Cocos Keeling Islands - Der Regen prasselt donnernd auf das Blechdach des alten Schulbusses, die Palmen neigen sich bedrohlich, während der Wind stürmisch über die Lagune peitscht. Meine letzte Nacht am Strand von Scout-Park auf den Cocos Keeling Islands will mir den Abschied scheinbar leicht machen. Keine funkelnden Sterne. Dafür habe ich das dröhnende Rauschen des Ozeans im Ohr und die aufblitzenden Lichter der Landebahn auf West Island vor Augen, wenn ich aus den riesigen Fenstern durchs Moskitonetz hinaus in die Dunkelheit blicke. Vier Wochen lang Hippie-Leben mitten im Indischen Ozean, Robinson-Feeling pur. Was kümmert mich morgen! Doch morgen ist schnell Realität: Badelatschen, Shorts und Bikini eintauschen gegen Travellerboots, lange Hosen und Jacke. Ja, der Abschied fällt trotz bewölkten Himmels - es hat ja trotzdem gut 27 Grad - schwer. Denn ich habe die Menschen hier ins Herz geschlossen. So viele unterschiedliche Charaktere, die in einer eingeschweißten Gemeinschaft auf engem Raum - mehr als 10.600 Kilometer von meiner Heimat entfernt - zusammen leben. Sicherlich nicht immer einfach, aber eine Überlegung wert ist es allemal. Reine Flugzeit: Mehr als 26 Stunden!

Egal, wo und wem man auf der Insel begegnet - ob auf dem Fahrrad, im Auto, zu Fuß oder im Bus -, jeder winkt einem freundlich zu. Ob man ihn jetzt gut kennt oder nicht. Ob Aussie oder Cocos Malay. Immer einen Smiley auf den Lippen, und zwar nicht, weil Facebook oder andere vorgefertigte Computergesichter es per Tastendruck vorgeben. Auch die Kinder sind so erzogen, dass sie Fremden ein Lächeln schenken und fragen, wie es geht. Das gehört in Australien generell zum guten Ton, auf der Insel im Speziellen.


Emma's Arche - eine Meisterleistung

Da ist zum Beispiel die blonde Emma mit rund 30 Jahren. Die australische Künstlerin mit dem herzlichen, offenen Gesicht - sie fotografiert und malt - hat in zehn Jahren Eigenleistung ein altes Boot, die "Biar Selamat", von Grund auf renoviert. "Dazwischen war ich immer wieder mal auf dem Festland, um zu arbeiten", erzählt sie abends am Lagerfeuer, während ihre sechs Monate alte Tochter mit großen Augen den Funken hinterher starrt. Emmas Boot liegt nicht etwa irgendwo auf den Cocos Keeling Islands vor Anker. Nein, das herrlich restaurierte Holz-Schiff in Gelb und Pool-Blau, wetteifernd mit den Farben der Tropen, ist fest vertäut am Strand zwischen sich im Wind wiegenden Kokospalmen unter einem strahlend blauen Himmel. Überall auf dem Gelände, wo Emma gerade zusammen mit ihrem Mann ein Haus für die junge Familie baut, liegen alte Schiffstaue, an Land gespülte Badelatschen und sonstige Dinge, die das Meer irgendwann einmal mit wütendem Rauschen aus fernen Ländern ausgespuckt hat. Sie sind die Grundlagen für die künstlerische Arbeit Emmas. Sie bastelt daraus Schmuck oder Bilder, und sie fotografiert diese Dinge auf ihre Art, um sie dann auf Leinwand verewigt in ihrer Galerie zu verkaufen. Einige Exemplare davon hängen im Cocos-Club. Im Innenleben des über Jahre renovierten Schiffes hat Emma ihre Galerie - "The Big Barge Art Centre" - aufgebaut und bietet hier nebst eigenen Kunstwerken allerhand wunderschöne Accessoires an, die das Heim bereichern können. Ich indes - seit sieben Monaten ohne festen Wohnsitz in der Welt unterwegs - muss wieder einmal verzichten, zumal ich nicht ein Fünkchen Platz habe in meinem Gepäck. Und zurücklassen kann ich nichts, zumal wieder kältere Tage auf mich zukommen.


Wer schwanger ist, entbindet auf dem Festland

Noch einmal zurück zu Emma. Und die vielen anderen Mütter auf der Insel. Ja, es gibt erstaunlich viele Kleinkinder. Wer hier schwanger ist, darf nicht bis zur letzten Minute warten. In der Regel machen sich die Frauen etwa sechs Wochen vor ihrer Niederkunft auf nach Perth auf dem australischen Festland. Dorthin, wo ich nach dreieinhalb Stunden Flug gerade gelandet bin. Geburten auf Cocos Keeling Islands scheint es keine zu geben. Das wäre zu riskant. So kommen die Neu-Insulaner zum größten Teil in Perth auf dem Kontinent zur Welt, weil dies der erste Punkt ist, der von Cocos aus angeflogen werden kann.

Dann ist da noch Natalja. Die 29-jährige Argentinierin ist seit einem viertel Jahr auf der Insel und arbeitet als Au-Pair-Mädchen, hütet die Kinder eines Ehepaars auf West Island. Nebenbei jobbt sie im Cocos-Club hinter dem Tresen. "Vielleicht bleibe ich doch noch länger", strahlt sie und wiegelt ab. "Kommt drauf an, ob sie mich im Club weiter beschäftigen." Eigentlich will sie mit ihrem Work-and-Travel-Visum weiterreisen, weil noch viel zu erleben sei auf der Welt, aber irgendwie hält einen die Insel hier doch gefangen. Wir treffen uns mehrmals zur Anti Hash auf Johnnys Terrasse oder zum Abhängen auf der traumhaften Schnorchel-Insel Direction Island - oder eben im Club. Auch in der Bücherei treffe ich Natalja, als ich Mark dorthin begleite. In der Schule gibt es einmal in der Woche abends wirklich eine riesige Auswahl an guter Literatur, die regelmäßig vom Festland bereichert wird. "Man kann auch Wunsch-Literatur bestellen", klärt mich Mark auf. Das mag natürlich eine Weile dauern. Denn die kommt nicht immer mit dem Flugzeug, sondern zuweilen mit dem Schiff. Und das trudelt so alle zwei Monate auf Cocos Keeling Islands ein. Ich sehe es leider nur aus der Ferne, weil ich die letzte Fähre nach Direction Island, wo die Schiffe ankern können, verpasse. Allerdings erlebe ich die Freude der Club-Freunde, als einer der riesigen Container vor dem Lokal abgeladen wird. Den ganzen Tag über werden von vielen Helfern die neuen Alkoholvorräte mit dem Gabelstapler verladen und in die Regale des Clubs geschlichtet. Die nächsten Wochen sind also gesichert.


Auf der Insel hängen geblieben

Viele Menschen stranden auf den Cocos Keeling Islands. So auch Olivia, 30 Jahre alt, die aus Chile kommt und ebenfalls auf der Insel hängen geblieben ist. Zum vierten Mal. Mittlerweile hat sie sich in Paul verliebt, wieder einen Australier. Schon zuvor hat sie drei Jahre auf dem Festland mit einem Aussie zusammengelebt. Daher hat sie auch ein Permanent-Visum und muss nicht alle drei Monate ausreisen, wie dies jetzt demnächst bei mir der Fall sein wird. Ob ihre Liebe ausreicht, um für immer auf der Insel zu bleiben, weiß die Yoga-Lehrerin, die regelmäßig Kurse für die Gemeinschaft anbietet, noch nicht. Im Herbst besucht sie erst einmal einen Yoga-Kongress in Paris - um dann wohl wieder zurückzukehren nach Cocos Keeling Islands. Denn hier hat sie bereits mehrere Jobs für die Community, unter anderem passt sie auch auf Emmas kleine Tochter auf oder sie verkauft in der Galerie.

Jason, der für die Airforce arbeitet, entpuppt sich als spontaner Helfer in der Not. Denn zum ersten Mal sitzt der Schulbus nach einer Nacht am Strand tief im Sand fest, frisst sich trotz Vierrad-Antriebs tiefer und tiefer. Die einzige Alternative: Laufen. Und das ist ein ganz schönes Stück bis ins Dörfchen. Wie schön, dass auf halber Strecke Jason mit dem Jeep ankommt und nicht gleich ins Büro hinter den Kokospalmen bei der Lagune fährt, sondern uns einen Lift gibt. Dass er auch noch die entsprechende Winde dabei hat, um den schweren Bus herauszuziehen, ist wirklich ein Glücksfall. Einer von so vielen auf diesen wunderschönen Inseln.
"Wear yout helmet!"

Es gibt allerdings auch weniger nette Menschen. Wenn man es herausfordert, so wie ich. Einen mürrischen Blick handle ich mir ein, als ich zum ersten Mal mit einem Fahrrad - damals noch für teure 15 Dollar geliehen, ehe ich mein Schrottrad ergattert habe - unterwegs bin. Flaches Gelände, so ganz anders als daheim in meinen Bergen des Fichtelgebirges, erfordert nicht unbedingt einen Helm. So meine schlüssige Meinung. Den Helm habe ich hinten am Rucksack baumeln. Ich merke schon, wie ein Fahrzeug langsam neben mir herfährt. "Wear your helmet!", raunzt mich der Polizist hinterm Steuer an. Upps! Ich stammle ein kurzes "Sorry", ehe ich mir die Halbschale auf den Kopf pflanze. Seither trage ich täglich meinen Helm, den ich ebenso von Russell geliehen bekommen habe wie das Fahrrad. Warum die Polizei das mit dem Helm so ernst nimmt, erklären mir Kylie und Ash, die Autos auf der Insel vermieten und Kajak-Touren anbieten. "Es dauert mindestens zehn Stunden, bis ein Arzt vom Festland hierher kommt, um verletzte Menschen zu behandeln. Bei komplizierten Kopfverletzungen sähe es weitaus schlimmer aus, denn die könnten vor Ort nicht behandelt werden." Also hat das Leben auf der Insel durchaus Schattenseiten. Aber man wappnet sich dagegen - so gut es eben geht.


Die meisten Immobilien in Staatshand

Gegen alles allerdings kann man sich auch im Paradies nicht wappnen. So gibt es nicht eine einzige Versicherung - oder zumindest keine bezahlbare -, die die Häuser der Menschen hier unter Vertrag nimmt. Wer also eine Million Dollar investiert, um am Strand von West Island zu residieren, setzt dieses Geld mit absoluter Sicherheit in den traumhaft weißen Sand, sollte ein Zyklon über der Insel wüten und das Haus in Stücke fetzen. Daher hält sich die Bauwilligkeit der Insulaner - es ist natürlich auch eine Frage des Geldes - ziemlich in Grenzen. Auch der Baugrund ist ja ziemlich eingschränkt. Die meisten Häuser sind in Staatshand. Ob Polizei, Zoll, Airforce, Lehrer oder sonstige Staatsangestellte - sie haben die meisten Jobs hier für begrenzte Zeit -, jene bekommen für wenig Geld Wohnraum zur Verfügung gestellt, während Otto Normalverbraucher sonst für eine ziemlich abgewohnte Hütte rund 300 Dollar die Woche abdrücken muss. Da kann es aber auch sein, dass es mal zur Decke reinregnet. Die Häuser der Regierung allerdings stehen zum Großteil leer und werden - wofür auch immer - vorgehalten, während einige Familien händeringend ein Haus suchen.


Eine richtig große Familie

Mein letzter Tag sieht natürlich noch einmal einen Besuch auf der Clam-Farm vor, Jogging - das habe ich zum letzten Mal vor einem Vierteljahrhundert in Deutschland gemacht - am malerischen Strand unter sich wiegenden Kokospalmen, Check the Surf mit Mark und seinen Freunden, Besuch in der Radio-Station und den Abschied von einigen lieb gewonnenen Menschen auf der Insel. Das Fahrrad von Russell ist wieder da, wo es hingehört, und Russell und seine Frau sitzen heute mit mir im Flugzeug gen Perth - in Erwartung eines Segeltörns in Italien und Griechenland. Auch der Insulaner braucht einmal Urlaub vom Paradies. Eine Stunde vor Abflug - meinen 18,8 Kilo schweren Rucksack kann ich schon mittags aufgeben - sitzen wir quasi 15 Sekunden Fußweg vor dem Kontrollschalter im Cocos-Club, um die letzten Biere zu genießen, ehe es Abschied nehmen heißt. Von Mark, dem Bus-Bewohner, Surfer, Radio-Sprecher und Clam-Züchter, der mir seine einfache, aber wunderbare Herberge zur Verfügung gestellt und mir viele Türen auf der Insel geöffnet hat. Natalja kommt extra vorbei, um mich zu drücken, Michelle noch wegen eines Facebook-Kontakts, und die anderen stehen sowieso alle am Ein- beziehungsweise Ausgang des Flugplatzes, weil mit der Maschine, die aus Christmas Island eintrifft, ja auch neue Touristen auf Cocos eintrudeln. Und die werden persönlich mit Namensschildern von Wendy, Kylie und Co. abgeholt. Es ist wirklich eine richtig große Familie hier im Paradies. Was in der Welt sollte einen davon abhalten, hier zu leben!