Iwalewahaus: Regie-Star zu Gast

Von Michael Weiser

Tatjana Gürbaca, 1973 in Berlin geboren, debütierte 2001 mit "Turandot" als Opernregisseurin. Seitdem sorgt sie in München, Zürich und vielen anderen Städten als Regisseurin mit großer Bandbreite regelmäßig für Aufsehen. Für ihren "Parsifal" an der Vlaamse Oper in Antwerpen und Gent wurde sie von der Zeitschrift "Opernwelt" 2013 zur Regisseurin des Jahres gekürt. Auch für Ihre Strauss-Inszenierungen wurde sie gefeiert. Nicht erst seit ihrem "Ring"-Dreiteiler von Wien zählen Fachleute sie zum Kandidatenkreis für Bayreuth. Dort ist sie am Donnerstag, 24. Mai, auch zu erleben - allerdings nicht am Grünen Hügel, sondern bei einem Podiumsgespräch im Iwalewahaus. Wir sprachen mit ihr über Frauen an der Oper, über den "Ring" als Universal-Mythenmischung und den Vorteil, eine Partitur lesen zu können.

Ich bin überrascht, wie schnell wir uns zusammentelefoniert haben. Ihr Lebenslauf wirkt nun nicht so, als würden Sie allzu viele Pausen machen.

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Tatjana Gürbaca: Das stimmt, nur ist gerade jetzt so die Zeit, in der die Arbeitstreffen stattfinden. Un wenn gerade keine sind, dann sitzt man zu Hause am Schreibtisch, versenkt sich in die Partitur und nimmt sich verstärkt Zeit, nur Musik zu hören.

 

Können Sie Partituren lesen?

Gürbaca: Ja, ich spiele Klavier, Cello und Kontrabass. Noten lesen, das gehört ja auch dazu.

 

Längst nicht jeder Opernregisseur kann Noten lesen …

Gürbaca: Was soll ich sagen? Dass man zumindest eine Art von musikalischem Empfinden braucht, um zu inszenieren? Man geht doch letztlich bei der Oper viel mehr von Musik als von Text aus. Die Fähigkeit gut hinzuhören, ist wichtig. Nicht weniger wichtig ist das genaue Lesen, weil man beim Lesen Dinge entdeckt, auf die man nicht kommen würde, wenn man es nur hören würde. Weil beim Hören schon die Interpretation derjenigen, die es machen, im Weg steht. Jede Aufführung, und sei sie konzertant, ist schließlich eine eigene Interpretation. Das Tolle daran ist, dass die Stücke das zulassen. Deswegen wird man ihrer nie müde.

 

"Die Werke tragen alles in sich"

Trotzdem macht man sich schon Gedanken, wie Sie es schaffen bei jährlich vier, fünf und mehr Inszenierungen von unterschiedlichsten Werken noch so kreativ zu bleiben.

Gürbaca: Ich glaube, dass die Stücke das selber alles schon in sich tragen - alles, was nötig ist, um frisch zu bleiben. Man muss allerdings den Mut haben, Nein zu sagen, wenn ein Werk nicht zu einem spricht. Ich glaube, dass der Mensch ein geborener Geschichtenerzähler ist, und dass das seine Art ist, die Welt, die Gesellschaft und das Leben zu reflektieren. Mit den Geschichten behandeln wir die großen allerletzten Fragen. In den meisten Opern stecken Stoffe, die uns auf den Nägeln brennen, die unabgegolten sind, die mit unserer Situation zu tun haben. Ich finde, dass das Theater der Ort dafür ist. Theater ist einer der wenigen Orte, die es noch gibt, an denen sich Menschen noch wirklich begegnen und wo etwas stattfindet, das einen beschäftigt und berührt. Diese Energie fasziniert mich.

 

Oper verhandelt tatsächlich oft die ganz großen Fragen. Der „Ring“ beginnt damit, dass sich jemand ein Haus bauen lässt und es nicht bezahlen kann – und sich alsbald Gesetzen unterworfen sieht, denen sich auch Götter nicht entziehen können.

Gürbaca: Im „Ring“ geht es um ganz, ganz viele Fragen. Ich glaube, dass  er Menschheits- und Familiengeschichte in eins packt: wie Gewalt wirkt, wie Schuld sich vererbt wie die jüngeren Generationen sich alleingelassen fühlen, auch, wie ein Wissen verlorengeht - über die Generationen hinweg, über den Weg der Menschheit von einem Naturzustand hin zu einem immer zivilisierteren Zustand. Über all dem geht eine tiefe Weisheit verloren, ein Respekt vor der Welt. Es wird auch etwas über vertane Chancen erzählt. Und über die Hoffnung  auf den Neubeginn.

 

"Jeder Schnitt tut einem weh"

Eigentlich ganz schön viel für gerade mal sechzehn Stunden …  

Gürbaca: Darüber wundere ich mich auch (lacht). Er könnte in manchen Teilen viel, viel länger sein, das findet doch fast jeder, der den „Ring“ kennt und liebt. Man könnte durchaus die Kenntnis von den vielen Vor- und Nebengeschichten noch vertiefen.

 

Sie haben den „Ring“ in Wien aber sogar auf drei Tage eingedampft.

Gürbaca: Wir waren in Wien auch deswegen so mutig, weil wir nicht einfach etwas gestrichen haben, sondern weil wir ganz behutsam rangegangen sind, ohne Teile der Erzählung zu verlieren. „Eingedampft“ finde ich ein gutes Wort. Jeder Schnitt tut einem weh. Am Ende aber haben wir eine Essenz hergestellt, eine Art Suppenwürfel.

 

Am Donnerstag sind Sie in Bayreuth, zu einem Podiumsgespräch. Ihr erstes Mal in Bayreuth?

Gürbaca: Ich komme zum ersten Mal, und ich freue mich sehr. Eine langjährige Freundin unterrichtet am Forschungsinstitut für Musiktheater in Thurnau, Cordula Knaus. Und die hat mich eingeladen, nachdem sie in Wien den „Ring“ gesehen hatte. Wir sind seit Jahren im Dialog. Interessant ist, dass währenddessen jede einen anderen Werdegang genommen hat. Ich glaube, das wird am Donnerstag für alle Beteiligten interessant. Sie war sehr interessiert daran, den Wiener „Ring“ zu behandeln. Die Studenten, die ihn auch gesehen haben, wollten auch noch einen Fragenkatalog machen, allgemein dazu, wie man Regisseur wird, auch über meine Erfahrungen in diesem Beruf. Da habe ich, glaube ich, etwas zu erzählen. Ich war ja auch drei Jahre lang Operndirektorin.

 

"Manchmal sind die fernsten Planeten die schönsten"

Überhaupt haben Sie bereits eine Menge gemacht. Die Ideen aber scheinen Ihnen nicht auszugehen. Kritiker loben allenthalben die Frische Ihrer Inszenierungen von Werken der unterschiedlichsten Epochen.

Gürbaca: Manchmal kommt das Frischbleiben aus den Gegensätzen. Mir macht es besonders viel Spaß, wenn es um zeitgenössische Werke geht; um Werke, an  denen man sich noch nicht totgesehen hat. Wo es für mich noch etwas Neues zu entdecken gibt. Manchmal sind die fernsten Planeten die schönsten.  

 

Welche Komponisten inszenieren Sie besonders gern?

Gürbaca: Es gibt schon Lieblingskomponisten, keine Frage. Als Regisseur, überhaupt als Künstler versucht man, sich selber zu überraschen. Es ist schlimm, wenn man in Routine verfällt. Wenn es so weit ist, kann man aufhören. Man arbeitet an sich, man arbeitet an der Sprache und an vielem mehr. Und nichts macht mehr Spaß, als wenn man mit den Sängern zusammensetzt und überraschen lässt, was passiert.

 

Erzählen Sie ein bisschen mehr davon, wie Ihnen Einfälle zufliegen?

Gürbaca: Im Wiener „Ring“ lag ich mit Martin Winkler in einem Schlammbecken, da kann natürlich alles passieren, was Spaß macht. An der Oper Zürich gab’s ein Schaumbad, es kam literweise Schaum von der Decke auf die Bühne, so wurde eine Art Sommernachtstraum aus Mozarts “La finta Guardiniera“. Wenn Sänger dazukommen, die Feuer fangen, wenn man einander die Ideen wie Ping-Pong-Bälle zuschießen kann, dann ist das wunderbar. Die Einfälle fliegen einem dann ganz leicht so zu, dass man das Gefühl hat, es gebe gar keine Grenzen mehr.

 

"Die Urahnen aller Regisseure"

Schätzen Sie Wagner in besonderem Maße?

Gürbaca: Na klar. Wagner und Verdi, das sind die großen Antipoden, die beiden Urahnen auch aller Regisseure, weil sie beide so extrem szenisch denken, weil sie beide so klug für das Theater komponieren, mit großen Stoffen, die beide sehr stark aus ihrer eigenen Zeit herausdenken. Wenn man einmal mit Wagner anfängt, möchte man nie mehr aufhören. Weil die Stücke untereinander so korrespondieren und in Beziehung zueinander treten. Es gibt unendlich viel zu entdecken dort, mit allen Widersprüchen, mit allen Schwierigkeiten.

 

Eigentlich gibt es auch nur eine Art, den „Parsifal“ zu inszenieren, wenn man sich den  „Lohengrin“ anschaut, der zwar viel früher entstanden ist, aber eigentlich die Nachfolgegeschichte erzählt.  

Gürbaca: Das ist großartig, und es ist schön, wenn man wiederum von „Lohengrin“ auf „Parsifal“ blickt  und sich dann überlegt, wie Lohengrin an der Gralsburg aufgewachsen sein muss. Und was überhaupt mit Gottfried und seinem Dasein als Schwan ist?  Man kann sich dann fragen, zu welchem Initiationsritus das wohl gehören mag, dass sie Anwärter zwei Jahre nur schweigen und dienen dürfen. Wie hart das sein muss. Wenn man die Stücke korrespondieren lässt, dann kommt man schnell darauf, dass auch in Lohengrin viel von Jung-Gottfried drinsteckt, dass er selber mal Schwan war bevor er zum Ritter in schimmernder Wehr wurde. Und wenn man sich dann vorstellt, wie schlimm Gottfrieds Entzauberung enden kann, weil der in irgendeinem Stadium der Initiation stecken bleibt, dann versteht man das mit dem Fragegebot.

 

Was soll das - Kundry entseelt am Boden?

Jedenfalls kann es im „Parsifal“ eigentlich nur eine gute Zukunft für die Gralsgemeinschaft geben. Denn immerhin ist Lohengrin ja des Gralskönigs Parsifal Sohn.

Gürbaca: Andererseits muss man sich fragen, wie es bitte zu verstehen ist, dass Wagner Kundry am Ende singt entseelt zu Boden sinken lässt. Sie ist die einzige Frau mit einer wirklichen singenden Rolle in diesem Stück. Die Gralsgemeinschaft sehnt sich nach Erneuerung, aber woher soll die kommen, wenn der einzige Weg zur Erneuerung unterbrochen ist?

 

Was irgendwie auch für Frauen in der Oper gilt. Dirigentinnen gibt es bereits, man denke an Simone Young, die in München  Janaceks „Aus einem Totenhaus“ bravourös gestemmt hat. Aber Regisseurinnen – da sind Sie noch eine Ausnahme.

Gürbaca. Es gibt nach wie vor sehr wenige Frauen in der Opern-Szene. Doch das ändert sich nun. Es ist schön zu sehen, dass es nach und nach mehr Kolleginnen gibt, die etwas zu sagen haben, die eine andere Sicht auf die Dinge haben. Es ist höchste Zeit. Veränderung ist gut, wir brauchen eine junge Generation, die Dinge anders hinterfragt und neu erzählt.


Info: Tatjana Gürbaca ist am Donnerstag, 24. Mai, im Iwalewahaus in der Reihe "Oper bewegt" zu Gast. Studenten der Uni Bayreuth besuchten Gürbacas Ring-Produktion in Wien und stellen der Regisseurin Fragen zu ihrer Arbeit. Beginn ist um 19 Uhr, der Eintritt ist frei.