Bocas del Toro/Panama - Endlich Sonne! In den vergangenen Tagen hat es fast nur geregnet, wenn auch bei angenehmen Temperaturen von um die 25 Grad. Obendrein hat ein mächtiger Wind geblasen. Das ist beim Bootsfahren absolut ungemütlich, zumal einem beim harten Ritt über die Wellen jedes Mal eine Überdosis Salzwasser nicht nur über den Körper, sondern auch mitten ins Gesicht gischtet. Und in der Inselwelt kannst du dich nun mal nur von A nach B bewegen, indem du besagten Ritt auf dich nimmst. Die düsteren Wolken haben mich während der letzten beiden Tage in eine ziemliche Depression gestürzt. Eigentlich hing ich nur in der Hängematte ab, während mir der Regen zum Teil schräg ins Gesicht gespritzt ist. Chap, Chap, immer nur Chap, hämmert es in meinem Kopf. Meine Gefühle fahren Achterbahn - und das ohne Gurt. Mein geliebter Mann fehlt mir in jeder Sekunde. Jetzt, da die Sonne scheint, erhellt sich mein Gemüt ein wenig. Auch wenn ich mich immer wieder frage, warum er? Warum musste Chap so leiden, warum zerstört Gott - so es ihn überhaupt gibt, denn jetzt zweifle ich noch mehr als zuvor - eine so glückliche Beziehung?

Düstere Gedanken vertreibt man am besten mit Sport. Um wieder auf die Beine zu kommen und mich fit zu machen für die vielen Unternehmungen, die noch vor mir liegen, nehme ich drei Tage hintereinander Yoga-Stunden auf dem Bootssteg meiner Bleibe, dem Tiotoms Guesthouse. Nur drei Tage, weil Barbara aus der französischen Schweiz nur so lange da ist. Sie lebt sonst in Costa Rica. Ich begleite sie nach Colon, die Insel-Hauptstadt, in der ich gelandet bin.
Am Bankomaten muss ich frische Dollars tanken, die Eins-zu-Eins-Währung zum Balboa, den es in Panama nur in Münzen gibt. Zum zweiten Mal schon versagt meine Visa-Card. Glücklicherweise hab ich die Mastercard noch mitgenommen. Im Safe schlummern weitere Alternativen. Ein Jung-Lehrer aus Deutschland mit peruanischen Wurzeln zeigt mir abends, wie ich den Zugriff auf mein Visa-Konto vergrößern kann. Das nämlich war der Knackpunkt, warum der Automat mir eine lange Nase gezeigt hat. Er hätte es anfangs auch nicht gewusst, gesteht der junge Mann ein, nachdem ich ihm eröffnet habe, dass auf diesem Gebiet nicht gerade meine Stärken liegen. Als Oldie brauche ich mir also keine größeren Gedanken machen.

Ein bisschen schlendern und Shopping - mehr als ein T-Shirt geht nicht, weil der Rucksack sonst die Grätsche macht. Barbara ist völlig begeistert von dem Kolonialwaren-Markt, in dem es neben Schrauben, Stoffen, Werkzeug und Schreibwaren auch Klamotten und jede Menge kitschiger Weihnachtsdeko gibt. "Bei uns im Dorf gibt es so was nicht", verdeutlicht sie. Was für mich nicht mal des Ansehens wert ist, ist hier eine Notwendigkeit, um einigermaßem den Alltag meistern zu können. Keramikgehäuse für Glühbirnen oder ein Ersatz für Barbaras Fahrradlampe. Ich überlasse sie ihrem Konsumrausch und mache mich allein auf die Socken. Frisch gepresster Ananassaft mit Maracuja, dann ein T-Shirt mit Panama-Aufdruck und feines Fisch-Curry für sieben Dollar. Das ergibt sich aus der Not, denn der Himmel öffnet erbarmungslos seine Schleusen. Schon wieder! Nachdem ich mein Abendessen verschlungen habe, hört es fast ein bisschen auf. Jetzt schnell zum Bootssteg, um noch einigermaßen trocken wieder auf Bastimentos anzukommen. Geschafft. Barbara trifft 20 Minuten später ein.

Nach ein paar Storys aus Barbaras Leben in der Wildnis ziehe ich mich mit einer Büchse Panama auf meine Veranda zurück. Schon eine kleine Luxus-Geschichte, zumal ich die einzige bin. Alle anderen Gäste haben nur ein Zimmer und müssen im Lokal oder vorn am Bootssteg sitzen oder hängen, wenn sie an der frischen Luft - abends ist es wirklich angenehm - bleiben möchten.

Ach, dass Nikolaus-Tag war, hätte ich ohne die Whatsapps meiner Familie nicht einmal mitgekriegt.

Mit einem jungen Pärchen aus dem badischen Raum, Caro und Christian aus Deutschland, marschiere ich hoch zu "Up the Hill", dem Ziel meiner letzten Schlamm-Tour, wo es die feinsten Brownies gibt, die ich je gegessen habe. Verzeih mir bitte, liebe Lisa! Die sind noch einen kleinen Tick besser als Deine. Denn die Frau des evangelischen Pfarrers Christoph Schmidt in Marktredwitz rangierte diesbezüglich bislang ganz oben auf der Hitliste. Der Matsch hinauf auf den Berg ist der gleiche wie beim ersten Mal. Jeanette aus England, die hier seit zwölf Jahren lebt, ist die famose Bäckerin. Sie zeigt uns erstmals, wo wir die kleinen roten Pfeilgiftfrösche finden können. Wow, wir sind ganz begeistert. Um die zwei Zentimeter winzig, machen mächtig Lärm und sind sehr, sehr giftig. Also essen sollte man sie auf keinen Fall, anfassen besser auch nicht. Laut Reiseführer kann so ein Mini-Wesen zehn Mann zur Strecke bringen. Aber für den perfekten Schuss muss man eben eines: nah ran! Neben den einen kleinen roten mit den schwarzen Tupfen gesellt sich noch ein cremefarbener mit ebensolchen Punkten. Genial!

Tierisch geht es gleich weiter: Auf einmal entdecke ich eine riesige Spinne in einem Blütenkelch, wo sich sonst für gewöhnlich die roten Frösche tummeln. Mit ein bisschen Ärgern locke ich sie aus der Reserve. Prächtig orange, allerdings weniger behaart als ihre Artgenossen, präsentiert sie ihr Antlitz. Ihr achtes Bein scheint bei irgendeiner wilden Begegnung abhanden gekommen zu sein. Sogar Jeanette, die hier so lange lebt, ist ganz verzaubert bei diesem Anblick. "Ich habe diese Sorte nur in Schwarz und Braun gesehen, aber noch nie in Orange", ruft sie ganz verzückt aus und holt ihren Fotoapparat. Leo, mein 26 Zentimeter großer Plüsch-Begleiter, platziert sich wagemutig gleich unterhalb der Tarantula, um für ein Erinnerungsbild zu posieren. Wir haben also riesiges Glück, dieses etwa acht Zentimeter große Exemplar live im Dschungel zu erleben.

Sogar Jeanettes kleine Kinder - drei an der Zahl - werfen interessiert einen Blick auf die Riesenspinne. Eigentlich ist das nichts besonderes für den Nachwuchs, der hier in einer vollkommen offenen Behausung lebt. "Ja, Spinnen und Schlangen nehmen eben ihren Weg durch unser Haus", meint Jeanette schulterzuckend. Dass es meine Begleiterin Caro beim bloßen Gedanken daran regelrecht schüttelt, kann die Besitzern von "Up the Hill" nicht so recht verstehen.

Zwischendrin verzehren wir ihre leckeren Brownies und eine hausgemachte Trinkschokolade. Abenteuerlich mutet der Gang zur Toilette an. Einige matschige Stufen führen hinunter auf einen freischwebenden Steg, auf dem eine Schüssel thront, abgeschirmt durch eine Bambus-Schwingtüre. Der abgebrochene Klodeckel birgt ein Loch, das hinunter in eine Tonne führt. Auf der Öko-Ranch wird Umweltschutz großgeschrieben. Das Wasser zum Händewaschen kommt aus einer Regentonne. Die zu füllen, ist momentan wahrlich ein Leichtes.

Tags darauf sieht es so aus, als würde sich die Sonne mal blicken lassen. Erneut mit Caro und Christian mache ich mich per Boot auf nach Colon, um in der Hauptstadt des Inselreichs den Bus nach Boca del Drago zum Red-Starfish-Beach zu nehmen. 17 Kilometer geht es quer über die Insel, zum Schluss hin auf abenteuerlichem Terrain am Strand entlang - bis nichts mehr geht. Zu Fuß marschieren wir eine halbe Stunde, bis wir endlich in der malerischen Lagune angelangen. Unter Bambusdächern harren die Verkäufer von Bier, Cocktails und Souvenirs aus. Hier ist das Meer glatt wie ein Spiegel.

Gleich neben uns liegen zwei graue, längere Motorboote vor Anker. Typen in Tarnanzügen, einer davon gar mit Sturmhaube - bei den Temperaturen! -, gehen von Bord, um hier zu essen und ein paar Geschenke zu kaufen. Alle scheinen mächtig durchtrainiert zu sein. Bei den Jungs handelt es sich um die Küstenwache, die hier immerzu irgendwo auftaucht. Sobald die Männer in Sichtweite sind, trägt plötzlich jeder Bootfahrer eine Rettungsweste und befiehlt diese zu tragen auch seinen Gästen. Ansonsten schert das hier niemanden, Tourist hin oder her. Doch vor dieser Garde scheinen alle einen Heidenrespekt zu haben. Immerhin grenzt Panama an die im Dschungel verborgene Drogen-Hochburg in Kolumbien. Laut Chris, meinem Vermieter, gibt es im Grenzgebiet des Darien - das ist der größte zusammenhängende Regenwald Mittelamerikas - auf kolumbianischer Seite 247 illegale Landebahnen. Angesichts der Waffendichte und Präsenz der großen Drogenbosse und ihres mächtigen Arms scheint keiner ein großes Interesse daran zu haben, da mal näher einzugreifen. Es wäre doch nur der berühmte Tropfen auf den heißen Stein. Und dass viele Politiker bei solch üblen Spielchen ihre schmutzigen Hände mit im Spiel haben, ahnt oder weiß längst ein jeder.

Beim Schnorcheln am Red-Starfish-Beach entdecken wir besagten roten Seestern. Zumindest einer scheint wunderbar für die Touristen gleich nach etwa fünf Metern vom Strand entfernt im Wasser platziert zu sein. Den Rest haben mit Sicherheit die Einheimischen herausgefischt, um sie an gierige Touristen zu verhökern. Nur ein paar wenige Fische lassen sich sehen. Die Unwetter der letzten Tage haben das Wasser zu unserem Leidwesen ziemlich durcheinander gewirbelt

Im diesmal komplett gefüllten Minibus geht es zurück über die Insel. Amis, wir Deutschen, Schweizer und eine Bayerin gleich neben mir, die gerade ihr Abi gemacht hat und jetzt einen Spanischkurs belegt, plaudern munter durcheinander, während die Fahrt von Loch zu Loch führt. Mit dem Boot fahren wir für drei Dollar wieder nach Bastimentos. Die Busfahrt hingegen hat für die weite Tour lediglich 2,50 Dollar für den einfachen Weg gekostet.

Abends ist unser Guesthouse rappelvoll. Fisch steht auf dem Speiseplan, und Chris hat wieder alle Tische zusammengestellt, damit sämtliche Gäste von überall her gemeinsam tafeln und miteinander in Kontakt kommen können. Diesmal ist es ein wahrhaft bunt zusammengewürfelter Haufen. Slowaken und wir Deutsche, ein sehr sympathisches Paar aus den Niederlanden, ein Holländer, der mit einer Indio-Frau aus Costa Rica verheiratet ist, und noch weitere deutsche Neuankömmlinge. Das ist fein, denn jeder hat irgendeinen interessanten Tipp, was man doch unbedingt sehen oder erleben sollte. Mit riesigem Getöse stürzen sich neben uns Pelikane und Möwen ins Wasser, nachdem Dami, die Lebensgefährtin von Chris, Küchenabfälle ins Meer geworfen hat. Das nennt man biologische Verwertung ohne Umwege. Zwei Delfine ziehen in nächster Nähe zum Guesthouse ihre Bahnen.

Am nächsten Tag geht es mit dem Wassertaxi zum Red Frog Beach, der zwar so heißt, aber wo ich auch beim zweiten Besuch keines dieser Mini-Gift-Tierchen entdecke. Zu Fuß will ich mit Caro und Christian - Leo ist selbstverständlich wie immer mit von der Partie - zum Polo Beach, weil man dort gut schnorcheln können soll. Der Weg führt nur eine kurze Weile entspannt über den Strand, dann heißt es wieder einmal: Schlappen runter und durch den Matsch tasten. Wie gut, dass wir hin und wieder ans Meer gelangen, um die versifften Füße klarspülen zu können. Nach eineinviertel Stunden haben wir den Schnorchelstrand erreicht. Doch der lädt heute alles andere als zu diesem Vergnügen ein. Die See ist rau, der Wind bläst kräftig. Mir vergeht der Appetit auf Schnorcheln, während sich Christian mit großem Spaß und meiner Taucherbrille in die Fluten stürzt. Immerhin hat er so einige Fische gesehen.

Auch wenn wenig Sonne mit uns ist, so haben wir doch von fast jedem Fleck unserer abenteuerlichen Wanderung einen gigantischen Ausblick nach dem anderen auf wilde Gischt vor kleinen Inseln oder zwischen unzähligen umgestürzten Baumriesen zwischen Palmen, die wie auf einem Postkarten-Idyll schräg ins Wasser ragen.
Auf dem Rückweg ergießt sich ein Schauer über uns, aber wir sind das ja mittlerweile gewöhnt. Es grenzte ja fast an ein Wunder, würde es mal einen Tag eine Regenpause geben. Das Schlimmste an solchen Tagen ist allerdings das Duschen. Tief durchatmen, Luft anhalten und dann unters kalte Nass. Es gibt keine andere Option. Kalt oder kalt. Punkt. Bis das Shampoo mit kaltem Wasser aus den Haaren gewaschen ist, kann man sich gut ausmalen. Brrrrr! Meine über Nacht draußen hängenden Klamotten werden angesichts der Wetterlage auch nicht trocken. Selbst wenn es nachts nicht kälter wird als 24 oder 25 Grad. Die Luftfeuchtigkeit liegt hier an der karibischen Seite - in anderen Teilen des Landes ist das gemäßigter - bei durchschnittlich 88 Prozent. Die Jahreszeiten gliedern sich generell in Sommer und Winter, will heißen: Trocken- oder Regenzeit. Die soll Mitte Dezember ein Ende haben, sagt der Reiseführer. Hoffentlich weiß das der Panama-Kalender auch.

Während ich diese Zeilen schreibe, trommelt der Regen auf das Blechdach meiner Hütte. Ein wunderbares Geräusch zum Einschlafen. Außerdem übertönt es zuweilen mein Heulen, wenn ich an Chap denke. Gottseidank haben wir fast immer auf der Überholspur gelebt und selten etwas ausgelassen. Das war zuweilen stressig und hektisch, aber heute bin ich unendlich dankbar dafür. Vielleicht gelingt es mir irgendwann, dass diese Dankbarkeit die Oberhand über meine unendliche Trauer gewinnt.

Tierisch Neues landet heute für mich auf dem abendlichen Teller: Es gibt einen mächtigen Baracuda (Raubfisch), dazu Yucca (ein Wurzelgemüse) mit Knoblauch, sowie gedünstete Zwiebeln und Gurken. Schmeckt ganz gut.
Generell geht es in Bocas del Toro, wo es viele, teils unbesiedelte Inseln gibt, die mit Mangroven überzogen sind, tierisch zu. Das Insel-Reich wird gekrönt vom marinen Nationalpark Isla Bastimentos, wo ich mich für einen Monat einquartiert habe. Es gilt als Paradies für Taucher und Vogelliebhaber gleichermaßen. Tierisch geht es in meinem kleinen Bungalow weiter, in dem ich mich mittlerweile ganz heimisch fühle. Der Angriff der Mosquitos - irgendwann musste er ja kommen. Und welch sonderbare winzige Bläschen entlang meiner Hände und Finger über Nacht in Mengen aufquellen, weiß ich auch nicht. Nur, dass sie teuflisch jucken. Da mag man dann großzügig über die kleinen Kakerlaken hinwegsehen, die ich nachts aufschrecke, wenn ich für den Gang zur Toilette mal Licht mache. Ich bin mir sicher, dass sie ihre Deckung unter den Holzplanken sofort wieder verlassen, wenn sich die Dunkelheit in meiner Hütte breit macht.

Dass Weihnachten vor der Tür steht, macht sich mittlerweile auch auf den Inseln bemerkbar. Mehr dazu beim nächsten Mal. Bis dahin, hasta pronto, Peggy und Leo.