Kurier-Interview mit Präsidentin Annekathrin Preidel Synode: Das Alter positiv sehen

Die evangelische Landessynode tagt noch bis diesen Donnerstag in Bad Wörishofen. „Alter neu sehen“ heißt das Schwerpunktthema der Frühjahrssynode. Im Interview spricht Synodalpräsidentin Annekathrin Preidel über Altersweisheit und Gegenbilder zu einem oberflächlichen Menschenbild.

Die Präsidentin der evangelischen Synode in Bayern: Annekathrin Preidel. Foto: dpa Foto: red

Die Synode wirbt für ein neues Bild des Alters. Welches Bild? Annekathrin Preidel: Auffälligerweise fehlen uns die Worte, wenn wir über das Alter sprechen. Denn auch die Älterwerdenden sind nicht bereit, ihre Lebensphase als „Alter“ zu bezeichnen. Auch „Ruhestand“ passt eigentlich für viele nicht mehr. Wir brauchen neue Worte und neue Bilder. Die Synode wirbt dafür, die Lebensphase des Alters nicht defizitorientiert zu sehen, sondern als natürliche Lebensphase, die es positiv wahrzunehmen und bewusst zu gestalten gilt.

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Jung sein, schön sein, das ist doch gefragt.

Preidel: Die Ideologie unserer Zeit, dass nur der junge, gesunde, schöne, leistungsfähige Mensch eine Daseinsberechtigung hat, ist mit dem Menschenbild des christlichen Glaubens nicht vereinbar. Niemand darf sich dafür rechtfertigen müssen, dass er nicht zu den Leistungsträgern unserer Gesellschaft gehört.

Wer älter wird, wird schwächer.

Preidel: Ja, aber vielleicht auch stärker. Wir nehmen das Alter ja leider oft nur körperfixiert wahr. In der Tat wird der alternde Körper zerbrechlicher und anfälliger. Allerdings sind wir nicht nur Körper, sondern auch Geist und Lebensweisheit. Ich glaube, alte Menschen können Vorbilder sein, weil sie heilsame Gegenbilder sind zu dem Menschenbild, das wir für attraktiv halten, weil es oberflächlich so überzeugend ist.

Alter und Leistungsgesellschaft – das verträgt sich schlecht?

Preidel: Keineswegs. Zum einen können alte Menschen den jungen Menschen etwas schenken, was die Jungen nicht zu haben glauben: Zeit und Lebenserfahrung. Wir reden ja immer gerne von der Entdeckung der Langsamkeit, aber wir übersehen, dass uns gerade die alten Menschen zeigen können, was in der Schnelllebigkeit unserer Gegenwart fehlt. Zum anderen können alte Menschen sehr wohl sehr viel. Sie können aber anderes als die Jüngeren. Zum dritten ist die Lebensphase des Alters ein wichtiges Korrektiv und eine wichtige Ergänzung zu einem Menschenbild, das vom Können geprägt ist.

Ist Altersweisheit noch gefragt?

Preidel: Darum genau geht es mir: dass wir die Perspektive wechseln. Jedes Lebensalter hat dem anderen etwas zu sagen und zu zeigen. Wenn wir alte Menschen sehen, sehen wir unsere Zukunft. Eine neue Wahrnehmung des Alters seitens der Alten, seitens der Jungen und seitens der Gesellschaft könnte dazu führen, dass das Alter und seine Lebensweisheit auch als etwas gesehen werden kann, was den Jungen fehlt.

Am Computer sind die Jungen besser.

Preidel: Mag sein. Aber immerhin sind viele Ältere am Computer. Ich kenne Menschen, die mit über 70 Jahren erstmals einen Tabletcomputer in die Hand nehmen und eine Welt der ungeahnten Kommunikationsmöglichkeiten entdecken. Vielleicht langsamer und weniger multitasking als die Jüngeren. Aber das ist nicht entscheidend. Ich bin davon überzeugt, dass die neuen Medien auch Alternden neue Horizonte des Vernetztseins und der gesellschaftlichen Beteiligung eröffnen können.

Das Alter neu denken: Welche Impulse kann die Synode geben?

Preidel: Es wird ein Wort der Synode geben, das sein Augenmerk auf einen Perspektivwechsel richtet. Man darf es sich aber nicht zu einfach machen. Dieser Perspektivwechsel wird etwas kosten. Was sind uns die Alten wert? Was ist uns als Gesellschaft die Pflege wert? Was wollen wir uns unser eigenes Alter kosten lassen?

Wie alt sind Sie?

Preidel: Ein gutes Alter erkennt man daran, dass man gerne in dem Alter ist, in dem man ist. Und so gesehen bin ich in einem guten Alter.

Alter macht Angst?

Preidel: Ja. Das ist zwar natürlich, weil die schwindende Lebenszeit fühlbarer wird. Aber das ist zugleich das Problem, dass wir auf das Alter starren wie das Kaninchen auf die Schlange. So gewinnt die Defizitorientierung zu viel Macht über uns. Als Christenmensch bin ich gewiss: jedes Lebensalter ist Gott gleich nahe.

Was ist gut am Älterwerden?

Preidel: Es gibt ja ein bekanntes Sprichwort. Es heißt: „Es geht nicht darum, dem Leben mehr Jahre zu geben, sondern den Jahren mehr Leben.“ Das Alter ist diejenige Lebensphase, in der das Leben bewusster erlebt werden kann – vielleicht auch deshalb, weil es seine Selbstverständlichkeit verliert und als kostbare geschenkte Zeit erfahren werden kann.

Das Gespräch führte Roland Töpfer.