Herr Bedford-Strohm, wann waren Sie zuletzt glücklich?
Bedford-Strohm: Ich bin vor einigen Tagen mit meiner Frau und einem meiner Söhne auf einen Alpengipfel gestiegen. Auf der einen Seite habe ich das Alpenpanorama im letzten Sonnenlicht gesehen und auf der anderen Seite auf den Tegernsee und im Hintergrund bis nach München schauen können. Da war ich absolut glücklich.
Glück – was ist das eigentlich?
Bedford-Strohm: Es gibt unterschiedliche Aspekte des Glücks. Da sind auf der einen Seite besondere Glücksmomente, wie ich sie auf dem Alpengipfel erlebt habe. Dazu gehören auch die Schmetterlinge im Bauch, die man beim frischen Verliebtsein spürt. Und da ist auf der anderen Seite ein Grundgefühl, das nicht allein von bestimmten Momenten abhängig ist, sondern auch dann anhalten kann, wenn einzelne schwere Situationen zu bewältigen sind. Für diese grundsätzliche Lebenszufriedenheit ist es von zentraler Bedeutung, in welchem Horizont ich mein eigenes Leben verstehe.
Glück als Lebensziel?
Bedford-Strohm: In der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung ist das Streben nach Glück tatsächlich sozusagen als Staatsziel formuliert. Wenn wir Glück in dem Sinne als Lebensziel formulieren, dass wir krampfhaft negative Gefühle zu vermeiden suchen, dann ist es vorprogrammiert, dass wir damit auf die Nase fallen. Denn natürlich erfahren wir auch Schweres im Leben. Man kann Glück nicht einfach herstellen, wie man ein bestimmtes Produkt herstellt. Aber klar wollen wir alle ein glückliches Leben führen. Ich bin überzeugt davon, dass der Glaube dafür eine große Rolle spielt. Wenn ich an Gott als meinen Schöpfer glaube, dann nehme ich jeden Tag dankbar aus Gottes Hand und lasse mir die Augen öffnen für den Reichtum, den Gott mir jeden Tag schenkt. Es macht einen Unterschied, wenn ich zum Beispiel mit Psalm 139,14 sagen kann: ,Ich danke dir Gott, dass ich wunderbar gemacht bin‘, und das auch wirklich in der Tiefe meiner Seele glaube.
Reich sein macht nicht glücklich, arm sein aber auch nicht, oder?
Bedford-Strohm: Genau so ist es. Und es gilt auch das Umgekehrte: Sowohl ein reicher als auch ein armer Mensch kann glücklich sein. Was die Rolle des materiellen Reichtums betrifft, sind die Forschungen ziemlich eindeutig. Oberhalb eines bestimmten Einkommens, und das ist erstaunlich niedrig, bringt zusätzlicher materieller Reichtum keine zusätzliche Lebenszufriedenheit. Die wissenschaftlichen Studien zeigen, dass die Frage, wie gleich oder ungleich das Einkommen verteilt ist, eine viel größere Rolle für die Lebenszufriedenheit in einem Land spielt, als das absolute materielle Niveau. Interessanterweise ist auch das reichste Drittel der Bevölkerung in den Ländern glücklicher, in denen mehr Gleichheit herrscht. Das zeigt, wie wichtig soziale Gerechtigkeit für die Wohlfahrt eines Landes ist. Ich mache auch die persönliche Erfahrung, dass es mich glücklicher macht, von meinem eigenen hohen Einkommen etwas abzugeben, als es für mich zu behalten.
„Gott nahe zu sein ist mein Glück“, heißt die Jahreslosung. Wie kommt man Gott nahe?
Bedford-Strohm: Das ist im Grunde ganz einfach: Indem man sich in dem übt, was mit dem alten Wort „Frömmigkeit“ verbunden ist und was man heute lieber „Spiritualität“ nennt. Immer wieder einen Moment Auszeit nehmen und darüber nachdenken, was wirklich wichtig im Leben ist. Die wunderbaren Texte der Bibel lesen und auf sich wirken lassen, sie sozusagen in die Seele einsickern lassen. „Lobe den Herren meine Seele und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat.“ Wer diesen Satz aus Psalm 103 mit sprechen kann, lebt anders.
Wie kommen Sie Gott nahe?
Bedford-Strohm: Für mich spielt der Gottesdienst eine besondere Rolle. Ich finde es wunderbar, mit anderen Menschen zusammen zu singen, zu beten, mir etwas sagen zu lassen und im Abendmahl die Gemeinschaft mit Gott und den anderen Menschen zu spüren. Ich erlebe als Landesbischof natürlich viele ganz besondere Gottesdienste überall in Bayern. Ich weiß sehr genau, dass die Kirchen nicht immer so voll sind, wie wenn der Landesbischof kommt. Und es kann auch nicht jedes Mal so wunderbare Musik vorbereitet werden. Umso dankbarer nehme ich diese Gottesdienste an als Geschenke, die mir meine Kirche regelmäßig macht und aus denen ich für mein Amt Kraft bekomme.
Hatten Sie dabei schon ein ganz besonderes Erlebnis?
Bedford-Strohm: Ein Gottesdienst, den ich nie vergessen werde, war der Gottesdienst zu meiner Amtseinführung in der Nürnberger Lorenzkirche. Die wunderbare Musik, die vielen lieben Segensworte, die mir mit auf den Weg gegeben worden sind und die Gemeinschaft von Menschen aus aller Welt, die mich an diesem so besonderen Tag begleitet haben, war der schönste Beginn meiner Amtszeit, den ich mir hätte vorstellen können. Ja, ich habe die Nähe Gottes sehr stark gespürt. Das hat mir viel Kraft gegeben, die anhält.
Gott ist nicht für unser Glück verantwortlich, oder?
Bedford-Strohm: Gott ist nicht verantwortlich für unser Glück, aber Gott will unser Glück. Gott hat uns aus Liebe geschaffen, und mit dieser Liebe begleitet er uns durchs Leben. Das ist keine Versicherung gegen Schweres im Leben. Aber es gibt uns die Gewissheit, dass dieses Schwere im Leben uns zwar bedrängen, nicht aber zerstören kann. Es lässt uns aus der Hoffnung leben, dass alle Tränen am Ende abgewischt werden und kein Leid noch Geschrei mehr sein wird. In der Bergpredigt sagt Jesus: Selig sind, die da Leid tragen, denn sie sollen getröstet werden. Seligkeit ist die tiefste Form des Glücks, weil sie in den guten und in den schweren Tagen Bestand hat.
Jeder ist seines Glückes Schmied?
Bedford-Strohm: Das Wahre an dieser Lebensweisheit ist, dass wir natürlich auch etwas dazu tun können, dass unser Leben gelingt. Wenn man diesen Satz allerdings verabsolutiert, wird er zum Unsinn. Was wir sind und was wir haben, verdanken wir nicht zu allererst uns selbst, sondern es ist uns geschenkt worden. Nicht wir haben uns geboren, sondern unsere Mutter. Auf unserem Lebensweg haben uns viele Menschen begleitet und gefördert, ohne die wir nie an den Punkt gekommen wären, an dem wir sind. Es kann geradezu zynisch sein, wenn wir Menschen, die in weniger günstigen Lebensumständen geboren sind als wir, selbst die Schuld an ihrer Situation geben. Wenn ich weiß, wie sehr mein Leben ein Geschenk ist, dann bin ich bereit zur Solidarität mit anderen.
Im Leid wird der Glaube fester?
Bedford-Strohm: Als allgemeine Wahrheit ist dieser Satz falsch. Denn es gibt auch Menschen, die die Erfahrung machen, an bitterem Leid zu zerbrechen. Für Menschen, denen es sehr schlecht geht, gibt es nichts Schlimmeres als den gut gemeinten Hinweis, dass das alles schon seinen guten Sinn habe. Sie erfahren das als billigen Trost. Etwas anderes ist es, wenn Menschen selbst im Rückblick die Erfahrung zum Ausdruck bringen, dass sie auch und gerade im Leiden die Begleitung Gottes gespürt haben und stärker daraus hervorgegangen sind, als sie hineingegangen sind. Wenn Menschen so etwas sagen, hat das große Kraft.
Worunter leiden Sie besonders?
Bedford-Strohm: Dass noch immer jeden Tag dieser Welt 25.000 Menschen sterben, weil sie nicht genug zu essen oder nicht die notwendige Medizin haben. Daran kann und will ich mich nie gewöhnen.
Ihr schönstes Glücksgefühl?
Bedford-Strohm: Das Vertrauen, die Offenheit, die Neugier und die Lebenslust im Gesicht eines spielenden Kindes.