Kein Verkauf geplant Raumschiff Kornberg: Der andere Bundeswehrturm im Fichtelgebirge

Von Andreas Gewinner

Der Bundeswehrturm auf dem Schneeberg ist das unfreiwillige Wahrzeichen
des Fichtelgebirges. Er steht unter Denkmalschutz. Und soll verkauft werden. 
Doch nur wenige Kilometer entfernt gibt es einen zweiten Bundeswehrturm. Auf dem Kornberg.

Die Luft riecht metallisch. Verschmutzte Leuchtröhren verbreiten ihr fahles, unwirkliches Licht im Innern des fensterlosen Bundeswehrturm auf dem Großen Kornberg. Der Wind erzeugt ein an- und abschwellendes Brummen. Raumschiffatmosphäre mitten in der Natur des Fichtelgebirges.

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Vor knapp 40 Jahren erhielt der Aussichtsturm auf dem 827 Meter hohen Kornberg einen futuristischen Bruder. Die Bundeswehr baute einen Abhörturm. Auf einem dreistöckigen Quader sitzt seither auf einem runden Fuß ein versetzter Doppelschaft, grauweiß, knapp 70 Meter hoch, am Fuß von gitterähnlichen Antennen eingerahmt. Bis 1994 lauschten hier Abhörspezialsten des Heeres auf die andere Seite des Eisernen Vorhangs.

Schutzkleidung und Mundschutz

Heute darf der Turm nur mit Schutzkleidung und Mundschutz betreten werden. Asbest. Die riesige Klimaanlage, deren Steuertechnik einen ganzen Raum einnimmt, funktioniert nicht mehr. Irgendein Gerät brummt monoton vor sich hin. Zwei riesige Achtzylinderdiesel, Notstromaggregate, die automatisch ansprangen, wenn der Strom ausfiel, sind noch fest eingebaut. Im Turm überall dicke Kabelbündel, teilweise mit Zement überzogen oder mit weißer Farbe überstrichen. Ob so in 30 Jahren die Netzwerkserver der Jetztzeit aussehen?

Doch zwischen der vergammelten Technik verlaufen auch zahlreiche neu aussehende Kabel mit glänzenden Steck- und Schraubverbindungen. Denn der Turm – Eigentümer ist die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben – wird noch genutzt. Er  ist an das Fraunhofer Institut zur Förderung der angewandten Forschung München vermietet. Untermieter sind unter anderen Mobilfunkbetreiber und das BRK. Das Bayerische Rote Kreuz, Landesgeschäftsstelle, Bereich Rettungsdienst, nutzt den Standort derzeit für die rettungsdienstliche Funkkommunikation der Landkreise Hof und Wunsiedel zwischen der Integrierten Leitstelle Hochfranken in Hof und den Rettungsfahrzeugen.

„Genutzt wird der Kornberg seit 1998 vom Fraunhofer-Institut für Integrierte Schaltungen IIS in Erlangen“, so Standortverantwortlicher Gerald Ulbricht.  „Aufgrund der exponierten und abgeschiedenen Lage können an diesem Ort neue Funkdienste im Feld erprobt und untersucht werden. Daneben entwickelte sich der Kornberg zu einem gerne genutzten Standort für Klausurtagungen und Arbeitstreffen“, so Ulbricht. In einem zweiten, aus den 80er Jahre stammenden Gebäude neben dem Turm wurde dazu extra eine moderne Küche eingerichtet, im Obergeschoss gibt es Klappbetten. „Da das Fraunhofer IIS aber künftig in Waischenfeld einen eigenen Forschungscampus (Eröffnung voraussichtlich im Frühsommer 2014) eröffnet, besteht auf absehbare Zeit kein Bedarf mehr an den dortigen Räumlichkeiten. Das Mietverhältnis wurde daher für Mitte 2014 gekündigt“, so Ulbricht.

Was wird?

Und was wird nun aus dem Bundeswehrturm auf dem Kornberg? Wird er verkauft, wie der Bundeswehrturm auf dem Schneeberg? Nein. Die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben strebt „eine wirtschaftlich tragbare Nachnutzung“ – sprich: Neuvermietung – an. Dazu hat sie jetzt die Untermieter kontaktiert.

Der Bundeswehrturm auf dem Großen Kornberg ist einer von drei baugleichen in Westdeutschland, die anderen beiden entstanden auf dem Hohen Meissner (2002 gesprengt) und in Barwedel.

Nach der gewaltsamen Beendigung des Prager Frühlings in der nahen Tschechoslowakei 1968 durch Sowjettruppen forderte die Bundeswehr drei „grenznahe fernmeldeelektronische Aufklärungsstellen", schreibt Michael Grube auf der Internetseite geschichtsspuren.de: „In der nach Osten zeigenden 'Nase' des Turms befanden sich Antennen und kleinste Technikräume, der erkennbare Wulst beherbergte eine Parabolspiegel-Anlage. Ziele der Bemühungen waren der Truppenfunk der Armeen in der DDR und CSSR sowie Richtfunknetze im Bereich dieser Länder." Elektronische Kampfführung (EloKa) hieß die Arbeit der Spezialisten auf dem Kornberg: Impulse von Raketenradargeräten jenseits des Eisernen Vorhangs abfangen, Funkgespräche mithören. Aber auch gezielt täuschen und stören. Vom nahen Schneeberg aus wurden dagegen Flugbewegungen jenseits der Grenze verfolgt.

Mobile Abhörtrupps

Auf dem Großen Kornberg war der Erste Zug der Fernmeldekompanie 946 aus Hof/Saale stationiert. Seit 1960 waren mobile Abhörtrupps der Bundeswehr auf dem Kornberg, 1973 war Baubeginn für den Turm, 1976 ging er in Betrieb. 1985 wurde ein zweites Gebäude gebaut. 1994 zog die Bundeswehr ab.

Bernd Fuhrmann war von 1980 bis 1983 auf dem Kornberg als „Fernmeldeaufklärer Tastfunk“: „Die Russen haben damals noch gemorst.“ Was er heute von seiner damaligen, geheimen Tätigkeit überhaupt sagen darf, weiß er nicht so genau, deshalb nur so viel: „Solidarnosc – da war bei uns Halligalli. Da haben wir mal Funkverkehr abgehört, dass wir dachten: Jetzt geht’s los.“ Sein Resümee 30 Jahre später: „Bei den Kampftruppen wurde oft über Sinn und Unsinn des Dienstes gestritten. Wir haben einen Sinn gesehen. Für uns war es keine Übung, sondern Ernstfall. Ich weiß, warum ich nachts, am Wochenende oder an Feiertagen Dienst auf dem Kornberg geleistet habe.“