Panama City - Ich sitze gerade - es ist der 31. Dezember, also mein Geburtstag - auf dem Mini-Flughafen in Bocas del Toro und warte auf meinen Flug nach Panama City. Ich hab' mir zum Geburtstag ein Milky Way und einen puren O-Saft gegönnt. Und ich habe heute schon fast meinen Bungalow geflutet vor lauter Heulen. Die vielen Glückwünsche aus der Ferne haben mich sehr berührt. Mein Vermieter Chris hat mich samt der drei Mädels im Boot nach Bocas begleitet, wo der eine zum Steuerberater musste, das Trio an den Starfish-Beach. Ja, ich hatte eine tolle Zeit auf der Isla Bastimentos. Und Lucky, der Hund, hat mich noch vom Hängematten-Treff verabschiedet. Chris' Guesthouse kann ich nur empfehlen, eine schöne, familiäre Atmosphäre. Zumindest für mich, wo ich dort ja immerhin vier Wochen verbracht habe. Da ich kein Taxi finde, mache ich mich zu Fuß auf den Weg zum Flughafen - mit knapp 30 Kilo Gepäck. Bei 30 Grad. Der Rücken ächzt. Und dann hat mein Flug auch noch über eine Stunde Verspätung. So kann man seinen Geburtstag auch schmerzlos über die Bühne bringen. Dafür gibt es im Flieger - freie Platzwahl und Drängeln erlaubt - sogar was feines Alkoholisches. Ein Zettelchen, das um den Flaschenhals des hellgelben, dickflüssigen Gemischs hängt, weist dieses Getränk eindeutig als selbstgemachtes Weihnachtsgeschenk aus. Es ist ein in der Konsistenz einem Eierlikör ähnelnder Rum-Punch auf Eis. Na, dann kann die Party ja starten. In Deutschland wäre so was ja wieder völlig undenkbar. Vermutlich hätte die Fluggesellschaft die Lebensmittelüberwachung am Hals und müsste mehrere tausend Euro Strafe abdrücken. Ganz abgesehen vom Skandal, der die Gazetten füllen würde. Das Leben wäre ohne allzu akribische Vorschriften doch manchmal um einiges leichter. Endlich in Panama City angekommen, kann ich mich im Tryp Hotel auf richtigen Luxus freuen. Und die erste heiße Dusche seit vier Wochen. In dem Kingsize-Bett hätten locker fünf Leute nebeneinander Platz. Leo und ich liegen quer und haben von hier aus einen Logenplatz. Denn die Fenster reichen bis zum Boden und geben den Blick frei auf einen Teil der Panama-Skyline. Auch die Dachterrasse bietet einen gigantischen Ausblick auf ein Meer im Neonglanz strahlender Hochhäuser. Ja, hier werden wir das Feuerwerk anschauen. Das Buffet mit Glitzerzylindern auf dem Kopf und Schoko-Münzen auf dem Tisch sparen wir uns. Allerdings ist die Pizzeria um die Ecke auch nicht gerade der Brüller für mein Geburtstags-Menü. Das besteht aus gemischtem Ceviche (Garnelen, Tintenfisch und weißer Fisch) und Cräckern. Wie ich, glaube ich, schon mal erklärt habe, besteht Ceviche stets aus rohem Fisch oder Meerestieren, die durch das Einlegen in Limettensaft, Chili, Zwiebeln und frischem Koriander quasi durchziehen. So in etwa vergleichbar mit graved Lachs, der ebenfalls durch das Marinieren erst so richtig fein wird. Dass mich der Ober gleich mit saurer Miene begrüßt und es ewig dauert, bis schon mal mein Getränk kommt - Rotwein zum Fisch, weil heute eh alles wurscht ist -, wechsle ich in den Bereich eines freundlicheren Obers. Was die Miene des anderen Miesepeters noch weiter verdüstert. Zurück in meinem Zimmer, wo ich die vielen Glückwünsche auf Facebook und WhatsApp studiere (danke nochmal an alle, die an mich gedacht haben), kann ich gar nicht mehr aufhören zu heulen. Silvester haben Chap und ich immer ausgiebigst gefeiert. Ob bei uns zu Hause mit zuweilen 40 Leuten oder in kleinerem, manchmal sogar viel größerem Kreis - wir waren immer die Letzten. Eigentlich habe ich gar keine Lust auf Feuerwerk und Knutsch-Stimmung rund um mich herum. Das zieht so richtig schlimm im Herzen. Letztlich raffe ich mich auf, hoch in die elfte Etage zu fahren, wo sich ein DJ glücklicher Weise im sonst so lauten Panama mal etwas zurücknimmt. Denn es gibt hier nur den Ein- und Aus-Knopf, möchte man glauben. Viele würden mich um diese Kulisse heute bei Fast-Vollmond sicherlich beneiden. Wäre ich in trauter Zweisamkeit in Verzückung geraten, so bleibt meine Stimmung jetzt eher nüchtern. Schade, wo sich die Kulisse wirklich die größte Mühe gegeben hat. Mangels Wein greife ich zum eiskalten Panama-Bier. Besser als das zu malzige Balboa. Es steht immer fifty fifty, ob man Panama kriegt oder Balboa. Im besten Fall gibt es beides, womit die Entscheidung einfach fällt. Naja, in der Not... Hauptsache, es dröhnt! Und nein: Ich bin kein Alkoholiker, aber manche Dinge lassen sich im Suff ganz einfach leichter ertragen. Zum Beispiel Silvester allein in der Fremde Geburtstag zu feiern - neben zwei schrecklichen Typen, die jede Frau von Kopf bis Fuß mustern, um scheinbar dann ein Urteil abzugeben. Einen Spiegel scheinen die äußerst bauchlastigen Männer, die dem Dialekt nach irgendwo aus Deutschland oder Österreich zu stammen scheinen, allerdings selbst nicht zu haben. Nun ja, und so wird es endlich Mitternacht, der Sekt schmeckt schal, um den Hals fällt mir niemand, keiner wünscht mir ein gesundes neues Jahr. Ich versuche den Gedanken an frühere Silvester mit großem Geschrei in unserer Straße und Abfeiern bis zum Morgengrauen bei den Nachbarn zu verdrängen. Aber Chap schiebt sich mit geballter Wucht immer wieder in meinen Schädel. Noch zwei Cuba Libre zum besseren Berauschen, und dann ab in das mächtige Bett, wo Leo - wenigstens einer - schon sehnsüchtig auf den Kissenbergen thront. Der erste Tag im neuen Jahr ist gleich wieder gespickt voller Erinnerungen. Denn den 1. Januar 2014 haben wir komplett in den Notaufnahmen von Marktredwitz und Bayreuth verbracht. Diese heimtückische Krankheit nimmt meinen Chap mehr und mehr gefangen. Beim Frühstück versuche ich, an etwas anderes zu denken. Das Buffet - noch mordsmäßig propagiert - lässt in diesem noblen Kasten eindeutig zu wünschen übrig. Und irgendwie bringt es niemand an der Rezeption so richtig auf die Reihe, mir einen Tipp für die geplante Weiterreise ins San Blas-Archipel zu geben. Eine weitere Nacht will ich nicht für 85 Dollar hier verbringen, auch wenn es eine wunderbare Abwechslung war. Ich telefoniere ein wenig in der Gegend herum - weil ich keine Panama-Simcard habe, muss ich mich kurz fassen, damit die Kosten nicht explodieren. Bis ich das "Hospidaje"-Hostal ausfindig gemacht habe. Einen kleinen Raum mit schmalem Bett gibt es noch. Ansonsten haben die Räume bis zu acht Betten. Nein danke, aus diesem Alter bin ich wirklich raus. Ich werfe mein Sturmgepäck in ein Taxi und lasse mich in die Altstadt chauffieren, wo ich nach meiner Ankunft im neuen Leben schon einmal residiert habe. Allerdings wollte das Casa Nuratti verschärfte 127 Dollar pro Nacht. Also bevorzuge ich das Hostal für 25 Dollar. Gut, mehr wert ist es auch nicht. Als ich meiner Mutti das Foto meiner neuen Bleibe per WhatsApp sende, glaubt sie beinahe, man hätte mich verhaftet. Zumindest in Deutschland sind die Zellen einen klitzekleinen Touch schicker. Aber was braucht man so unnötige Dinge wie ein privates Klo oder eine Dusche. Wenn schon nicht gemeinsam im Mehr-Bett-Zimmer schlafen, dann wenigstens mit so um die 20 Leuten die wenig einladende Dusche und die Toilette im gleichen Raum teilen. Mein Zimmer besteht exakt aus einem einfachen Metallgestell, auf dem eine ziemlich durchgelegene Matratze liegt, und einem Plastikstuhl. Ach so, den Ventilator an der Decke - ein wichtiges Teil in solchen Ländern - hätte ich fast unterschlagen. Meine wertvollen Dinge wie Pass, Kohle, TAN-Nummern für meine beiden Konten zu Hause und mein Tablet, wenn ich es gerade nicht brauche - lasse ich in einem einfachen Metall-Spind zurück. Wie gut, dass mir meine liebe Freundin Gabi geraten hat, unbedingt ein fettes Vorhängeschloss einzupacken. Das habe ich ja schon täglich in meinem Bungalow auf Bastimentos gebraucht, wo all meine Wertsachen in einer am Boden festgeschraubten Holzkiste weggesperrt worden sind. Tja, und auf der Suche nach meinem Zimmer - es gibt zwar Schlüssel-Nummern, aber keine zugehörigen Zahlen an den Türen - im ersten Stock gerate ich zunächst mal in den falschen Raum. Wie schön, dass der Schlüssel mehrere Türen öffnet. Ich hoffe mal, mein Gepäck und ich bleiben verschont. Ein Handtuch habe ich übrigens auch bekommen. Das ist wunderbar, denn somit brauche ich mein eigenes nicht einzuschmutzen. In fast allen Zimmern, zu denen die meisten Türen offen stehen, weil ohnehin bis zu acht Mann drin pennen, hängen junge Leute mit ziemlich schweren Köpfen nach der Silvesternacht in ihren Matratzen auf Stockbetten. Neujahrstag: Klar, dass da kein Reisebüro offen hat. Und weil der Mini-Bereich beim Eingang ins "Hospidaje" gerade voller junger Leute ist, die alle in ihre Handys und Tablets vertieft sind, besinne ich mich des freundlichen Service in meinem ersten Hotel in der Altstadt vor vier Wochen. Und der nette Typ hinter der Rezeption nimmt sich gelassen alle Zeit der Welt, mir noch für den nächsten Tag einen Trip nach San Blas zu verschaffen. Super, um fünf Uhr morgens werde ich abgeholt. Hoffentlich klappt es. Jetzt kann ich den Tag befreiter genießen, laufe mir die Füße in der herrlichen Altstadt fast wund. Alle paar Meter gibt es hier Erstaunens- und Sehenswertes zu erblicken. Die wunderbar renovierten Kolonialbauten zwischen jeder Menge verfallener und vom Verfall bedrohter Häuser, dazwischen auf Gehwegen schlafende Männer, die ihren Rausch noch nicht ganz überstanden haben, und, weil Feiertag ist, heute Horden von Touristen mit mächtigen Kameras um den Hals. In einer Havanna-Bar gönne ich mir - wieder mal - Ceviche. Ganz einfach, weil es frisch, gesund und leicht und daheim nirgends zu bekommen ist. Leo muss mein Zimmer bewachen, weil ich heute nur mit kleiner Umhängetasche unterwegs bin. Der kleine Rucksack ist schon separat für die karibische Inselwelt gepackt. Dann kann ich das schwere Monstrum von Rucksack wenigstens mal unangetastet lassen. Ich glaube, das Duschen spare ich mir heute Abend und morgen früh auch. Ein bisschen Wasser ins Gesicht spritzen muss genügen. Duschen kann ich bei den Indios auch. Ich bin gespannt, ob ich alles so auf die Reihe kriege, wie ich mir das im Kopf zurecht gelegt habe. Demnach müsste es mit drei Übernachtungen auf den Kuna-Inseln so hinhauen, dass ich auf dem Rückweg in Colon - einer dreckigen Hafenstadt - abgesetzt werde, um die Fähre nach Kolumbien zu kriegen. Denn die geht nur montags und mittwochs. Also, auch auf einer langen und legeren Reise muss man diverse Zeitpläne einhalten. Nachts sollte man im ziemlich gut von der Touristen-Polizei überwachten Casco Viejo - der Altstadt - ein wenig vorsichtig sein. Denn schlimme Finger sind hier um die Ecke gern unterwegs. Wie schön, dass eine Pizzeria mit tollem Blick auf die lange Autobrücke gleich neben meinem Etablissement liegt. Hier lasse ich mir einen der genialsten Caesar Salads schmecken, ein paar Wein dazu zum Schlafen. Aber nicht zuviel, denn die Nacht wird kurz. Ich hoffe auch, nicht ganz so laut, denn das Etagen-Klo ist, wie wundervoll, gleich gegenüber meiner Zimmertür. Gut, dass ich das nur wenige Stunden überstehen muss.