Kuriose Ortsnamen Als Babilon errichtet wurde

Die Aussicht von Babilon Richtung Süden genossen schon die Vorfahren von Siegfried Bayerl (oben) vor mehr als 200 Jahren. Hans Baier steht neben dem etwas angeknacksten Ortsschild (links unten). Im alten Schulhaus (rechts unten) wohnt jetzt ein ehemaliger Schüler. Foto: Peter Rauscher

BABILON. Einen Turm sucht man heute vergebens in Babilon im Fichtelgebirge. Wenn man Einheimische auf die Namensähnlichkeit mit der Stadt Babylon anspricht, in der laut Bibel ein Turmbau am Sprachengewirr scheiterte, erntet man meist Achselzucken. Zufall, diese Ähnlichkeit. Der kleine Ortsteil der Gemeinde Kulmain im Landkreis Tirschenreuth kann allerdings mit einem anderen bemerkenswerten Bauwerk aufwarten: einem Schulgebäude. Und das in einem Ort mit nur 17 Einwohnern.

Wer nach Babilon will, muss erst mal Höhe gewinnen. Aus Immenreuth kommend, geht es am Tannenberg-Skilift vorbei in Richtung Brand rund 150 Höhenmeter stramm bergauf, bis zu einem kleinen Wegweiser nach links. Oben bietet sich bei klarer Sicht ein grandioses 180-Grad-Panorama nach Süden von Armesberg und Rauher Kulm bis zu den Windrädern bei Speichersdorf und darüber hinaus.

Die 17 Einwohner wohnen teils weit auseinander

„Von hier wollte ich noch nie weg“, sagt Siegfried Bayerl und genießt den Ausblick und die Ruhe. Der 72-Jährige lebt hier seit seiner Geburt – wie auch seine Vorfahren seit dem 18. Jahrhundert. Dokumentiert ist im Waldrichteramt Waldeck, dass 1797 Unterförster Michael Bayerl ein „neuerbautes Hauß in Babilon genannt“ besitzt.  Das Forsthaus steht noch verlassen da, neben dem schmucken Haus, in dem Nachkomme Siegfried Bayerl mit seiner Familie wohnt. Gearbeitet hat er in einer Fabrik in Brand und betrieb nebenbei eine 30 Hektar große Nebenerwerbslandwirtschaft. 30 Jahre lang war er Feuerwehrkommandant in Lenau, zu dieser Gemeinde gehörte Babilon bis zur Gebietsreform 1978. Einsam habe er sich hier oben nie gefühlt, auch seine Frau, die aus Ebnath kommt, habe sich an die Ruhe gewöhnt. Selbst die 17 Einwohner von Babilon wohnen nicht direkt nebeneinander, zwischen den Häusern liegen teils mehrere hundert Meter.

„Das Klima härtet ab“

Das Klima kann rau sein auf der Anhöhe, auch bei schönem Wetter pfeift der Wind um die Ecken. Auch das hat Bayerl nie gestört, krank war er kaum. „Das Klima härtet ab“, sagt er. Bayerl sitzt heute im elektrischen Rollstuhl, aber früher ist er mit den Skiern den Hang runtergefahren. Überhaupt die Winter hier. „Die waren früher viel strenger“, sagt er. Aber seit Anfang der 80er Jahre gebe es bei weitem nicht mehr so viel Schnee. Das bestätigt Bayerls Nachbar Hans Baier. „Im Winter haben wir früher die Autos in Schneisen im Wald in Sicherheit gebracht, weil hier alles mit Schnee zugeweht war“, erinnert sich der 81-Jährige. Nur so habe der Schneepflug die Straße – damals ein Feldweg – freiräumen können. Busse halten selten: Einer früh, kurz vor sieben Richtung Schulzentrum Kemnath und mittags wieder zurück. Bis Mitte der sechziger Jahre hatten die Babilonier sogar ihre eigene Schule. 1854 eröffnete sie, schreibt Kreisheimatpfleger Robert Schön. Der Überlieferung zufolge schickte man aus Frankenreuth und Katzenöd gleichzeitig zwei Schüler los. Wo sie sich trafen, wurde das Schulgebäude errichtet. Volker Brandl, letzter Lehrer in Babilon bis 1966, berichtete allerdings, die Schule sei kein Neubau, sondern in das aufgelassene Panzer-Hans-Anwesen eingezogen.

Pavillon wird Babilon

Baier und Bayerl besuchten beide die Zwergschule. Alle acht Klassen mit anfangs 44 Schülern waren in einem Klassenzimmer im ersten Stock untergebracht, im Parterre war eine Lehrerwohnung eingerichtet. Der Lehrer beschäftigte sich erst mit den Klassen eins bis vier, dann gab er ihnen Aufgaben und unterrichtete die Klassen fünf bis acht. Und im Winter bestand der Sportunterricht mitunter darin, Holzscheite zum Ofen hochzutragen. Als Nachbarn hatten Baier und Bayerl kurze Schulwege. Ihre Kameraden aus Ölbrunn oder Günzlas oder Plößberg mussten dagegen zu Fuß mehrere Kilometer nach Babilon und zurück laufen, teils bergauf. Im Winter gingen die Großen voraus und die Kleinen traten in ihre Fußstapfen, erinnert sich Hubert Melzner, der ebenfalls hier zur Schule ging.

Kunstmaler kauften das Gebäude, als die Schule 1966 nach Kulmain verlegt wurde. Es waren Verwandte von Hubert Melzner. Nach ihrem Tod zog er mit seiner Frau aus Frankenreuth hierher. „Jetzt schlafe ich in meinem früheren Klassenzimmer“, flachst er. Was es mit dem Ortsnamen Babilon auf sich hat, weiß auch Melzner nicht genau. Kreisheimatpfleger Schön hat es herausgefunden: Das Holzhaus, das Bayerls Vorfahr 1797 hier baute und zu einem Aussichtspunkt aufstockte, nannte er „Pavillon“, schrieb Schön 2014 in einem Artikel. Der Dialekt der Einheimischen machte aus der Ansiedlung  „Bavillon“, daraus wurde Babilon. Ein klein bisschen Turmbau und Sprachverwirrung gab es also auch im Fichtelgebirge.

 

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