Die Festspiele verlieren an Substanz. Und seit das so ist, kann man feststellen, dass diese Substanz eben nicht nur die Musik von Richard Wagner ist. Die Substanz spürt man darin, dass noch immer Menschen, die Wagner verehren, an die Werkstatt glauben, gemeinsam an einem Riesenschiff namens Festspiele herumschrauben, um es jedes Jahr aufs Neue vom Stapel lassen. Sie kommen nach Bayreuth nicht so sehr des Geldes, sondern dieser Substanz wegen, die wir der Einfachheit „familiäres Klima“ nennen wollen. Sängerstars wie Klaus Florian Vogt, die woanders mehr Geld verdienen oder richtig Urlaub machen könnten, sprachen von Bayreuth wie von der Ferienfreizeit.

Das war einmal. Von der Freude an der gemeinsamen Arbeit, die keinen Gedanken an Streit und schlechte Stimmung aufkommen lasse, spricht Musikdirektor Christian Thielemann. Er betont das so auffällig, dass man hellhörig wird.

Und schon bekommt man mit, wie schlecht die Stimmung am Hügel ist. Das liegt auch am Sicherheitskonzept, das Mitarbeiten verbot, ihre Kinder mitzubringen, und solchen Widersinn hervorbrachte wie einen Stillcontainer für Mütter. Ein Konzept, das den Forschungstrieb der Polizei anspornte und vorbestrafte Mitarbeiter als Sicherheitsrisiko outete. Aber dieses überdrehte Konzept ist nur die sichtbarste Ursache und natürlich nicht die wichtigste. Es ist die Liste an Pannen. Und das Gefühl, dass dem niemand entgegensteuern will oder kann.

Immer wieder geht irgendwas schief, werden Sänger oder gar der Regisseur ausgetauscht. Und meist will’s keiner gewesen sein. Wie man auch im Streit der Dirigenten sehen konnte. Christian Thielemann trägt den Titel „Musikdirektor“, aber nie die Verantwortung. Jedenfalls sagt er das. Auch in der Causa Andris Nelsons. Er sei’s nicht gewesen, der den Letten vertrieben habe, das Verhältnis sei fast freundschaftlich gewesen. In der Mail allerdings, die Nelsons zum Abschied an das „Parsifal“-Team verschickte, ist von fast- oder halbfreundschaftlichen Gefühlen nichts zu lesen. Wenn Thielemann bei den Proben nervte, dann wäre es Aufgabe einer Festspielleitung gewesen, den so beliebten wie sensiblen Nelsons zu schützen.

Katharina Wagner aber erklärt sich für nicht zuständig. Wie auch bei anderer Gelegenheit. Ihre jüngste Aussage, die Anwesenheit bei Kinovorführungen mache „andere Repräsentationsaufgaben“ unmöglich, ist ein Schlag ins Gesicht der Stadt und derer, die das leibhaftige Festival mittragen. Die Substanz verliert sich. Und damit der größte Vorteil im Wettbewerb mit besser ausgestatteten Festivals.

michael.weiser@nordbayerischer-kurier.de