Kult-Wirt hört auf Der Herr der Krüge

BAYREUTH. Ramon geht. Nach 24 Jahren hört der legendäre Wirt des Weihenstephan in Bayreuth auf. Das Lokal hatte während der Festspielzeiten Kultstatus bei den Künstlern. Ramon Lehnbeuter (59), der auch den Wandel der Festspiele miterlebt hat, sagt: „Jetzt ist es genug. Man soll aufhören, wenn es am schönsten ist!“

Ramon Lehnbeuter, den alle nur Ramon nennen, sieht kaum müde aus. Obwohl er, wie so oft in den vergangenen 32 Jahren, erst morgens gegen 5 Uhr aus seinem Lokal kam. Sie waren nämlich wieder da, die Künstler vom Hügel, die Leute hinter den Kulissen, die Ehemaligen und Gäste. Und sie haben geredet und gefeiert. Als die Sängerin Annette Dasch kam, die für die angekündigte Anna Netrebko eingesprungen war, standen alle auf und applaudierten. „Wenn ich so etwas als Wirt erleben darf, das ist für mich eine Ehre.“

Lokal mit Kultstatus und Kult-Wirt

Das Weihenstephan war seit Mitte der 1970er Jahre ein Festspiellokal. René Kollo, Peter Hofmann, Matti Salminen, Gabi Schnaut, Hans Sotin, Waltraud Meier, Nina Stemme, Bernd Weikl, Siegfried Jerusalem, Artur Korn, Hartmut Welker und viele andere waren da. Mehr als 150 Namen hat Lehnbeuter auf einen Zettel geschrieben. Wer darauf steht, war nicht nur Star und Gast, er hatte auch einen eigenen Krug, auf dessen Zinndeckel der Name eingraviert war. Wenn er erzählt, fallen die Namen der Stars im Stakkato. Lehnbeuter kannte sie und hat ihre „Kunst wertgeschätzt“. Auch die jetzigen Künstler schätzt er. Er begrüßt sie mit Namen und er weiß, wer sie sind. „Mensch René, schön, dass du wieder hier bist.“ So etwas könne man nicht übernehmen, das müsse wachsen.

Generalprobenzeit am schönsten

An welches ganz besondere Ereignis er sich erinnert? „Das sind so viele Sachen.“ Die schönste Zeit sei die Generalprobenzeit gewesen, in der sich die alten und neuen Sänger trafen – im Weihenstephan. Vor sechs Jahren hatte er nach einer Generalprobe 25 Sänger und Sängerinnen da, mit dem Chef der Staatsoper Wien. „Das sind die Highlights“, sagt Lehnbeuter, nicht die Extras, die sich die Künstler bei ihm wünschten. „Toll, wenn du da reingehst und hast 25 Sänger drin und kennst sie alle.“ Jeder freute sich, hier zu sein. In der Festspielkantine spielte er Schafkopf („geht heut alles nicht mehr“) mit Andreas Schmidt, Peter Maus und Helmut Pampuch, dem Mimen vom Rhein.

"Ganz große Zeiten"

Lehnbeuter hat in seinem Weihenstephan mitbekommen, wie sich die Festspiele geändert haben. Vielleicht ein klein wenig auch von ihrem Kultstatus verloren haben. Es hängt noch ein Wimpel vom FC Walhall im Gastzimmer, einer Art Fußballclub der Sänger. Bis Anfang der 1990er Jahre spielten sie im Stadion gegen eine städtische Auswahl. Franz Beckenbauer war da, Paul Breitner und Gerd Müller waren mal da. Sänger der alten Garde, die mit einer kleinen Honda Dax immer wieder die Bahnhofstraße rauf und runter und auch durchs Lokal eine Runde drehten. „Ganz große Zeiten“, sagt Lehnbeuter. Der Wechsel sei Anfang der 2000er Jahre gekommen. Die Sänger blieben nicht mehr so lange. „Früher lebten die in Bayreuth mehr als zwei Monate mit ihren Familien.“ Jetzt hätten die meisten noch andere Engagements an anderen Häusern.

Autogramme kein Problem

„Ich habe die alten Sänger noch alle kennenlernen dürfen.“ Die meisten davon saßen im „Solistenzimmer“, hinten im Lokal. Wenn einer alleine sein wollte, wurden die Türen geschlossen. Nichts ging nach außen von dem, was die Künstler erzählten. „Diskretion war ganz wichtig.“ Wenn jemand ein Autogramm wollte, klopfte der Wirt an und fragte. Trotz der Veränderungen am Hügel weiß Lehnbeuter: „Diese acht Wochen sind das Salz in der Suppe in Bayreuth.“ Viele Wirte „wären gar nicht da ohne diese Zeit“, in der Bayreuth international wird.

Die Zeit ist gekommen

Jetzt wird es ruhiger für Lehnbeuter, der mit der benachbarten Mohrenstube vor 32 Jahren anfing. Er beschränkt sich auf seine Gastronomie der Staatstherme in Bad Steben. Ganz zur Ruhe setzen kann er sich nicht. Beim Weihenstephan lief sein Vertrag aus. „Es ist einfach jetzt die Zeit, ade zu sagen und zurückzutreten und mich um meine Frau und meine Tochter zu kümmern.“ So schön die Nächte bis morgens um 5 Uhr sind, das normale Leben läuft dennoch weiter. Jetzt kann er das erste Mal Weihnachten mit seiner Familie feiern. Den ersten Sommer nach 32 Jahren erleben, wo er dann mit seiner Tochter Sophia Marie ins Schwimmbad gehen kann. Aber „das weinende Auge ist gerade sehr groß“, sagt er. Viele der signierten Krüge hat er in diesem Sommer den Künstlern zurückgegeben. Die anderen Andenken an sie wird er mitnehmen, von Unterschriften über Zeichnungen bis zu Fotos. Auch die Freundschaften zu ihnen, die sich im Laufe der Jahrzehnte entwickelt haben. Das wird bleiben. Und noch etwas: Im Weihenstephan hat er seine Frau Yvonne Berg-Lehnbeuter (42) kennengelernt. Sie war Gesangsstipendiatin des Richard-Wagner-Verbandes Köln. „Wie das Leben so spielt“, sagt sie.

 

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