„Gerade wir Deutschen hecheln Perfektion hinterher. Wir sind totale Kontrollfreaks geworden“, kritisierte die 39-Jährige. Diese Haltung sei jedoch Gift in Zeiten des rasanten digitalen Wandels.

Fast zehn Jahre hatte Winterling für die Europäische Weltraumorganisation (Esa) gearbeitet, darunter einige Jahre als Ausbilderin von Astronauten.

Winterling berichtete vom knallharten Auswahlprozess in der Raumfahrt. In den umfangreichen Tests seien nicht nur Fähigkeiten wie etwa räumliches Vorstellungsvermögen gefragt. Ein bedeutendes Kriterium sei ebenfalls, wie die Bewerber mit Fehlern umgehen.

„Es ist menschlich, Fehler zu machen. Man kann nicht alles können“, betonte die Referentin. Entscheidend sei, wie schnell Menschen Rückschläge wegstecken. Dran bleiben, nur nicht entmutigen lassen – darum gehe es.

Das Menschsein nicht vergessen

Frustrationstoleranz, Kreativität, Flexibilität, Problemlösungskompetenz und kritisches Denken sind nach Einschätzung Winterlings die Schlüsselqualifikationen, um im digitalen Zeitalter erfolgreich zu sein. Und: Trotz aller Beschleunigung „das Menschsein“ nicht vergessen, unterstrich sie.

Von Astronauten könne die Wirtschaft in puncto Veränderungsbereitschaft einiges lernen. Drei Jahre lang werden sie intensiv auf eine Mission im All vorbereitet. Das erfordere eine große Neugier, Offenheit und Lernbereitschaft. Und genau das bräuchten auch Unternehmen.

Winterling, die aus Trebgast im Landkreis Kulmbach stammt und an der Uni Bayreuth Physik studiert hat, ist mittlerweile selbst Unternehmerin. Sie betreibt mit ihrer in Köln ansässigen Agentur „Space Time Concepts“ Öffentlichkeitsarbeit in Sachen Astronautik. Sie hält weltweit Vorträge und organisiert Besuchertouren für die Esa.

Im September vergangenen Jahres begleitete sie eine internationale Reisegruppe nach Russland und Kasachstan. Diese war nah dran, als die Astronauten Jessica Meir (USA), Oleg Skripochka (Russland) und Hazza Al Mansouri (Vereinigte Arabische Emirate) vom russischen Weltraumbahnhof Baikonur zur Internationalen Raumstation (ISS) aufbrachen.

Bereits 2014 war Winterling dabei, als ihr damaliger Lebensgefährte, der deutsche Astronaut Alexander Gerst, seine Weltraum-Mission in Baikonur startete. Beim IT-Forum zeigte die 39-Jährige Bilder vom Raketenstart im zurückliegenden Jahr und aus ihrer Zeit als Astronauten-Ausbilderin.

Sie lehrte unter anderem über das Weltraumforschungslabor „Columbus“ und das Versorgungsraumschiff ATV der Esa. Letzteres ist ihr besonders in Erinnerung geblieben: „Das kannte ich in- und auswendig.“

Den Mitarbeitern Vertrauen schenken

Das Themenspektrum reichte von der Sensortechnik über den Andockprozess bis hin zum Verhalten in Notfallsituationen. Mehrmals war die Oberfränkin auch auf Schulungen für Astronauten-Ausbilder im Johnson Space Center der US-Raumfahrtbehörde Nasa in Houston gewesen. 

Die studierte Physikerin ermunterte Unternehmen dazu, ihren Mitarbeitern Vertrauen zu schenken. Besonders junge Menschen würden oft unterschätzt. Dabei hätten gerade sie digitale Kompetenzen, die eine Firma voranbringen würden, zeigte sich die Referentin überzeugt.

Ja, die Digitalisierung wirbele Wirtschaft und Gesellschaft ganz schön durcheinander, räumte Winterling ein. Natürlich werde das anstrengend. „Aber wir kriegen das hin.“ Hilfreich sei dabei auch eine ordentliche Portion Lockerheit. Die Deutschen seien in ihrem Streben nach Perfektion viel zu verhärtet, findet Winterling.