289 Tage nach dem letzten Länderspiel war Ersatz-Kapitän Toni Kroos und den Rückkehrern Leroy Sané und Niklas Süle die fehlende Frische und Spielpraxis deutlich anzumerken. Immerhin bissen sie sich besonders in der zweiten Halbzeit richtig rein. Auf vier Münchner Triple-Sieger um Manuel Neuer hatte Löw verzichtet. Wie vor zwei Jahren gegen Frankreich startete die DFB-Elf auch in die zweite Auflage der Nations League mit einem Remis und wartet in dem Wettbewerb nach sieben Spielen noch auf einen Sieg. Die nächste Gelegenheit bietet sich bereits am Sonntag, wenn die Schweiz in Basel der Gegner ist.

Löw stand ganz in schwarz, aber mit weißen Sneakern meist am Rand seiner Coaching-Zone. Das leere Stadion hatte den Bundestrainer noch kurz vor dem Spiel ziemlich bedrückt. „Nicht das, was man als Trainer oder Spieler möchte“, sagte der 60-Jährige im ZDF, ehe mit dem Anpfiff die volle Konzentration seiner Mannschaft galt. In einer eigentlich offensiven Formation mit Dreierkette und meist zwei Spitzen versuchte das DFB-Team, die Spanier früh in deren eigener Hälfte unter Druck zu setzen. Löw klatschte bei den gelungenen Aktionen - er sah aber vor allem in der ersten Halbzeit auch Defizite.

Die Spanier spielten mit hohem Pressing und provozierten Fehler in der Abstimmung zwischen Abwehr und Mittelfeld. Ein schwacher Rückpass von Emre Can, der etwas überraschend anstelle von Matthias Ginter in der Innenverteidigung begann, führte zum Missverständnis zwischen dem aus seinem Tor herauseilenden Kevin Trapp und Süle. Gegen den gedankenschnellen Rodrigo konnte Trapp gerade so mit einer Grätsche am Strafraum klären (14.). Auch kurz vor der Halbzeitpause zeichnete sich der Frankfurter Keeper gegen den Leeds-Profi aus (45.).

In der Offensive zeigten die jungen DFB-Profis in Ansätzen ihr riesiges Potenzial. Hinter Sané, der nach gut einer Stunde ausgewechselt wurde, und dem Neu-Londoner Werner begann etwas überraschend Julian Draxler als zentraler Mittelfeldspieler. Mit Süle, der an seinem 25. Geburtstag sein 25. Länderspiel absolvierte, dem Spanier Thiago (beide FC Bayern) und seinem Pariser Teamkollegen Thilo Kehrer war er einer von vier Profis, die vor erst elf Tagen im Champions-League-Finale gespielt hatten. Viertelfinalist Robin Gosens von Atalanta Bergamo feierte sein Länderspiel-Debüt.

Der aufgerückte Außenverteidiger Kehrer mit einem Kopfball (11.), Draxler (14.) und Sané (18.) prüften den spanischen Torwart David de Gea früh. Bis zu Werners Tor nach guter Vorarbeit von Gosens vergingen aber viele Minuten ohne nennenswerte Offensiv-Aktionen des DFB-Teams. Sané, der nach seinem Wechsel zum FC Bayern in der Königsklasse nicht spielberechtigt und deshalb fast ohne Spielpraxis nach Stuttgart gereist war, war zunächst der auffälligste Nationalspieler. Werner wurde in der zweiten Halbzeit stärker, der Chelsea-Stürmer traf nach Vorarbeit von Sané auch noch das Außennetz (61.). Süle scheiterte mit einem Kopfball an De Gea (79.).

In Abwesenheit der geschonten Münchner Champions-League-Sieger Manuel Neuer, Joshua Kimmich, Leon Goretzka und Serge Gnabry, die bei der EM im kommenden Jahr in der Form des Königsklassen-Turniers von Lissabon alle in der Startelf stehen würden, hatte Löw keine drei Tage, um sein Team neu aufzustellen. „Im Laufe des Spiels weiß ich auch nicht so richtig, was passieren wird. Wer wird müde? Wem gehen die Kräfte aus?“, hatte Löw gesagt. Auf den Leverkusener Kai Havertz, der unmittelbar vor einem Wechsel zum FC Chelsea stehen soll, verzichtete der Bundestrainer am Donnerstagabend gänzlich.

Die Spanier, die mit sieben Neulingen im Kader in einem großen Umbruch stecken, erwiesen sich als unangenehmer, aber bei weitem nicht übermächtiger Gegner zum Start. Nach der deutschen Führung hatten unter anderem erneut Rodrigo (58.) mit einem Schuss knapp über das Tor und Fabián Ruiz (64.), dessen Versuch Trapp parierte, gute Gelegenheiten zum Ausgleich. Auch gegen Óscar war Trapp zur Stelle (84.).


Die deutsche Nationalmannschaft in der Einzelkritik

Trapp: Starkes Spiel als Neuer-Ersatz: Grätschte im letzten Moment Rodrigo ab (14.), reagierte super bei weiteren Aktionen der Spanier.

Can: In der Abwehr-Dreierkette zweikampfstark, engagiert, aber nicht ganz fehlerfrei. Auf jeden Fall eine Alternative für die Position.

Süle: DFB-Comeback nach Kreuzbandriss: Einige Wackler am Anfang, die Bindung fehlte noch etwas. Aber der Münchner biss sich rein.

Rüdiger: Der Chelsea-Verteidiger wählte meist die sicheren Varianten - das gelang. Ihm unterliefen kaum Fehler. Fast noch Torschütze.

Kehrer: Der Champions-League-Finalist war bis auf einen Kopfball (14.) offensiv zurückhaltend. Nach hinten ordentlich.

Gündogan: Viel am Ball, viel in Bewegung, aber überwiegend mit den Defensivaufgaben gebunden. Mitreißen konnte er die Kollegen nicht.

Kroos: Als Kapitän in seinem 97. Spiel zunächst mit guten Pässen. Tauchte dann öfter ab, direkt aus dem Urlaub noch nicht spielfit.

Gosens: Kam mühsam in Tritt bei seinem Debüt. Lief hoch und runter, bereitete das 1:0 vor und klärte auch schon mal rustikal.

Draxler: Bekam als offensiver Spielmacher eine Chance, nutzte sie nicht konsequent genug. Einige schöne Zuspiele - das ist zu wenig.

Sané: Rückkehr nach 15 Monaten: Toller Schuss (18.), trotz fehlendem Rhythmus agil. 20 Prozent fehlen ihm noch - wie selbst angekündigt.

Werner: Rang förmlich um sein Tor. Erst unglücklich, aber nie aufsteckend. Dann mit seinem 12. Länderspiel-Treffer.

Ginter: Der Gladbacher kam für den ausgepowerten Sané. Musste dann noch den Ausgleich erleben.

Serdar: Durfte noch eine Viertelstunde mitmachen und für Entlastung sorgen. Viertes Länderspiel für den Schalker.

Koch: Der Neuzugang von Leeds United kam als taktischer Wechsel noch in den letzten Sekunden zu seinem dritten DFB-Einsatz.