Jüdisches Gemeindezentrum Ein Tag für die Bayreuther Geschichtsbücher

Die Zeichen stehen auf Zukunft: Mit dem Festakt am Mittwochabend weiht die jüdische Gemeinde in Bayreuth ihr neues Gemeindezentrum ein. Es gibt mahnende Reden.

Felix Gothart, dem Vorsitzenden der Israelitischen Kultusgemeinde (IKG) Bayreuth, ist am Mittwochmittag die Erleichterung anzumerken. Der erste Teil, der offizielle Teil der Einweihung des Jüdischen Kultus- und Kulturzentrums in der Münzgasse mit Ministerpräsident Markus Söder (CSU) und dem Vorsitzenden des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster, ist erst wenige Minuten vorbei. Die Gäste warten im neuen Jüdischen Gemeindezentrum in der Alten Münze. Und Gothart sagt im Gespräch mit unserer Redaktion: „Ja, es ist schon etwas Tolles, dass es gelungen ist, hier Gebäude wieder nutzbar zu machen für die Zukunft.“

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17 Jahre von Beginn an

Rund 17 Jahre sind es von der Planung und ersten Bauarbeiten bis heute. Zeit, die man sich bei der IKG genommen hat, um Großes zu schaffen für die derzeit rund 320 Mitglieder starke jüdische Gemeinde. Aber auch weit über Bayreuth hinaus. Das Große, für das steht, was Gothart „einmal als Bonmot geprägt“ hat, wie er bei der Eröffnung sagt: „Immer, wenn die nicht-jüdische und die jüdische Gesellschaft in Einklang waren, war Bayreuth in einer Hochblüte. Ich denke, man kann das auf Bayern auch beziehen“, sagt er in Richtung Ministerpräsident Söder.

Der Vorsitzende des Zentralrats der Juden, Josef Schuster, ordnet dieses Gemeindezentrum, das in Bayreuth am 25. Februar eingeweiht wird, als ein großes und wichtiges Signal ein: „Das Ensemble hier ist etwas Einmaliges, denn wir haben hier die älteste Synagoge Deutschlands, die – nach Restaurierung – noch in Betrieb ist. In Kombination mit einem rituellen Tauchbad, einer Mikwa – und auf der anderen Seite dieses Gemeindezentrum. Und das in unmittelbarer Nähe des Opernhauses, also mitten in der Stadt.“ Das genau sei „jüdisches Leben, das sich nicht versteckt, das sich mitten in der Stadt zeigt“. Es sei „das Signal, das betont, dass jüdisches Leben nichts ist, was plötzlich 1933 vom Himmel gefallen ist und 1945 weg war. Sondern dass es jüdisches Leben hier in Bayreuth und in vielen anderen Städten über Jahrhunderte gab, wieder gibt und – meine Hoffnung – auch in Zukunft geben wird“, wie Schuster sagt.

Antisemitismus ist gewachsen

Denn auch über dieser, an sich freudigen, richtunggebenden Veranstaltung schwebt natürlich das Thema Antisemitismus, das Söder ebenso anspricht und vehement verurteilt wie Schuster. Gerade in den vergangenen zweieinhalb Jahren habe „das Gefühl der Sicherheit in manchen Bereichen gelitten“, sagt Schuster und nennt den Überfall der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 als Auslöser. Der Antisemitismus sei seitdem „deutlich gestiegen“, stelle sich dar als „eine Brücken-Ideologie von Rechtsextremismus und Linksextremismus sowie Islamismus und ist leider auf einen fruchtbaren Boden gefallen“. Problem dabei: „Die wenigen, die eine antisemitische Einstellung haben, sind deutlich lauter als die, die eine andere Einstellung haben – die aber immer noch die Mehrheit darstellen. Es ist die deutliche Mehrheit der Menschen, die sich gegen Antisemitismus stellt“, wie Schuster kurz nach der Veranstaltung sagt.

Gäste teils aus Übersee

Von Schwere und Sorgen jedoch ist am Nachmittag dieses besonderen Tages nichts zu spüren. Im Gegenteil. Ein paar Stunden Übergang von der Eröffnung zum Festakt am Abend. Während in der koscheren Küche im Gemeindezentrum die Vorbereitungen für das Essen am Abend laufen, führt Felix Gothart Gäste durch die Gebäude, die das jüdische Zentrum in Bayreuth bilden. Die Gäste kommen von weit her, teils aus Übersee, aber auch aus ganz Bayern, wie etwa die Vertreter der Gemeinden aus Regensburg und Straubing.

Jüdische Gemeinden bauen und erhalten

Ilse Danziger, die Vorsitzende der Israelitischen Kultusgemeinde (IKG) Regensburg und Vizepräsidentin des IKG-Landesverbands, sagt im Gespräch mit unserer Redaktion, sie sei der Bayreuther Gemeinde eng verbunden – und habe natürlich auch die Baugeschichte hier intensiv verfolgt. Sie sagt, sie sehe das, was hier entstanden ist, gerade mit dem Gemeindehaus, „als tolles Zeichen für die jüdische Gemeinschaft. Wir wollen ja zeigen, dass wir eine lebendige Gemeinde sind. Dazu ist es wichtig, dass wir solche Bauten haben.“ Sie habe, sagt sie mit einem Lächeln, am Vormittag in einem Café eine Frau getroffen, mit der sie ins Gespräch gekommen sei. Die habe gesagt, dass ein Besuch der Synagoge für sie ein besonderes Erlebnis gewesen sei, es sei „ein gutes Zeichen für Bayreuth“, habe die Frau ihr mit auf den Weg gegeben, sagt Ilse Danziger, die als Erneuerin der Regensburger Gemeinde gilt. „Jüdische Gemeinden zu haben, sie zu bauen und zu erhalten – das ist für uns und die Gesellschaft ein wichtiges Ziel“, sagt sie.

Bann, Ächtung, Hochphasen, Blüte

Am Abend ist der Saal im Gemeindehaus, der in der Zukunft eine wichtige Rolle als Multifunktionsraum unter anderem für Musik, für Theater, für Tanz spielen soll, wieder voll mit geladenen Gästen. Beim Festakt, mit kurzen Reden des Antisemitismus-Beauftragten der bayerischen Staatsregierung, Ludwig Spaenle, von Regierungspräsident Florian Luderschmid, der viel Lob für die Gemeinde und das architektonisch-bauliche Geschick im Gepäck hat, mit dem das neue Zentrum gelungen sei. Und natürlich dem Festvortrag des Bezirksheimatpflegers Günter Dippold, der aufzeigt, dass jüdisches Leben in Bayreuth seit der Zeit um 1220/30 dazugehört. Der aber in unglaublicher Detailtiefe eine Geschichte skizziert, die – nicht nur in Bayreuth – von Bann, von Ächtung geprägt ist, von Hochphasen und Blüte. Und dem, was Ludwig Spaenle „die Welt der Pogrome“ seit dem frühen Mittelalter bezeichnet, „bis hin zum schlimmsten Verbrechen, das in deutschem Namen geschah“.

Jüdische Menschen haben immer wieder neu angefangen

Spaenle greift auf, was Ministerpräsident Söder angerissen hat am Morgen: Die jüdischen Menschen hätten auf beeindruckende Weise immer wieder neue Hoffnung geschöpft, neu angefangen, neu aufgebaut – auf Gott vertraut. Jüdische Menschen seien „seit dem hohen Mittelalter den Weg der Geschichte mit der Mehrheitsgesellschaft gegangen“, unterstreicht Spaenle. Letztlich, sagt Spaenle weiter, muss die Botschaft sein, „dass jüdisches Leben dieses Land und den Weg durch die gemeinsame Geschichte durchwoben, mitgeprägt, unauflöslich mitgestaltet hat. Mitgeprägt in einer ganz eigenen Form des kulturellen Erbes.“

Seit 800 Jahren Teil der Geschichte

Was Bayreuth betrifft, sagt Günter Dippold: „Von Beginn an gehören Juden zur Bayreuther Stadtgeschichte, und heute gibt es eine lebendige jüdische Gemeinde“, sagt Dippold. „Eine 800-jährige Tradition – keine 800-jährige Kontinuität.“ Ein Vortrag, der schwer im Magen liegen kann angesichts der Details, die Dippold über eine gute halbe Stunde hinweg beschreibt. Hetze. Hass. Rassentheorie aus dem Umfeld des Hauses Wahnfried. Der aber zu einem Schluss kommt, der genau das macht, für das die Einweihung des Jüdischen Zentrums in Bayreuth steht: Hoffnung. Zuversicht. Zukunft. „Bayreuth, einst Gauhauptstadt der Nazis, einst Stätte von NS-Terror und braunem Prunk – dieses Bayreuth ist jetzt Ort jüdischen Lebens mit 800-jähriger Tradition. Und das ist ein Segen für uns alle.“

Musik und ein jüdisches Festmahl

Musik des Trios Delyria – sie spielen Felix Mendelsslohn-Bartholdy – und ein koscheres Festmahl für die Freunde der IKG Bayreuth runden einen Tag ab, der schon einmal vorlegt für das, was Felix Gothart als Aufgabe der Zukunft bezeichnet: „Das Haus mit Leben füllen.“