Asseryaladup/Cartagena - Pünktlich um 5 Uhr steht am Morgen des 2. Januar tatsächlich jemand von der Agentur vor meinem spartanischen Hostal. Ich hatte die Tour zu den Kuna Yala ja erst gestern Nachmittag auf Umwegen gebucht. Ich bin wirklich überrascht, denn hier gehen die Uhren zuweilen ja doch ganz anders.

Zusammen mit einigen Indios sitze ich wenig später in einem Allrad-Jeep. Warum, das erklärt sich spätestens, als wir nach gut eineinhalb Stunden in die Berge kommen. Unendliche Serpentinen mit Steilpässen, die bei uns gar nicht erlaubt wären, geht es hoch und runter. Dazwischen sind unbefestigte schlammige Pisten mit badewannengroßen Löchern, zum Teil gefüllt mit Regenwasser.

Während der Fahrt regnet es immer wieder. Als wir oben in den immergrünen Hügeln eine Pause einlegen, bin ich doch sehr froh, einen Schal und meine Fleecejacke dabei zu haben. Hier dürfte es nicht mehr als 15 Grad haben. Die Indios bleiben lieber gleich im Auto sitzen.

Mit mir reist ein Holländer, der in Frankreich lebt und gerade seinen Bruder in Panama besucht. Als Leo und ich nach etwa drei Stunden ins Reich der Kuna gelangen, müssen wir erst einmal unsere Reisepässe zücken und 20 Dollar abdrücken. Die sind also in den 300 Dollar für drei Nächte Insel-Genuss (fast) ohne Strom und sonstigen Komfort nicht enthalten. Ebenso wenig wie zweimal zwei weitere Dollar für den Transport mit dem Boot zur Insel Asseryaladup. Von der habe ich im Leben noch nie zuvor gehört.

Es ist allerdings ein wirklich harter Ritt ins Insel-Paradies. Eine Hand krallt sich an der vorderen Bank fest, die andere an meiner Sitzbank. Während sich die Menschen in meiner Heimat teuren Meerwasser-Behandlungen im Kosmetikstudio unterziehen, bekomme ich das hier kostenlos. Eine komplette Ladung Wasser gischtet mir gleich mehrmals mitten ins Gesicht bei dem massiven Wellengang. Hierfür braucht man gute Nerven und eine Schwimmweste. Das erste Mal auf meiner Tour, dass ich die wirklich gern trage. Dennoch komme ich wohlbehalten an.

Während sich in manchen Cabanas gleich bis zu acht Leute einige Matratzen teilen, bekomme ich - warum auch immer - eine Hütte für mich allein mit Doppel- und Einfach-Matratze. Da kann ich wenigstens einmal meine immerfeuchten Klamotten zum Trocknen ausbreiten. Dass die Wäscheleine vor meiner Hütte nicht das Gelbe vom Ei ist, bekomme ich erst am Morgen darauf zu spüren, als ich meine Handtücher herunternehmen möchte. Über Nacht haben die Pelikane, die hier überall in den Palmen sitzen und schlafen, ihre Kotspuren hinterlassen. Ein Traum! Ich hoffe, die werden nach der kurzen Wäsche noch bis zum Schnorcheltrip trocken.

Frühstück, Mittag- und Abendessen wird mit einer Art Horn - es ist eine riesige Muschel - propagiert. Dann weiß jeder auf diesem malerischen Eiland, das in zehn Minuten zu umrunden ist, Bescheid, dass eine Stunde lang etwas auf den Tisch kommt. Das ist jedoch recht spartanisch. Morgens gibt es ein Spiegelei und dazu ein frittiertes, süßes Brötchen, das wirklich lecker schmeckt. Aber leider wird es zuweilen durch frittierte Kochbananen ersetzt. Ich bin kein Freund dieser mehligen Angelegenheit. Mittags gibt es ein wenig Reis, ein kleines Stück Fisch und dazu ein bisschen Salat. Abends kommen Kartoffeln, ein Mini-Stück Huhn und wieder etwas Salat auf den Tisch.

Dafür kreist hier die Rumflasche, so dass ich hin und wieder nur Coca Cola besorgen muss. Zudem haben die Kuna - sie sind alle locker einen Kopf kleiner als ich, und zwar Männlein wie Weiblein - wieder einen mächtigen Vorrat an Bier herangeschafft, so dass zumindest diese Versorgung für zwei Dollar pro Dose bestens funktioniert. Wenn ich bedenke, dass ich am Abend zuvor fünf Dollar für ein Bier in Panamas Altstadt abdrücken musste, ist das gerade zu ein Schnäppchen. Allerdings kostet die kleine Flasche Wasser auch zwei Dollar.

Es wird also Zeit, dieses teure Land schnellstmöglich zu verlassen, denn das mir gesetzte Limit habe ich hier längst überzogen. Dafür habe ich allerdings wunderbare Eindrücke gewonnen. Um an mein nächstes Ziel, Kolumbien, zu gelangen, bin ich froh, dass ich technisch bestens ausgestattet bin. Allerdings auf der Insel nur, solange der Akku von Handy und Tablet noch ausreichend ist. Denn vom Festland aus ist Mireya mit mir in enger Verbindung. Per SMS tauschen wir Daten aus, damit mein Transport von der Insel nach Panama reibungslos klappt und meine weitere Tour nach Colon, von wo aus meine Fähre nach Cartagena startet.

Der erste Abend auf der Insel ist wirklich unterhaltsam. Ich sitze im Kreise von Franzosen - einer mit Burnout -, einer Marketing-Frau von Bulgari-Parfum, die für Panama zuständig ist und aus Kolumbien stammt, mit Engländern, Deutschen und Amerikanern - vier kommen aus New Yok -, und wir haben richtig Spaß. Um 22 Uhr wird auf der ganzen Insel das Licht abgedreht. Zur Toilette über die halbe Insel geht es nur mit der Stirnlampe. Und geschätzte 50 Zeit-Insulaner aus aller Welt teilen sich hier zwei Toiletten, aber nur eine Dusche.

Am zweiten Tag auf Asseryaladup ist es ziemlich bewölkt und die Wellen schlagen hoch. Nichtsdestotrotz heißt es nach dem Frühstück Aufbruch zum Inselhopping. Wer gern Achterbahn fährt, mag wohl Spaß daran finden, dass unser Boot ohne Verdeck einer Nussschale gleich gut eine Stunde lang durch etwa drei Meter hohe Wellen ankämpft. Da war der gestrige Trip zur Insel ja nahezu ein Spaziergang. Von Kopf bis Fuß ist jeder an Bord komplett durchweicht.

Das dürfte erstmals im Leben sein, dass meine Pobacken eine Prellung davontragen. Vom Rücken mal ganz zu schweigen. Dafür werden wir zunächst mit kleinen Stopps auf Postkarten- und Poster-Inseln belohnt. Ein Motiv bietet sich besser an als das nächste. Wohin das Auge reicht, malerische Palmen, schneeweißer Sandstrand, türkisblaues, karibisches Meer. Doch die Krönung folgt erst beim letzten Halt. Es ist schon ein tolles Vergnügen, als Schnorchler ein Schiffswrack zu erspähen, um das sich rundherum zahlreiche bunte Fische tummeln.

Doch dann fließen auf dieser malerischen Mini-Insel bei mir wieder einmal Tränen. Diesmal allerdings vor Glück. Ich bin völlig gerührt, als sich aus einem kleinen Loch gut hundert winzige Schildkröten aus dem Sand buddeln. Mittlerweile umringt von einer wahren Traube Touristen ebenso wie von Einheimischen, versuchen sich die Winzlinge einen Weg Richtung Meer zu bahnen. Damit auch jedes dorthin findet, ohne von riesigen Touristenfüßen zertrampelt zu werden, noch ehe das junge Leben begonnen hat, sammelt sie ein Kuna-Indianer auf und gibt sie in Plastikeimer mit Wasser. Somit ersparen sich die Wasserschildkröten, die einmal locker bis zu einem Meter groß werden, den harten Kampf über den Strand, zu dem sie später immer wieder zur Eiablage zurückkehren werden. Gespannt verfolgen Leo und ich ihren Weg bis ins Meer. Manche werden mehrmals zurückgespült an Land, manch eine landet gar auf dem Rücken. Doch ruckzuck behelfen sich die kleinen Schildkröten und drehen sich geschickt mit ihren Mini-Flossen zurück in die Waagrechte. Bleibt zu hoffen, dass ein Großteil der eben geschlüpften Tiere überlebt.

Dass es davon keine Fotos gibt, liegt daran, dass ich die nicht mit meinem Handy - es war mir bei diesem feuchten Ausflug zu riskant -, sondern mit der Kamera aufgenommen habe. Und die Bilder hier zu übertragen, ist etwas kompliziert in dem äußerst spartanischen Zimmer, das ich gerade bezogen habe. Die Fotos vom Handy kann ich problemlos via Dropbox übermitteln. Naja, sagen wir mal, jetzt geht es problemlos. Bis es das erste Mal funktioniert hat, hat es schon seine Zeit gedauert. Allein dieses außergewöhnliche Schildkröten-Spektakel sind mir die 300 Dollar wert, die ich für die Reise ins Insel-Paradies abgedrückt habe.

Zusammen mit Chap - er fehlt mir jede Stunde - habe ich vor einigen Jahren erlebt, wie morgens um 4 Uhr an einem Strand im Süden Sri Lankas eine Riesenschildkröte an Land gekommen ist, um ihre Eier im Sand zu vergraben. Jetzt sehe ich solch ein Ergebnis live. Es ist unglaublich!

Etwas entspannter geht der Ritt über die Wellen zurück auf unsere Insel Asseryaladup. Da allerdings sind die Wellen heute mal bis in die Mitte der Insel geschwappt, die nun zum Teil unter Wasser steht. Und weil ich gleich in erster Reihe "logiere", ist meine Hütte selbstverständlich auch geflutet worden. Im hinteren Teil steht noch das Wasser. Aber es wird allmählich im Sand versickern. Es hat nur meine Badeschlappen weggeschwemmt, weil alles andere auf dem Bett verteilt ist. Welch Glück!

Als von hier die Tagestouristen abziehen, kehrt wieder Ruhe ein im Paradies, das 365 Inseln zählt. Vor so einer Kulisse zu schreiben, ist ebenfalls eine traumhafte Erfahrung. Während drei Kuna-Frauen in ihren bunten Gewändern an meinem Tisch lümmeln, habe ich mein Tablet vor, eine Büchse Panama-Bier neben und die Füße im Sand unter mir, den Blick entspannt auf das rauschende Meer.

Übrigens geben bei den Kuna die Frauen den Ton an. Sie entscheiden, ob sie einen Mann und vor allem welchen auswählen. Und sie sind es auch, die sich von ihnen trennen können. Die Männer müssen sich hier fügen. Wieso eigentlich nicht. Im Reich der Kuna, die traditionell - wie ich gerade auch - in Hütten aus Bambus, Schilf und Palmblättern leben, gibt es 52 eigene Regeln, die unter anderem den Umgang der Touristen mit den Indios umfassen. Ziellos mit der Kamera durch die Insel zu streifen und die Kuna in ihrer Privatatmosphäre abzulichten, ist ein absolutes NoGo. Gegen zwei Dollar Bares lassen sich die kleinen Indios aber gern mal fotografieren.

Das Leben läuft hier wie vor hundert Jahren ab. Allerdings gibt es heutzutage stundenweise Strom vom Generator, aber - gottseidank - keinen Fernseher. Eine Ausnahme gibt es: Fast jeder besitzt hier ein Handy. Und noch eine Ausnahme: Damit die Touristen - hin und wieder auch die Kuna-Männer - ihr kaltes Bier bekommen, gibt es Truhen, die jedoch nicht über einen Generator laufen, sondern mit Eisblöcken bestückt werden, die die Kuna alle zwei Tage per Boot vom Festland holen. Wie eben Getränke und dergleichen auch.

Die San-Blas-Inseln gehören zu den farbenprächtigsten und schönsten Regionen Panamas. Allein die bunten Gewänder der kleinen Indio-Frauen sind eine Augenweide. Von den Handgelenken bis hinauf zum Ellbogen und von den Knöcheln bis über die Waden tragen die Kuna-Frauen Perlenschmuck in leuchtenden Farben. Ihre auffällige Tracht besteht aus einem bunten Wickelrock, einer noch bunteren Bluse, die von den charakteristischen Mola geschmückt wird. Mola, das war einstmals Körperbemalung, die heute als umgekehrte Applikation aus übereinanderliegenden Stoffschichten zu einem Kunsthandwerk wird. Dieses verkaufen die geschäftstüchtigen Kuna - die verheirateten Frauen tragen einen Einheits-Kurzhaarschnitt - gern an Touristen.

Ein anderes beliebtes Souvenir - allerdings nicht von den Kuna, sondern generell in einigen Regionen des Landes erhältlich, ist der berühmte Panamahut. Nicht nur in der bewährten weißen oder cremefarbenen Version, sondern längst auch in Pink oder Blau ist der markante Strohhut zu bekommen. Nachdem dieser eine mehrmonatige Reise wohl kaum überleben würde, verzichte ich schweren Herzens darauf.

Der zweite Abend auf der Kuna-Insel endet mit einer etwas härteren Dusch-Version. Weil kein Wasser mehr in der mächtigen Plastiktonne über der Dusche und über den Toiletten ist, verpasst mir einer der Indios kurzerhand einen Eimer voll Wasser, in den ich mit seltsamen gymnastischen Verrenkungen meine salzigen Haare eintauche. Letztlich schütte ich mir den gesamten Inhalt über den Kopf. So sieht eben das Leben auf einer Robinson-Insel aus. Romantische Vorstellungen vom Leben auf einer einsamen Insel sollten all jene, die sich zuweilen danach sehnen, besser über Bord werfen. Das San-Blas-Archipel ist nicht vergleichbar mit den Malediven, wo Urlauber rund um die Uhr gepudert und gepinselt werden.

Am dritten Tag auf Asseryaladup entscheide ich mich dafür, diesen Tag auf der Insel zu verbringen. Nach einem weiteren Trip über die üppigen Wellen steht mir nicht der Sinn. Heute werden mich sämtliche Besucher aus New York - und das sind einige - verlassen, außerdem Eric und Philippe, die beiden Franzosen. Philippe treffe ich Montagabend auf der Fähre nach Kolumbien wieder. Er ist mit einem seiner Söhne in Cartagena verabredet. Ich indes muss mich erst noch auf Hotelsuche begeben.

Für lateinamerikanische Verhältnisse eher ungewöhnlich, ermahnen mich die Kunas, ihr Boot würde mich schon um 7.30 Uhr hinüber nach Carti bringen, nicht erst um 8 Uhr. Kommt mir nicht ungelegen, so esse ich nur mein Spiegelei und verzichte auf die gebratenen Bananen. Während tags zuvor um die 20 Touristen in eines der Holzboote gepfercht wurden, genieße ich quasi eine Sonderbehandlung. Vier Indios begleiten mich hinüber aufs Festland.

Die Insel wirkt mittlerweile wie leergefegt, denn jetzt sind auch die Ferien in Panama zu Ende. Auf der anderen Seite - es geht wie immer holpernd über heftige Wellen - erwartet Leo und mich schon Armando, unser Fahrer. Das Auto ist vollgestopft mit Kunas, ich darf gottseidank auf dem Beifahrersitz Platz nehmen. Am Checkpoint müssen alle Indios aussteigen und ihr Gepäck untersuchen lassen. Ich genieße scheinbar erneut ein Sonderrecht und muss nur den Pass vorzeigen. Derweil klettert ein Spürhund munter durchs Auto - auf der Suche nach Drogen.

Nach drei Stunden zurück in Panama City, setzt mich Armando vor einem Shopping-Center ab, wo mich der nächste Fahrer in Kürze abholen soll. Es ist die Chefin selbst, Melania, bei der ich den Insel-Trip und auch den Shuttle in die Hafenstadt Colon telefonisch gebucht habe. Zuerst zur Bank, denn Melanias Service kostet 80 Dollar, die Fähre hat sich von 99 auf 113 Dollar erhöht - für einen Schlafsitz. Der Grund ist die Hauptsaison, als ich den Kassierer frage, wieso der Preis nach oben geschnellt ist.

In Colon - einer Freihandelszone, in der Marken aus aller Welt zu geringen Preisen angeboten werden - hängen üble Typen ab, also lass ich mich gleich am Fährhafen absetzen. Kaufen kann ich ohnehin nichts. Wohin mit dem Zeug, wenn ich keinen Platz übrig habe. Zurück zu den üblen Typen. Hier gibt es sehr viele Arbeitslose und Drogenabhängige. Der Großteil der Bevölkerung in Colon ist schwarz und stammt von den Sklaven ab, die einstmals aus Afrika entführt und beim Bau des Panamakanals eingesetzt wurden.

Kaum ist Melania am Fähr-Anlieger verschwunden, stelle ich mit großem Entsetzen fest, dass ich mein wichtigstes Utensil - neben meiner Bauchtasche mit Pass, Geld und Kreditkarten -, nämlich meine Umhängetasche mit Tablet und Fähr-Ticket, im Auto habe liegenlassen. Und das passiert mir, wo ich doch als absoluter Kontroll-Freak gelte. Seit Chap gestorben ist, bin ich irgendwie völlig von der Rolle. So etwas wäre mir früher im Leben nicht passiert. Wo ich doch zu den Menschen gehöre, die am liebsten fünfmal zurück in die Wohnung gehen, um zu checken, ob der Herd tatsächlich aus ist. Ich bin völlig aufgelöst.

Nach dem Verlust meines Rucksacks gleich am ersten Tag in der Fremde ist dies bereits das zweite Mal, dass ich etwas Wichtiges vergesse. Ich drücke die Wiederholungs-Taste auf meinem Handy. Und Melania ist glücklicherweise sofort dran. Bestürzt teile ich ihr mit, dass ich die superwichtige Tasche vergessen habe. Und sie sagt lachend, sie habe es bereits bemerkt und befinde sich schon auf dem Rückweg. Mir fällt nicht nur ein Stein vom Herzen.

Endlich mit all meinem Gepäck auf einem der Warteplätze, buche ich telefonisch ein Zimmer in Cartagena. Ich bin gespannt, was mich erwartet. Denn ich habe erst bei der dritten Unterkunft Glück. Und die wird als "der" Backpacker-Treffpunkt schlechthin beschrieben, im In-Viertel Getsemani. Ich wähle jedoch nicht die Massen-Unterkunft, sondern ein Privat-Zimmer. Und hoffe darauf, dass ich ein eigenes Bad habe.

Kurz darauf taucht Philippe aus Frankreich auf mit seinem verbeulten Panama-Hut auf dem Kopf. Wir checken gemeinsam auf der riesigen Fähre ein. Das große Gepäck kann ich gottseidank aufgeben, und somit habe ich wenigstens diesen Ballast vom Hals. Diese Probleme hat Philippe nicht, denn er hat eine Kabine für sich gebucht. Und weil er ein Stockbett in seiner Kajüte hat, bietet er mir an, hier zu schlafen. Ich nehme gerne an, denn die Alternative wäre der von mir gebuchte und bezahlte Liegesitz mit der Nummer 77 in einem heruntergekühlten Raum, wo etliche Passagiere schlafen. Und ich kann endlich mal duschen, noch dazu warm!

Allen Moralaposteln will ich an dieser Stelle gleich einmal den Wind aus den Segeln nehmen. Nein, es ist nichts passiert. Auch wenn sich der 58-Jährige charmant - er ist ja Franzose - darum bemüht hat. Wir leeren gemeinsam eine Flasche Wein und einige Bier bei leckeren Linguine mit Langustinos. Und dann geht es ab in die Koje. Jeder in seine!

Und da ich jetzt Panama nach fünf Wochen hinter mir lasse, muss ich natürlich noch einmal auf mein Anfangs-Motto zurückkommen, warum ich eigentlich gerade in dieses Land geflogen bin. Weil, wie Chap häufig aus dem Janosch-Kinderbuch zitiert hat, hier von oben bis unten alles nach Bananen riecht. Natürlich kann ich das jetzt auch beurteilen, auch wenn ich nicht allzu viele verschiedene Orte besucht habe. Zur Ernüchterung so manch gutgläubigen Kindes - tut mir echt leid! - habe ich feststellen müssen, dass das, was der kleine Bär und der Tiger erleben, im richtigen Leben nicht ganz stimmt. Aber da, wo die Bananen wachsen, riecht es selbstverständlich von oben bis unten nach Bananen. Und der Geruch reicht sogar bis nach Deutschland. Denn dorthin wir ein Teil der Ernte verfrachtet.

Die Fähre, die über 1000 Menschen und 300 Fahrzeuge fasst - sie ist glücklicherweise nicht voll - wackelt auf der ursprünglich 18-stündigen Reise sehr bedenklich. Die Schaukelei hat sicherlich so manchen in die Knie gezwungen. Ich indes genieße die harte Matratze oben im Stockbett nach der ersten heißen Dusche. Und am Morgen danach gleich noch einmal. Das Frühstücks-Buffet kann sich sehen lassen, wenngleich jeder Posten einzeln bezahlt werden muss. Doch darauf kommt es mir nach dem Einerlei auf der Insel - Fisch mit Fisch und Fisch und Reis und Kartoffeln und Bananen (jedes Mal fast kalt) im Moment wirklich nicht an.

Schon morgens an Deck hat es um die 30 Grad. Ich eile sofort hinunter in die Kabine, um meine Beine von der Hose abzutrennen und meine Jacke zu verstauen. An den Läden an Bord ist die schaukelige Tour beileibe nicht spurlos vorbei gegangen. Im Duty-Free-Shop sind die Mitarbeiter damit beschäftigt, die Kosmetikartikel wieder in den Regalen zu verstauen. In einigen Restaurants und Bars liegen zerbrochene Flaschen und etliche Dosen auf dem Boden verstreut. Der Schmuck liegt etwas verschoben in den gläsernen Vitrinen. Manch Reisendem sieht man an, dass die Nacht nicht so besonders wohtuend auf den Liegestühlen war. Ein Kolumbianer hat es sich im Spielbereich der Kinder bequem gemacht, wo er sich auf den weichen Kissen, die eigentlich zum Toben gedacht sind, gemütlich gebettet hat. Ein wenig später spielen einige Jungen und Mädchen lachend um ihn herum.

Während ich Philippe eine Auszeit in seiner schließlich als Einzelzimmer gebuchten Kajüte gönne, genieße ich die Seeluft auf dem obersten Sonnendeck. Bis hinauf in die neunte Etage gischtet das tosende Meer. Im Nu schmecken meine Lippen salzig, überzieht eine feine Salzschicht die gesamte Haut. Noch eineinhalb Stunden bis zur Ankunft im zweiten Land meiner Reise. Ich bin gespannt, was mich in Kolumbien erwartet.

Das haut dann doch nicht ganz hin, denn wir haben Verspätung, und zwar gleich sechs Stunden. Will heißen, dass wir sage und schreibe 24 Stunden mit der Fähre unterwegs sind. Die verkehrt erst seit vier Monaten zwischen Panama und Kolumbien. In Cartagena laufen wir endlich bei Sonnenuntergang ein. Dafür ist es ein großartiges Spektakel. Eine tolle Kulisse bilden die vielen Hochhäuser, die in einem Halbrund um den Hafen liegen. Dazwischen streckt sich die Altstadt, in der ich für heute ein Hostel gebucht habe.

Was hier abgeht, ist wirklich der Hammer. Es wimmelt nur so von jungen Menschen, und die Musik, die hier aus allen Häusern dringt, ist wahnsinnig laut. Das macht also zu Panama keinen Unterschied. Das Media Luna Hostel ist leider nur für eine Nacht in Ordnung, dann ist es wieder ausgebucht. Es gibt eigentlich kaum Privatzimmer. In meinem können normalerweise drei Leute schlafen. Heute Nacht nur ich.

Als ich mein Zimmer verlasse - Dusche ist wieder mal für alle gemeinsam -, entscheide ich mich dafür, den kleinen Schrank mit einem dicken Vorhängeschluss zu versehen, um meine wichtigen Dokumente zu verschließen. Dafür bleibt die Zimmertür offen.

Durchs gesamte Haus und den Innenhof dringt mächtiger Küchengeruch nach oben in die erste Etage. Hier rankt sich eine Balustrade rund um den Innenhof, in dem zahlreiche Backpacker in Liegestühlen oder im kleinen Pool abhängen. In der riesigen Küche, die offen ist und für jeden zur Verfügung steht, wird mächtig gebrutzelt und gekocht.

Ich klappere gut ein Dutzend Hostels ab, doch niemand hat ein Privatzimmer für morgen zu vergeben. Es gibt schon welche, aber die wollen gleich 180.000 bis 200.000 kolumbianische Pesos haben. Das ist das Vierfache, das ich gerade zahle: 50.000 Pesos, was rund 20 Euro entspricht. Mein Budget muss jetzt erst einmal runtergefahren werden.

Die ersten Eindrücke sind atemberaubend. Hier steppt der Bär, gibt es unzählige Stände, an den gebrutzelt oder frisch Ceviche zubereitet wird. Ich lasse mir ein frisches mit Garnelen zubereiten. Sehr köstlich. Aber neben mir auf der Mauer sitzt eine alte Frau, eingekuschelt in ein völlig verdrecktes, ausgefranstes Sweatshirt, umhüllt noch von einer versifften Decke. Als ich die Senora frage, ob sie das möchte, schaut sie mich mit großen Augen an und freut sich. Die Hälfte davon habe ich schon selbst gegessen. Hin und wieder ein gutes Werk zu tun, gibt einem doch ein gutes Gefühl.

Männer mit Zuckerwatten-Stäben laufen auf großen Plätzen herum, einige von ihnen mit Boxen, in denen es eisgekühlte Getränke gibt oder Zigaretten. Überall strahlt noch die Weihnachtsbeleuchtung in vollem Glanz. Es ist ein herrlicher erster Abend. Und vor allem rennt einem hier nicht wie sonst permanent die Brühe über den Leib. Es hat angenehme 25 Grad nachts um 1 Uhr - und das ohne extreme Luftfeuchtigkeit.

Verrückte Party-Busse cruisen mit lärmenden Menschen durch die schmalen Straßen der Altstadt, auf einigen Plätzchen gibt es Live-Musik, und vor den Tante-Emma-Läden sitzen die Leute auf dem Gehsteig, um Bier oder sonstige alkoholhaltige Getränke in sich hineinzuschütten.

Die Krönung dieser nächtlichen wilden Straßen-Szenerie - Leo musste im Hostel meine Habe bewachen - ist allerdings die, als ich mich nach 1 Uhr noch mit Wasser eindecken will. Die beiden Läden an der Ecke haben schon geschlossen. Doch vor den Gittern - so wie die Gefängnisse in Filmen gern ausschauen - drängen sich wahre Menschenmassen. Ich schiebe mich einfach mal dazwischen. Das dürfte wahrscheinlich das schnellst verdiente Geld sein. Denn all jene jungen Leute, die sich die doch viel teureren Bars und Kneipen, in denen mittlerweile überall Livemusik zu hören ist, nicht leisten können, schreien ihre Bestellungen durch die Stäbe. Und die beiden Typen eilen im Höllengalopp zwischen Regalen, Kasse und Kunden hin und her. Hier geht flaschenweise Bier, Rum, Wein, das anishaltige Nationalgetränk sowie Becher für viele und anderes mehr durch die Gitterstäbe. Sogar Zahnbürsten werden weit nach Mitternacht noch dringend gebraucht.

Ich auf jeden Fall kriege meine zwei Flaschen Wasser und noch eine Flasche Aguila light. Ein Bier, mit dem ich mich anfreunden könnte. Es wird sicherlich eine anstrengende Nacht. Denn wir schreiben 1.30 Uhr. Und lärmtechnisch hört es sich so an, als säße ich nicht biertrinkend in meinem Zimmer, sondern noch immer mittendrin auf der Straße. Riesen-Geschrei von gut drei Dutzend jungen Leuten im Innenhof dringt in mein Zimmer, das oben eine gut 50 Zentimeter große Öffnung mit Gitterstäben hat.

Na dann, saludos Amigos. Soviel dazu: Um 4 Uhr lärmt es noch immer. Da helfen nicht mal Ohrenstöpsel. Es wird Zeit, sich nach einer neuen Bleibe umzusehen.

Es grüßen Peggy und Leo.