laut wissenschaftlichen Forschungen gibt es maximal noch 17.000 Tiere in Australien, und zwar nur rund um Perth. Die Hälfte davon lebt ausschließlich auf Rottnest Island. Nach drei Stunden Radeln wird es Zeit für eine Brotzeit mit Pie - der unvermeidliche Snack allerorten in Australien -, Nüssen, Käse und Rotwein. Welch eine idyllische Insel. Auf dem Rückweg über den Swan River, der sich entlang traum- und sündhaft teurer Villen zieht, entdecke ich das Haus von Jack und Lynn, in dem ich gestern einen herrlichen Abend verbringen durfte, von der anderen Seite. Ein schicker Anblick.

Nette Gesellschaft und eine Absage


Spätnachmittags zurück in der Stadt, lasse ich mich durch die Straßen treiben, wo sich tolle Gebäude und Geschäfte aneinander reihen und riesige Shopping-Malls zum permanenten Einkauf locken. Zeit für einen Dämmerschoppen, zumal Shopping nicht drin ist, entscheide ich und steuere das "Moon" an. Eine Kneipe, die schon um vier Uhr äußerst gut besucht ist - von Einheimischen wie von Touristen. Und das, obwohl ich salzige 9,60 Dollar für mein Hahn dry hinblättern muss. Dass das Hofbräuhaus-Weizen, das wirklich gruselig schmeckt, runde zwölf Dollar kostet, macht das Kraut jetzt auch nicht mehr fett. Ein Ingenieur aus Queensland gesellt sich an meinen Tisch, und es ist ganz interessant, was er zu erzählen hat. Morgen früh um fünf Uhr muss er mit dem Helikopter übersetzen auf eines der großen Tanker-Schiffe, um irgendetwas zu reparieren. Froh über meine Gesellschaft, lädt er mich in das Restaurant gegenüber zum Dinner ein. Ich wähle eine der günstigeren Varianten - leckere Gnocchi -, während Wesley Garnelen und Steak in sich hineinschlichtet. Und stolz erzählt er von seinen vier Kindern und seiner Frau, mit der er seit 40 Jahren verheiratet ist. Um im nächsten Moment zu fragen, ob ich ihn auf sein Hotelzimmer begleite. Ich bedanke mich für das Essen, drücke ihm die Hand und wünsche ihm eine gute Zeit in Perth und der Welt, während ich schon hinausspringe auf die Straße, um ein Taxi heranzuwinken.

242 Stufen zur "Seele der Stadt"


An meinem dritten und letzten Tag in der viertgrößten australischen Metropole besuche ich die "Seele der Stadt", den Kings Park. Ich erreiche ihn über 242 Stufen, die die "Jacobs ladder" hinauf führen. Vorbei an Joggern, die hier x-fach auf und ab rennen und oben auf der Plattform völlig außer Puste die herrliche Sicht auf die Zwei-Millionen-Stadt genießen. Perth hat mittlerweile die Größe von 5400 Quadratkilometern überschritten und erstreckt sich von den Stränden am Indischen Ozean ostwärts bis zu den Ausläufern der Darling Range. Das Zentrum liegt etwa zehn Kilometer Luftlinie vom Indischen Ozean entfernt im Binnenland, wo sich der Swan River zu einem See ausdehnt. Kings Park ist ein 400 Hektar großes Gelände am Rande der City, das zu einem Großteil noch aus ursprünglichem australischen Buschland besteht. Den südlichen Teil des Parks nimmt der Botanische Garten ein. Es gibt ein Restaurant, Sportanlagen, Denkmäler, ein Open-Air-Kino und Platz für Picknicks und Wanderungen.

Von der Höhe des Parks hat man auch einen wundervollen Blick auf den Swan River sowie die Glas- und Betonbauten an seinem Ufer, die die Skyline von Perth, der Metropole des Segel- und Wassersports, bilden. Der Botanische Garten zeigt auf einer Fläche von 18 Hektar etwa 2000 verschiedene Pflanzen aus der Region und beherbergt lokale Vogelarten, unter anderem den schwarzen Kakadu. Von den 25.000 verschiedenen Pflanzen, die auf dem Fünften Kontinent wachsen, ist ein Drittel in Western Australia beheimatet. Kreischend ziehen die Ringneck Parrots - Papageien in Regenbogenfarben - ihre Kreise, während Willy Wagtail und der schwarze Magpie hüpfend im Park unterwegs sind. Dazwischen kann man immer wieder Skulputuren und andere Kunstwerke aus Metall, Holz oder Bronze bestaunen, ebenso Kunst von den Aborigines.

Von der West- an die Ostküste


Das Klima in Perth ist mild, die Sonne scheint beinahe täglich zwischen zehn und 14 Stunden lang. Die Aborigines bezeichnen diesen Ort als Alunga, was frei übersetzt „Ort mit viel Sonne“ bedeutet. Im Sommer kann es in einer der trockensten Städte Australiens durchaus an extrem heißen Tagen bis zu 46 Grad heiß werden. Die Winter - den erlebe ich gerade - sind in der Regel mit 17 Grad sehr mild, können aber auch fast die Null-Grad-Grenze erreichen. Auch das erlebe ich gerade, während in Deutschland Hundstage herrschen.
Ich schnappe mir einen der unzähligen Busse, die hier umsonst als Green Cat, Red Cat oder Yellow Cat von A nach B fahren. Ein Angebot, das die Menschen hier in Massen nutzen und das dazu beiträgt, dass der Verkehr in Perth nicht kollabiert. Ein letztes Mal lasse ich mich treiben zwischen Edel-Boutiquen wie Miu Miu und Cartier, lustigen Kneipen und schicken Gebäuden und Kunstwerken. Noch einmal steuere ich das "Moon" an, denn hier kann man am besten Menschen beobachten. Vor allem, wenn sie zum Rauchen gehen. Auch wer, so wie ich, nicht im Lokal, sondern unter den Heizlampen draußen auf der ausladenden Terrasse sitzt, darf im Freien am Glimmstängel ziehen. "Fünf Meter Abstand" verweist ein Schild darauf, dass die Raucher am Straßenrand zu stehen haben. Nachdem ich dieser Sucht vor acht Jahren entkommen konnte, weiß ich gerade nicht, was ein Päckchen Zigaretten in Deutschland kostet. Hier allerdings trifft mich schier der Schlag angesichts der Preise: Eine Schachtel kostet zwischen 20 und 23 Dollar. Auf Cocos Keeling Islands waren es um die sieben bis zehn Dollar, zumal dort alles steuerfrei ist.

Also noch zwei, drei superteure Biere im "Moon" zum Abschluss meiner Perth-Reise, dann heißt es Packen fürs nächste Abenteuer. Es geht ins 3606 Kilometer entfernte Brisbane - von der West- an die Ostküste Australiens.