Quito - Das Gesicht des Jesus ist schmerzverzerrt. Er kann sich kaum auf den Beinen halten, so sehr zwingt ihn das schwere Holzkreuz in die Knie. Und doch, es ist erst der Anfang einer fast vierstündigen Prozession an diesem heißen Karfreitag in Quito. Die Falten des Mannes, der den Leidensweg Christi nachempfindet, werden sich bis zum Ende noch tiefer eingegraben haben, die Dornenkrone wird ihm vielfach in die Stirn rutschen, der Rücken noch mehr schmerzen als nach dieser ersten halben Stunde. In der Hauptstadt Ecuadors findet nicht nur die landesweit größte Prozession mit dem Namen „Jesús del Gran Poder“ („Jesus der Allmächtige“) statt. Es ist eine der traditionsreichsten Veranstaltungen in ganz Südamerika. Quito ähnelt heute mehr einem riesigen Rummel denn einer besinnlichen Feier. Und die Stadt trägt die Farbe Lila. Lila sind die Kutten der reuigen Sünder, deren Gesichter unkenntlich sind unter den ebenfalls lila Spitzhüten, die aussehen, als hätten die Männer darunter mächtige Schultüten auf dem Kopf. Die meisten von ihnen laufen barfuß, manche haben schwere Ketten an den Füßen, andere tragen Stacheldraht um den Körper oder haben sich stachelige Kakteen auf den Rücken gebunden. Zehntausende von Menschen säumen den nicht enden wollenden Prozessionszug, in dem etliche tausend Gläubige mitmarschieren, um an den Leidensweg Christi zu erinnern. Und ich bin mittendrin.

Jesus kurz vor dem Zusammenbruch

Eigentlich ist es purer Zufall. Denn dass ich ausgerechnet in der Karwoche - der Semana Santa - in Quito bin, habe ich bis vor zehn Tagen selbst nicht gewusst. Dass ich nun Zeuge solch eines solch unglaublichen Spektakels werde, dürfte eines der faszinierendsten Erlebnisse auf meiner langen Reise werden. Tausende von Polizisten schirmen die Menschenmassen von den dramatischen Figuren in dem nie enden wollenden purpurnen Zug ab. Ich springe frech zwischen dem ersten Jesus - es sind etliche Dutzend mit mächtigen Kreuzen unterwegs - und den Haubenmännern herum, schieße ein Foto nach dem andern - ohne je von einem Polizisten ermahnt zu werden. Immerhin wirkt meine kleine - aber perfekte - Kamera im Vergleich zu denen der Profis riesiger Gazetten geradezu lächerlich. Zur Not habe ich meinen Presseausweis in der Tasche stecken. Komischerweise - man lässt mich gewähren, während viele Schaulustige mit ihren Handys eiligst in die Schranken gewiesen werden. Nachdem der erste Jesus mit den tiefen Falten gerade von einem Fernsehsender interviewt worden ist, droht er fast zusammenzubrechen und reibt sich schmerzerfüllt den Rücken. Ich reiche ihm eine meiner Schmerztabletten, die ich als chronisch von Kreuzschmerzen Geplagte stets bei mir trage - und dankend schluckt er sie sofort hinunter. Ich altes Heidenkind fühle mich fast ein bisschen gut dabei.



Schirme gehen immer

Tausende säumen seit Stunden die Straßen in dieser - im historischen Zentrum - wunderschönen Stadt, die eine wahre Metropole der Kirchen und Kathedralen ist. An allen 14 Stationen macht der endlose Zug Halt, gibt es Predigten, Gesang, Gebete. Dazwischen ohrenbetäubender Lärm von allen Seiten: "Paraguas, paraguas" - Schirme gehen immer. Vor fünf Tagen, als ich beim Palmsonntag ebenfalls zur Prozession war, hat es wie aus Kübeln gegossen. Wie aus dem Nichts tauchen die "Paraguas"-Schreier auf, im Schlepptau eine Menge Regenschirme. Heute, am Karfreitag, brennt die Sonne stechend vom Himmel. "Paraguas, paraguas" - eifrig winken die Schaulustigen den Schreihälsen zu. Für gerademal zwei Dollar kann man heute einen Sonnenschutz ergattern. Viele machen Gebrauch davon. "Agua, agua" - auch Wasser geht weg wie warme Semmeln, während ein Christus nach dem andern schmerzgebeugt vorbeischlürft. Zuweilen um ebensolche Erfrischung bittend.

Das Kreuz mit dem Kreuz

Die Prozession des allmächtigen Jesus ist das Herzstück der Osterfeierlichkeiten, wo Zehntausende von Gläubigen aus allen Teilen des Landes zusammenkommen. Viele Menschen reisen von weither aus abgelegenen Dörfern in zum Teil schrottigen Bussen an. Unglaublich viele Indios kommen in ihren Trachten in die Stadt, haben die ganze Familie dabei und genießen dieses einzigartige "Festival" wie einen riesengroßen Jahrmarkt. Weit mehr als tausend Protagonisten tragen die Farbe Lila. „Cucuruchos“ heißen sie, die da die Büßer symbolisieren in den lilafarbenen Kutten, viele von ihnen tragen ein Kruzifix in der Hand oder ein anderes christliches Symbol. Mit einem Ächzen geht ein Christus zu Boden. Er ist weit jünger als der erste, der den Zug anführt. Schnell sind eifrige Helfer zur Stelle, richten den Akteur wieder auf die Beine, geleiten ihn die nächsten Meter weiter. Bis der neuerliche Zusammenbruch folgt. Manche Kreuze sind unglaublich wuchtig. Kein Wunder, dass selbst ein starker Mann in der Figur des Jesus hier in der Hitze schlapp macht. Und es liegen noch einige Kilometer vor ihm, ehe es zur großen Freiluft-Predigt auf die Plaza de San Francisco zurück geht.

Sitzplatz "to go"

Während Jesus, der am Karfreitag zum Tode am Kreuz verurteilt wird, von den Begleitern, die Pontius Pilatus ihm zur Aufsicht zur Seite gestellt hat, mit Peitschen gepeinigt wird, kriegen die Gläubigen, die sämtliche Parks, Gehsteige, Simse und Treppen in Beschlag nehmen, Appetit. Muscheln, Eis, Getränke, pappiger Süßkram, Ceviche, frittierte Bällchen, klebrige Getränke - alles wird lauthals zwischen den lila Kapuzen-Männern und den tragischen Christus-Figuren angepriesen. Die Händler scheinen heute das Geschäft ihres Lebens zu machen. Kaum ein Schaulustiger, der nicht an irgendetwas kaut, lutscht, saugt. "Sillas, sillas, sillas" - einen Meter hoch türmen sich die kleinen Plastikhocker, die Frauen und Männer durch die Menschenmassen jonglieren. Für zwei Dollar bekommt man also nicht nur einen Regen-, in diesem Fall Sonnenschirm, sondern auch mal einen Sitzplatz "to go". Denn den kleinen Sitz kann ein jeder dann mit nach Haus nehmen.

"Fanesca" - das Traditionsgericht der Karwoche

Zwischendrin gibt es sogar Stationen, an denen kostenlos Wasser für die Menschenmassen, die unaufhaltsam ins Zentrum strömen, angeboten wird. Von kleinen Grillstationen wehen köstliche Röstaromen herüber. Da muss Gott aber ein Auge zudrücken: Denn es liegen doch tatsächlich am Karfreitag die kleinen Würstchen neben den Schweineschwarten und den Spießen, auf denen tierische Innereien stecken. Dabei gibt es doch traditionell in der Semana Santa ein ganz spezielles Gericht: „Fanesca“. Ich habe mir diese Woche - am Karfreitag und nach der Palmweihe am Sonntag - schon eine dieser reichhaltigen Eintöpfe gegönnt. Er wird aus zwölf verschiedenen Hülsenfrüchten gekocht, die die zwölf Apostel repräsentieren sollen. Kürbis, Kartoffeln, Käse, Milch, Mais, gegrillte Banane und getrockneter Kabeljau - der wird an vielen Ständen in Ecuador weithin riechbar angeboten - sind weitere Zutaten. Ein Stück hartgekochtes Ei liegt als Dekoration ebenso obenauf wie eine kleine gefüllte Empanada und frittierte Kichererbsen. Diese Spezialität wird in der Regel mit der Familie gegessen und kommt ausschließlich während der Karwoche, eben der Semana (Woche) Santa (heilig), auf den Tisch. Mittlerweile bieten etliche landestypische Restaurants die "Fanesca" ebenfalls an. Um all die Zutaten in einem Teller unterbringen zu können, ist dieser auch wahrlich reichlich. Und ich habe zu kämpfen, die ganze Portion zu schaffen. Denn obendrein gibt es dazu noch eine Limonade und entweder Kartoffelbrei mit Käse oder pappig süße Feigen mit Käse. Nun ja, andere Länder, andere Sitten und Geschmäcker. Ich bin kein richtiger Fan davon geworden, aber die Fanesca ist durchaus schmack- und vor allem nahrhaft.

Mahlzeiten für einen Dollar

Für die meisten Menschen vom Lande indes ist die "Fanesca" zu teuer, kostet sie doch in einfachen Lokalen um die sechs Dollar, in etwas besseren bis zu 17 Dollar. So greifen die Massen zu dem, was die Händler in ihren riesigen Körben, Kisten und Umhängetaschen mit sich schleppen. Es sieht gar unmenschlich aus, was diese zum Teil schleppen müssen. Nicht selten sind Kinder darunter, die Mama oder Papa hilfreich zur Seite stehen. Die Indios, die die Ware an Frau und Mann bringen, reichen mir obendrein gerademal bis zur Brust, bestenfalls bis zur Schulter. Den Überblick zu behalten, fällt mir hier mit einer Größe von 1,67 Metern also durchaus leicht. Und es erleichtert das Fotografieren über Köpfe hinweg. An jeder Ecke brutzeln kleine Maisküchlein mit Käsefüllung, dampfen Maiskolben mit richtig fetten Körnern, ragen Krallen von Hühnern aus Suppentöpfen. Das alles gibt es zum Teil für einen Dollar oder gar darunter. Viele Menschen können sich jedoch nicht einmal das leisten. So wie der behinderte Mann, der dem Tross der lilanen Kapuzenträger vorankrabbelt - auf allen Vieren über den Asphalt, ein Schild um den Hals mit der Bitte um Almosen. Für mich macht es das auch nicht besser, dass ihm einer der Priester in seiner braunen Kutte mal über den Kopf streichelt, als die Pressefotografen mit ihren fetten Objektiven auf die Szene halten. Kurz darauf muss der arme Mann das Rampenlicht verlassen und in der Masse verschwinden.

Prunk und Protz neben krasser Armut

Kirche und Armut sind gerade in Ländern Lateinamerikas so ein zweischneidiges Schwert. Gotteshäuser gibt es hier wie Sand am Meer. Gerade in Quito, das eine streng katholisch gläubige Metropole ist, reiht sich eine Kirche an die andere. Und viele von ihnen sind wahre Juwelen, deren Reichtum einen zu blenden vermag, wenn man über die Schwelle tritt. So etwa die "Iglesia de la Compania de Jesus". Gold, wohin das Auge blickt. Draußen auf der Schwelle kauert in alten Lumpen eine noch älter wirkendere Frau, ganz gebeugt. Zwei Stufen weiter fleht ein Mann sehnsüchtig um ein wenig Kleingeld. Drin Prunk und Protz, dass man nur noch mit offenem Mund staunend um sich blickt. Der Sternenhimmel über dem Altarraum ist da eigentlich zu vernachlässigen. Die Roosevelt-Orgel aus den Vereinigten Staaten, die aus dem Jahr 1888 stammt und 1104 Pfeifen hat, ertönt nur zu speziellen Konzerten. Die Kirche, mit deren Bau 1605 begonnen und die erst 160 Jahre später fertiggestellt wurde, gilt als die schönste des Landes. Nach dem letzten starken Erdbeben von 1987 wurde die Kirche 19 Jahre lang komplett saniert.

Messe mitten im Trubel

Zurück zur Prozession: Nach über vier Stunden trudeln die letzten lila Hauben auf dem riesigen Platz ein. Ganz am Schluss dürfen auch ein paar Frauen komplett lila verhüllt - hat etwas von einer Burka, womit ich sicherlich gleich zur Zielscheibe klerikaler Allwissender werde - hinterher tippeln. Gesang, Predigten, Gesang, Predigten - die Messe zieht sich endlos. Und drumherum haben die Gläubigen aus allen Teilen des Landes jeden Millimeter in Beschlag genommen. Kauernd auf dem steinernen Boden, auf den Treppen, auf Bänken oder am Rinnstein, betend, essend, trinkend, plappernd, lachend. Babys saugen an Brüsten in all dem Trubel oder hängen in Tüchern gebunden auf dem Rücken ihrer Mütter. Kinderwägen sieht man nur äußerst selten. Entweder man trägt sein Kind oder hat es umgebunden. Allmählich machen sich viele auf den Weg zu den Bussen, dennoch scheint sich der Platz kaum zu lichten, so viele Menschen sind zu dieser größten Prozession gekommen, die ich je erlebt habe.

Arbeitspause für Taschendiebe

Etwas kleiner, aber dennoch beeindruckend, war die Prozession bereits am Palmsonntag, also fünf Tage zuvor. Wenn ich schon mal da bin, nehm' ich auch die mit, hab' ich mir gedacht. Allerdings musste Leo jedes Mal zurück im Hotel bleiben. Wo Menschenmassen unterwegs sind, sollte man so wenig wie möglich bei sich haben, das einem lieb und teuer ist. Das bisschen Geld steckt vorn in der Hosentasche, die Kamera ist fest ums Handgelenk gewickelt, und im Rucksack steckt - neben Sonnen- und Lesebrille - nur die Regenjacke. Das alles könnte ich ersetzen, nicht jedoch meinen treuen Reisebegleiter Leo. Das gilt es stets abzuwägen, wenn man sich in Menschenmassen stürzt. Obwohl es bei der Karfreitagsprozession ja heißt, dass da sogar Taschendiebe mal einen Tag auf ihre Arbeit verzichten. Ganz recht traue ich dem Frieden jedoch nicht. Und für den Palmsonntag habe ich solches nicht gehört.

Vier Jahreszeiten an einem einzigen Tag

Ganz anders als Karfreitag, schüttet es fünf Tage zuvor wie aus Kübeln. Ohne Unterbrechung. Und es ist elend kalt. In Quito, so sagt man, kannst du alle vier Jahreszeiten an nur einem einzigen Tag erleben. Und das stimmt in der Tat, wie ich mittlerweile beurteilen kann. Eben noch im T-Shirt schwitzend, musst du wenige Minuten später Fleecejacke und Regenjacke drüberziehen. Vor der Prozession, die sich mit allem Drum und Dran fast vier Stunden beim heftigstem Dauerregen hinzieht, sammelt sich alles, was in der katholischen Kirche Rang und Namen hat, vor der Basilica del Voto Nacional. Das Bauwerk ist relativ neu und entstand im neugotischen Stil von 1892 bis 1909. Die Außenansicht täuscht, denn es handelt sich nicht um einen Steinbau, sondern um eine verblendete Betonkonstruktion mit einem Blech-Stahldach. Gleich am ersten Tag in Quito habe ich mich an den mächtigen Türmen orientiert und die Kirche ins Visier genommen. Nicht nur das: Für zwei Dollar kann man bis ganz nach oben. "Allerdings ist etwas Schwindelfreiheit für die gesicherten, aber luftigen und steilen Stiegen über dem Dach des Kirchenschiffs erforderlich", wird vorab gewarnt. Eigentlich dachte ich, seit Erklimmen von Machu Picchu einigermaßen über das Thema Höhenangst hinweg zu sein. Der Besuch der Basilica belehrt mich eines Besseren.

In schwindelnder Höhe

In Deutschland käme so etwas schon einmal aus sicherheits- und versicherungstechnischen Gründen überhaupt nicht in Frage. Ohne jegliche Aufpasserlein kann der Besucher der Basilica alle drei Türme fast bis zur Spitze besteigen. Über enge Wendeltreppen, über die ich mich mit flauem Gefühl im Magen Schritt für Schritt nach oben taste. Am liebsten würde ich umdrehen. Nein! Tapfer bleiben, rede ich mir Mut zu. Chap wäre nicht so zimperlich, denke ich mir. Also weiter nach oben. Die stabile Brüstung ist erreicht. Gottseidank! Das gibt einem doch etwas mehr Sicherheit als die filigranen Stangen, durch die ich ins Freie blicke. Aber es soll noch schlimmer kommen. Über den langen Dachfirst führen Holzbretter zu einer metallenen Hühnerleiter, die geradewegs steil nach oben führt. Nur ein Weg. Wenn andere folgen, gibt es kein Zurück. Zwischen den Balustraden strahlen Touristen in ihre Kameras, die sie an den Selfie-Stangen halten. Eine sinnvolle Mode-Erscheinung, der ich auf Schritt und Tritt begegne. Ich drücke mich eher an der Mauer entlang. Bis hinauf in den Uhrenturm, wo ich auf die Rückseite des mächtigen Ziffernblatts schaue. Der gegenüberliegende Turm, der viel filigraner in den heute fast bayerischen Himmel - weiß-blau - ragt, setzt für mich definitiv einen Schlusspunkt. Allein der Blick nach oben dreht mir schier den Magen um. Ich hab' mir ja fast schon beim Aufstieg auf die anderen beiden Türme in die Hosen gemacht. Und hier kehrt manch Wagemutiger doch mit recht blassem Gesichtsausdruck von seinem Höhentrip zurück. Die letzten freischwebenden Stufen - durch Gitter blickt man geradewegs in die Luft - bestaune ich von unten.

Gerade hier, als ich nach oben starre, packt mich eine Amerikanerin am Arm und fragt, ob ich Deutsche sei. "Ja, warum?" Sie drückt mir ihr Mitleid aus, und ich habe im Moment nicht den Dunst einer Ahnung, wovon sie spricht. Also erfahre ich hier oben in schwindelnder Höhe von dem Suizid des deutschen Copiloten, der die deutsche Germanwings-Maschine mit 150 unschuldigen Menschen an Bord absichtlich zum Absturz gebracht haben soll. Die Amerikanerin sagt, es tue ihr leid, wie viele Deutsche bei dem Unglück ums Leben gekommen sind. Ich bin fassungslos. Alle Passagiere hätten am Schluss gewusst, dass sie in den Tod fliegen. Gott, wie schrecklich! Wie viele Wahnsinnige laufen auf dieser Welt herum, schießt es mir durch den Kopf. Und warum müssen sie andere mit in ihren Wahnsinn nehmen? Mir läuft die Gänsehaut über den ganzen Körper.

Christus im Regen-Poncho auf dem Esel

Zurück zum Palmsonntag und dem ersten Aufmarsch der gläubigen Katholiken, den ich in Quito erlebe: Strömender Regen begleitet, wie schon erwähnt, die Prozession von Anfang an. Christus reist auf der Rücksitzbank eines Privatwagens an, in dem wohl einige Honoratioren der Kirche mit an Bord sind. In einen Regen-Poncho gehüllt, nimmt der hölzerne Jesus Platz auf einem Esel, der den Tross der Gläubigen durch die Straßen des historischen Zentrums mit anführt. Überall bieten Frauen, Kinder und Männer Sträuße an, die zu segnen es gilt an diesem Palmsonntag. Die Palmzweige duften, sind meist aus Rosmarin gebunden. Mir trieft das Wasser nur so von Schirmkappe und Regenjacke. Die Investition in eine teure Regenhose aus einem namhaften Traveller-Shop hat sich längst bezahlt gemacht und ist für Reisen zwischen Sonne und Regen, Hitze und Kälte nur zu empfehlen. Während mich die Musik in katholischen Kirchen oft schwermütig werden lässt, entpuppt sie sich hier auf der Plaza de San Francisco als genialer rockiger Gesang zwischen den Bibeltexten und Gebeten in Weihrauch-Wolken. Rhythmisch und klatschend wippt der Bischof auf der Bühne mit, während das Volk unter einem Meer von Regenschirmen mit den Zweigen im Takt winkt. Sämtliche Gotteshäuser sind am Palmsonntag gestopft voll, lassen sich die Gläubigen die Palmzweige segnen.



Meerschweinchen zum Abendmahl

Apropos Kirchen: Amüsiert blicke ich in der Catedral gleich gegenüber des Präsidenten-Palastes - Fotografieren strengstens verboten - zur Decke, wo Jesus mit seinen Jüngern beim Abendmahl sitzt. Das Deckengemälde unterscheidet sich gravierend von so vielen anderen Abendmahl-Bildern in den Kirchen dieser Welt: Hier wartet nämlich als Speise für die Runde um Jesus Cuy. Das ist gegrilltes Meerschweinchen, das in Ecuador häufig auf den Tisch kommt. Der Maler - welcher, das was ich leider nicht - hat sich auf jeden Fall an die Gepflogenheiten des Landes gehalten.

Semana Santa, die Karwoche, war ein äußerst beeindruckendes Erlebnis, das ich auf meiner Reise nicht eingeplant hatte. Der Aufmarsch in Lila bleibt unvergessen.