Jeder zehnte Notruf aus der Hosentasche

Von Thomas Knauber und Moritz Kircher
Das Display am Smartphone ist gesperrt, und trotzdem kann Markus Ruckdeschel die 112 wählen. In echten Notsituationen eine segensreiche Technik, sagt der Chef der Integrierten Leitstelle. Aber sie führt auch dazu, dass jeder zehnte Notruf versehentlich abgesetzt wird. Foto: Andreas Harbach Foto: red

Die Integrierte Leitstelle für Notrufe in Bayreuth bekommt pro Tag ungefähr 350 Notrufe aus dem ganzen Raum Kulmbach und Bayreuth. In etwa jeder zehnte dieser Anrufe ist ein Irrläufer, weil sich ein Handy in einer Hosentasche selbstständig macht und einen Notruf absetzt. Smartphone-Hersteller haben das Problem offenbar nicht auf dem Schirm. In der Rettungsleitstelle werden die Anrufe dann zum Ärgernis, wenn gerade Großeinsätze laufen.

Ein Telefon wählt die 112. Eine Stimme meldet sich: "Hier ist der Notruf für Feuerwehr und Rettungsdienst." Am anderen Ende der Leitung? Nichts - nur das Rauschen eines Handys in einer Hosentasche. Hosentaschenanrufe, so nennen die Mitarbeiter der Integrierten Leitstelle für Bayreuth und Kulmbach diese Irrläufer. Aber sie nehmen jeden Notruf ernst und rufen zurück. Die Angerufenen wundern sich über die Frage, ob ein Notfall vorliege. Und diese Situation gibt es nicht selten. Von den durchschnittlich 350 Notrufen, die pro Tag bei der Leitstelle in Bayreuth eingehen, werden rund 30 bis zu 50 versehentlich gewählt.

Wenn die Leitstelle zur Beratungsstelle für Handynutzung wird

Markus Ruckdeschel, der Chef der Bayreuther Leitstelle, sagt: „Bei uns läuft das unter dem Schlagwort Notrufmissbrauch.“ Er weiß aber, dass im seltensten Fall eine Absicht dahinter steckt. „Wenn sich herausstellt, dass da jemand Terror macht, erstatten wir Anzeige.“ Es gebe aber auch Spitzenreiter, die pro Tag bis zu 15 Mal versehentlich die Notrufnummer wählen. „Dann beraten wir sie, in welche Hosentasche sie ihr Handy am besten stecken.“ Denn daran liegt es, sagt Ruckdeschel, „das ist das ganze Hexenwerk“. Schuld seien oft enge Hosen. Dort werde das Handy in die Gesäßtasche gepresst und wählt eine Notrufnummer.

Ein Mitarbeiter eines Bayreuther Elektronikfachmarktes vermutet, dass das vor allem bei alten Tastenhandys passiert. Oder bei sogenannten Seniorenhandys, die oft erleichterte Möglichkeiten böten, den Notruf zu wählen. Mit dem Smartphone könne man zwar auch Notrufe absetzen ohne den Bildschirm des Gerätes vorher entsperren zu müssen. Eine Sicherheitseinrichtung. Aber trotzdem seien viele Eingaben notwendig, die kaum aus Zufall passieren könnten. Markus Ruckdeschel weiß aber aus Erfahrung, dass auch Smartphones sich hin und wieder selbstständig machen.

Samsung und Apple kennen das Problem offenbar nicht

Große Handyhersteller sind sich offenbar nicht bewusst, dass etwa jeder zehnte Notruf bei einer Rettungsleitstelle ein Irrläufer ist. Bei der Pressestelle von Apple gibt man sich ahnungslos. Eine Auskunft könne man dazu nicht erteilen. Und über möglicherweise geplante technische Neuerungen, wie man dieses Problem beheben könnte, würde man ohnehin keine Auskunft geben. Auch Samsung teilt mit, dass man von diesem Problem bisher nicht gehört habe. Eine Sprecherin will sich um Klärung des Sachverhalts bemühen, kann aber auch nach zwei Tagen keine Rückmeldung geben.

Bis zum Jahr 1988, war die Notrufnummer die 22 22 2. Weil diese Kombination offenbar leicht zu versehentlichen Anrufen führte, erschwerte man das Ganze mit der Umstellung auf die 19 22 2. Anschließend kam die EU mit der 112. „Trotz der Tasten- oder Displaysperre lässt ein Handy diesen Notruf durch“, sagt Ruckdeschel. „Das ist gewollt, weil sich ja mal ein Waldarbeiter mit der Motorsäge verletzen kann und mit letzter Kraft gerade noch diese Stelle auf dem Display erreicht.“

In den vergangenen Jahren sinkt die Zahl der Hosentaschenanrufe

Aber auch ein in der Hosentasche eingeklemmtes Handy liest den Dauerdruck auf seinem Display manchmal als Notfall und legt selbstständig mit der 112 los. Diese mehrern Dutzend Fehlnotrufe in der Leitstelle kann man aber verkraften, sagt Markus Ruckdeschel. Sie sind zwar störend, wenn gerade ein F16-Jet bei Engelmannsreuth in den Wald stürzt, aber er will deshalb keinen Appell an die Handyfirmen richten, etwas zu ändern. „Es passt, wie es ist.“

Ein Blick auf die Zahlen zeigt: Die Tendenz ist rückläufig. Von durchschnittlich 39 Fehlanrufen pro Tag im Jahr 2012 sank die Zahl der Hosentaschenanrufe kontinuierlich auf 28 im Jahr 2015. Bei steigender Zahl von Smartphones ein Indiz dafür, dass sie weniger anruflustig sind als alte Tastenhandys. Auffällig ist aber, dass die Zahl der Irrläufer im Sommer immer steigt. "Weil die Leute dann aktiver sind", sagt Ruckdeschel. Beim Spazierengehen, Radfahren, Joggen - das Handy in einer engen Tasche. Und schon steigt die Wahrscheinlichkeit, versehentlich die 112 zu wählen.

Früher gab es öfter Mal Flohmarktgespräche mit der Leitstelle

Es sei aber alles besser geworden im Vergleich zu jenen Zeiten, als ein Handy sogar ohne SIM-Karte für Notrufe funktionierte. „Da haben wir regelmäßig Flohmarkt-Gespräche geführt, weil am Flohmarkttisch fünf alte Handys herumlagen und jeder mit der 112 probieren wollte, ob sie noch gehen", sagt Ruckdeschel. Wenn aber ein Handy in der Leitstelle anklingelt, kann es problemlos zurückverfolgt werden. Die letzte Vermittlungsstelle sorgt dafür, dass die Nummer angezeigt wird, auch wenn sie eigentlich unterdrückt ist.

 

Bilder