Kommentar: Deutschland Hassland

Von Joachim Braun
 Foto: red

Helmut Schümann, Autor des Berliner „Tagesspiegels“ wurde vor ein paar Tagen unweit seiner Wohnung als „linke Drecksau“ beschimpft und niedergeschlagen. Deutsche-Welle-Reporter Jaafar Abdul Karim und andere Journalisten erlebten Ähnliches bei der Pegida-Demonstration in Dresden: „Lügenpresse“ war noch die netteste Beschimpfung, andere lauteten „Judenpresse“, „Zionist“ und „Faschist“. Einzelfälle, gewiss. Trotzdem stellt sich die Frage nach dem gesellschaftlichen Klima: Ist es im Deutschland des Jahres 2015 gefährlich geworden als Journalist zu arbeiten?

Und Peter Bandermann, Reporter der in Dortmund erscheinenden Regionalzeitung „Ruhr-Nachrichten“, las im Februar auf Twitter seine eigene Todesanzeige. Im August passten ihn Unbekannte beim Bäcker ab, bedrängten, bedrohten und filmten ihn. Die Staatsanwaltschaft stellte die Ermittlungen jedoch kürzlich ein. Begründung: Das Leben des Journalisten sei nicht bedroht gewesen. Ach, so.

Einzelfälle, gewiss. Trotzdem stellt sich die Frage nach dem gesellschaftlichen Klima: Ist es im Deutschland des Jahres 2015 gefährlich geworden als Journalist zu arbeiten? Droht die Pressefreiheit zwischen den Fronten zerrieben zu werden? Fast schon zum Lachen wirkt da, dass sich ausgerechnet die Demokratiefeinde von der Pegida (um nur ein Beispiel zu nennen) bei ihren Aktionen auf eben diese Presse- und die Meinungsfreiheit berufen.

Auch wir Kurier-Journalisten merken, wie sich das Klima in unserer Region verschärft, ja radikalisiert. Wann immer das Wort „Flüchtlinge“ auf unseren Online- und Facebookseiten auftaucht, dauert es keine Zigarettenpause lang, bis die ersten rassistischen Kommentare erscheinen. Und immer mehr Menschen haben auch keine Skrupel, unter ihrem tatsächlichen Namen zu Gewalt und Mord an Unschuldigen aufzurufen. Der Facebook-Nutzer, der kürzlich nach einer Anzeige unserer Redaktion zu einer Geldstrafe verurteilt wurde, ist nur ein Beispiel dafür.

Rassismus ist salonfähig geworden. Ist das nicht furchtbar?

Diese Woche erreichte mich die Mail eines ehemaligen Kurier-Lesers, der ein Abo unserer Zeitung gegen eines der Rechtsextremen-Postille „Junge Freiheit“ getauscht hat – „einer Wochenzeitung, die sich auch für deutsche Interessen einsetzt und nicht nur einseitige Lügenberichte druckt“, wie er schreibt. Zur derzeitigen Flüchtlingskrise: „Ich gehe davon aus, dass Gutmenschen wie Sie damit kein Problem haben, sondern vielmehr insgeheim die Abschaffung Deutschlands begrüßen.“

Hier die „Gutmenschen“, dort die „Rassisten“, was ist los in unserem Land, was polarisiert so sehr, wo kommt der Hass her? Wo die Wut so vieler Leute auf Politiker und Medien, als seien diese Teil eines Kartells, das nur ein Ziel hat, nämlich sich auf Kosten der Bürger zu bereichern und wahlweise dem Großkapital, den USA, den Banken, Israel oder irgendwelchen geheimen Mächten zu dienen. Ist unsere Demokratie nach bald 60 Jahren wirklich so schwach, dass diese Kräfte so stark werden können?

Dabei geht es nicht allein um die Flüchtlingskrise. Erst am Freitag schrieb ein Facebook-Nutzer unter unserer Meldung, dass im Bereich der F16-Absturzstelle bei Engelmannsreuth nun das Grundwasser untersucht werde, allen Ernstes: „War doch klar ... es durfte anfangs nur das berichtet werden, was die Regierung bzw. der Ami zugelassen hat ... ein Hoch auf die Pressefreiheit.“ Soll man da nun lachen oder doch lieber weinen?

In Zeiten, da sich jeder Dummkopf über alles öffentlich äußern kann und im Regelfall für den verbreiteten Unsinn nicht einmal gerade stehen muss, ist offenbar alles akzeptiert und vieles geglaubt. Dieser anarchistische Zustand beinahe grenzenloser Publizität ähnelt dem derzeitigen faktischen Verlust von Landesgrenzen. Jeder darf alles. Vertrauen in die demokratischen Institutionen gibt es nicht mehr. Stattdessen Verschwörungstheorien, Neid, Angst und vielfach auch purer Hass.

Hass als Mittel des gesellschaftlichen Diskurses. Was passiert mit unserem Land?

Die derzeitige Kontroverse der Parteien um Lösungen für die Flüchtlingskrise wird von einem Teil der Menschen als Schwäche unseres politischen Systems fehlgedeutet. Dabei braucht es diesen Widerstreit der Konzepte und Ideen, um allgemein akzeptierte Lösungsansätze für die extrem komplexen Probleme unserer Zeit zu finden. Unser Land steht nicht allein da, es ist Teil komplexer Beziehungsnetze, ob diese nun EU, Industriestaaten oder auch Nahost-Konflikt heißen. Dass das Vertrauen in die Lösungsfähigkeit der Politik fehlt, ist das größte Problem, das wir lösen müssen. Aber Demokratie ist eben ein schwieriges Geschäft. Autokratische Herrscher wie Putin, Erdogan und auch Orban haben es leichter als „Mutti“ Merkel, ihre Vorstellungen durchzusetzen. Aber wollen wir wirklich als Untertanen in Ländern wie den genannten leben?

Wo ist nur unser Selbstvertrauen geblieben? Wie kann es gerade in Deutschland Neonazis gelingen mit ihren menschenfeindlichen Ansichten wieder gesellschaftsfähig zu werden? Warum sind es immer mehr gut gebildete, (eigentlich) gut informierte, nicht eben arme Menschen, die sich von Vorurteilen beeindrucken lassen und den rechten Rattenfängern folgen?

Ganz offensichtlich haben auch wir Journalisten versagt. Es gelingt uns nicht (mehr), den Menschen zu vermitteln, dass die meisten von uns tatsächlich unvoreingenommen recherchieren und berichten. Dass wir Fakten und Meinungen sehr wohl zu trennen wissen. Dass niemand steuert, was wir über die Flüchtlinge schreiben. Dass es auch uns ausschließlich um das Wohlergehen des Landes geht, in dem wir und unsere Familien leben. Dass aber auch niemand erwarten kann, dass wir schrieben, die zu uns kommenden Flüchtlinge seien zu 80 Prozent „junge Männer“, wenn deren tatsächlicher Anteil laut Bundesamt für Migration und Flüchtlinge lediglich 38 Prozent (18- bis 35-Jährige) beträgt. Fast genauso viele Flüchtlinge sind übrigens minderjährig – das nur zu dem Vorwurf, in den Medien würde bewusst mit Fotos von armen Kindern Stimmung gemacht.

Ja, natürlich ist die Flüchtlingskrise eine große Herausforderung für unsere Gesellschaft. Die Integration von Zuwanderern aus anderen Kulturkreisen wird uns die nächsten Jahrzehnte fordern und beschäftigen. Und vielleicht sollten wir aus den Erfahrungen mit den „Gastarbeitern“ lernen und Willkommenskultur tatsächlich über das Lehren unserer Sprache und unserer gesellschaftlichen Werte vermitteln.

Keiner ist gezwungen, sich in dieser Weise zu engagieren. Jeder darf sagen, dass er dagegen ist, noch mehr Flüchtlinge aufzunehmen. Und ich, der meine, „wir schaffen das“, akzeptiere diese Haltung. Oder, wie es Voltaire vor 200 Jahren gesagt hat: „Ich lehne ab, was Sie sagen, aber ich werde bis auf den Tod Ihr Recht verteidigen, es zu sagen.“ Sofern Sie, lieber Andersdenkender, dies ohne Hass tun.

 

P.S.: Nein, ich habe in meiner Wohnung keine Flüchtlinge aufgenommen.