Konjunktursorgen Oberfrankens Industrie: Die Unsicherheit nimmt zu

Die Automobilhersteller produzieren weniger Fahrzeuge, die Konjunktur flaut ab. Viele oberfränkische Unternehmen sind enge Zulieferer dieser stark auf den Export ausgerichteten Schlüsselindustrie. Foto: Julian Stratenschulte/dpa

BAYREUTH. Sind auch in Oberfranken die fetten Jahre vorbei? Die vom Export angetriebene Industriekonjunktur flaut spürbar ab. Und Kurzarbeit wird immer mehr zum Thema.

Die Deutsche Bundesbank tut es, das renommierte Ifo-Institut, der meinungsstarke Bundesverband der deutschen Industrie (BDI) und nun auch die ebenso wenig leise Vereinigung der bayerischen Wirtschaft (VBW): Kurz aufeinanderfolgend korrigieren sie wirtschaftliche Kennziffern nach unten, sehen für das laufende und das kommende Jahr eine Flaute des Wachstums. Die Bundesbank geht für 2019 lediglich noch von einem Zuwachs von 0,6 Prozent des Bruttoinlandsproduktes (BIP) 2019 aus. Die Volkswirte sprechen von einer abflauenden Konjunktur, die Industrie leide unter dem „schleppenden Export“. Auch die VBW rechnet bei den Ausfuhren der bayerischen Unternehmen nur noch mit einer leichten Zunahme um 0,7 Prozent. Verantwortlich seien globale Handelskonflikte, Unsicherheiten auf den Weltmärkten und der ungeklärte Brexit.

Oberfranken: Schwierigere Zeiten

Kommt nun eine ökonomische Stagnation oder gar Talfahrt, geht der Export-Konjunktur auf längere Sicht die Puste aus – oder springt der Motor nach kurzer Abkühlung wieder an? Klar ist: Für die exportorientierte oberfränkische Wirtschaft – insbesondere das verarbeitende Gewerbe – brechen nach zehn Jahren Hochphase und beindruckender Wachstumsraten wieder schwierigere Zeiten an. Bereits in ihren im Mai veröffentlichten Konjunkturbefragungen räumten die beiden regionalen Industrie- und Handelskammern, die IHK für Oberfranken Bayreuth und die IHK zu Coburg, Probleme beim Export ein. Sie sprachen von Auftragsrückgängen, die vor allem in der Industrie zu verzeichnen sind.

Eintrübung der Exportperspektiven

Welches Bild zeigt sich vier Wochen später? „Eine Eintrübung der Exportperspektiven bei ihren Mitgliedsunternehmen kann auch die IHK für Oberfranken feststellen“, beschreibt die Bayreuther Kammer auf Nachfrage unserer Zeitung die aktuelle Stimmung. Sie nimmt nochmals Bezug zu ihrer Befragung: „In der Konjunkturumfrage lässt sich ein signifikanter Rückgang der Auftragsvolumina aus dem Ausland messen.“ Als „besonders herausfordernd“ bezeichnet man im Coburger Kammerbezirk die Entwicklung bei den Investitionsgüter- und Vorleistungsgüterproduzenten – sprich den Automobilzulieferern und den Maschinenherstellern. „Das anhaltende langsamere Wachstum der Weltwirtschaft, politische Unsicherheitsherde wie der Zollkonflikt zwischen den USA und China, die Risiken in der Automobilindustrie sowie die haushaltspolitischen Streitigkeiten zwischen der EU und Italien dämpfen die Perspektiven der exportstarken Coburger Industrie.“ Man muss kein Prophet sei, um die möglichen Auswirkungen vorauszusehen, denn: Im gesamten Coburger IHK-Bezirk beläuft sich die Exportquote auf 50 Prozent, in der Vestestadt selbst gar auf 74 Prozent.

Geschäfte noch konstant

Aber: Die Auftragsrückgänge schlagen derzeit noch nicht auf das Tagesgeschäft durch, betont die IHK für Oberfranken Bayreuth. Die oberfränkische Industrie (Mitgliedsunternehmen der IHK für Oberfranken Bayreuth) vermelde ein konstantes Geschäft mit rund zwei Milliarden Euro Monatsumsatz, davon etwas mehr als eine Milliarde Euro im Ausland. „Die Umsatzzahlen liegen in etwa auf Vorjahresniveau, teilweise sogar leicht darüber“, teilt die Kammer mit. Möglicher Wermutstropfen: Dies berichtete das verarbeitende Gewerbe in der aktuellsten Monatserhebung, die bereits im April erstellt wurde.

Wachsendes Interesse an Kurzarbeit

Und so scheint die Zeit der strategischen Instrumente in der Personalpolitik der Unternehmen gekommen zu sein. Auf Nachfrage unserer Zeitung bestätigen die Arbeitsagenturen für Bayreuth und Hof sowie Bamberg und Coburg wachsendes Interesse aus der Industrie an Kurzarbeit. „Dies ist seit Jahresbeginn wieder verstärkt ein Thema“, sagt Evelyn Kannhäuser, Pressesprecherin der Agentur für Arbeit Bayreuth-Hof, „insbesondere bei Automobilzulieferern und Maschinenbauern.“ Mehr Personalchefs würden sich nach den grundsätzlichen Möglichkeiten der Kurzarbeit erkundigenen. Auch die Zahl der Antragstellungen sei im zweiten Quartal angestiegen. Gleiche Beobachtungen macht Matthias Klar, Pressesprecher der Agentur für Arbeit Bamberg-Coburg. „Ja, wir haben seit Kurzem mehr Firmen mit Anfragen nach Kurzarbeit – und die kommen direkt aus dem verarbeitenden Gewerbe.“

Personal halten

Man befinde sich in einer Art Warteschleife, in der die Unternehmen dieses Arbeitsmarktinstrument wieder stärker in Betracht ziehen würden. Hier gehe es ja vor allem darum, Personal zu halten und nicht zu verlieren. Das grundsätzliche Ziel der Kurzarbeit betonte vor wenigen Tagen auch der Vorstandschef der Bundesagentur für Arbeit (BA), Dieter Scheele. „Viele Unternehmen halten so an ihren Mitarbeitern fest, weil sie wissen, dass sie solche Fachkräfte nicht so schnell wiederbekommen.“ Deshalb bereite man sich angesichts der sich eintrübenden Konjunktur auf einen Anstieg der Kurzarbeit in verschiedenen Industriebranchen vor.

Ob noch in Gedankenspielen oder schon konkret umgesetzt: Kurzarbeit als personalstrategische Überlegung ist ein bedeutender Indikator für die Geschäftserwartungen der Unternehmen. Die IHK für Oberfranken Bayreuth registriert „derzeit vereinzelt Meldungen von Kurzarbeit auch in oberfränkischen Industriebetrieben, die ein probates Mittel ist, um möglichst viele Mitarbeiter durch eine konjunkturelle Abschwächung zu führen“. „Sollte sich eine konjunkturelle Delle, aber auch eine dauerhafte Abkühlung bis hin zu einer Rezession ausweiten, sind irgendwann Freistellungen nicht auszuschließen“, prognostiziert die Bayreuther Wirtschaftskammer.

Kurzarbeitergeld

Muss ein Unternehmen wegen fehlender Aufträge die Arbeitszeit verringern, zahlt die Bundesagentur für Arbeit (BA) Kurzarbeitergeld an die Arbeiter und Angestellten aus. So sollen Arbeitsplatzverluste in Zeiten flauer Konjunktur verhindert und der Verdienstausfall teilweise ausgeglichen werden. Ziel dieses Arbeitsmarktinstrumentes ist vor allem, Entlassungen zu vermeiden.

 

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