Interview ZDH-Präsident: Keine Aufweichung des Meisters

Hans Peter Wollseifer ist Deutschlands oberster Handwerker: Foto: Sophia Kembowski/dpa

BAYREUTH. Er steht an der Spitze des deutschen Handwerks: Hans Peter Wollseifer. Im Interview spricht er über Konjunktur, Können, Geld und den harten Kampf um Fachkräfte.

Herr Wollseifer, einige Wirtschaftszweige spüren bereits eine abflauende Konjunktur. Wie lange hält die Hochstimmung im Handwerk noch an?

Hans Peter Wollseifer: Bei uns im Handwerk läuft es weiter hochtourig, auch wenn sich die Konjunktur in der exportstarken deutschen Industrie abkühlt. Bei den Handwerksbetrieben, die Zulieferer für die Industrie sind, sind die Auftragsbücher daher auch nicht mehr ganz so prall gefüllt. Unterm Strich haben wir im Handwerk jedoch noch immer eine sehr gute Konjunktur. Für dieses Jahr rechnen wir mit einem Umsatzwachstum von bis zu vier Prozent. Damit ist das Handwerk ein ganz entscheidender Stabilitätsanker für die Gesamtkonjunktur. Unsere Betriebe investieren, treiben den digitalen Wandel voran und stellen weiter Mitarbeiter ein. Wir könnten noch mehr, haben aber das Problem, dass viele Betriebe nicht genug Fachkräfte finden, um die Nachfrage bedienen zu können.

Wie groß ist denn der Fachkräftemangel konkret?

Wollseifer: Im Handwerk fehlen uns etwa 250.000 Mitarbeiter. Und das verhindert, dass wir unser Wachstumspotenzial voll ausschöpfen können. Und wir wissen, dass die Fachkräftesicherung für uns auch in den nächsten Jahren eine der wichtigsten Aufgaben sein wird. Das umso mehr, da viele Unternehmensübergaben aus Altersgründen anstehen. Da sind wir als Verband gefordert, die Betriebe darin zu unterstützen, eine geordnete Nachfolge hinzubekommen.

Die Bundeswehr wirbt mit einer Kampagne gerade im Revier der Handwerker sehr offensiv um Fachkräfte. Sind Sie sauer?

Wollseifer: Wir empfinden die Art und Weise, wie da geworben wird, als eine Geringschätzung gegenüber dem Handwerk. Das machen wir gegenüber der Führungsspitze der Bundeswehr auch sehr deutlich. Ich habe Bundesverteidigungsministerin Frau von der Leyen bereits einen Brief geschrieben. Das Handwerk ist ohnehin Ausbilder der Nation. Bei uns ausgebildete Fachkräfte sind gern gesehen bei Polizei, Feuerwehr, Technischem Hilfswerk und eben auch bei der Bundeswehr. Aber eine solche aggressive Abwerbungskampagne ist nicht der richtige Umgang unter Freunden.

Die Bundeswehr wirbt mit Plakaten, auf denen steht: „Gas, Wasser, Schießen“ – und darunter: „Handwerker (M/W/D) gesucht.“ Sie haben das als niveaulos bezeichnet.

Wollseifer: Dazu stehe ich. Das gehört sich einfach nicht.

Gerade für junge Menschen ist das Handwerk immer noch zu wenig attraktiv. Woran liegt das?

Wollseifer: Wir brauchen ein Umdenken in der Gesellschaft. Akademische Bildung und berufliche Bildung müssen als gleichwertig betrachtet werden. Junge Menschen, die eine Ausbildung im Handwerk erfolgreich absolviert haben, haben ausgezeichnete Karriere- und Verdienstmöglichkeiten. Sie können sich weiterqualifizieren zum Meister und sich danach selbstständig machen: In welchem anderen Wirtschaftsbereich außer dem Handwerk kann man schon in ganz jungen Jahren sein eigener Chef sein? Auch als angestellter Meister hat man gute Verdienstmöglichkeiten. Durch die Digitalisierung kommen gerade auch im Handwerk spannende neue berufliche Möglichkeiten hinzu. Nur mit dem Handwerk werden wir die Energie-, Mobilitäts- und Digitalisierungswende hinbekommen. Aber all das müssen wir noch viel stärker in den Köpfen der Menschen verankern. Vor allem müssen wir die Eltern und Lehrer erreichen.

Die Politik hat doch immer wieder gepredigt, Deutschland brauche mehr Akademiker.

Wollseifer: Ja. Das war lange Zeit das Credo unserer Politikerinnen und Politiker und wurde ihnen auch von internationalen Institutionen wie der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung eingeimpft. Und leider hat das auch in die Gesellschaft hineingewirkt und sich festgesetzt. Das muss sich wieder ändern und die Gleichwertigkeit beider Berufswege wieder anerkannt sein. Die Politik muss das flankieren. Wir sind sehr froh, dass sich unser Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und seine Ehefrau Elke Büdenbender sehr stark für die berufliche Bildung und deren Gleichwertigkeit mit der akademischen einsetzen. Dieses Engagement fordern wir von Politikern auf allen Ebenen.

Die Bundesregierung will eine Mindestausbildungsvergütung einführen. Sieht so die Unterstützung aus, die Sie sich wünschen?

Wollseifer: Es ist Sache der Tarifparteien, Löhne und Ausbildungsvergütungen zu verhandeln. Die Sozialpartner kennen die Rahmenbedingungen am besten – in den einzelnen Berufen und in den Regionen. Eine gesetzliche Festlegung kann nicht differenzieren. Deshalb sind wir schon aus grundsätzlichen Erwägungen dagegen. Die 515 Euro Mindestausbildungsvergütung sind ziemlich aus der Luft gegriffen. Wir haben in Deutschland große Unterschiede bei den Lebenshaltungskosten und der Wertschöpfung in einzelnen Zweigen – auch bei uns im Handwerk. In manchen Bereichen – etwa bei den Zimmerern – zahlen wir im Vergleich zu anderen Wirtschaftsbereichen die höchsten Ausbildungsvergütungen in ganz Deutschland. Davon wird in der Öffentlichkeit leider viel zu wenig Notiz genommen. Wir haben aber auch Gewerke mit deutlich geringerer Wertschöpfung, für die es schwierig wird, diese Mindestausbildungsvergütung zu stemmen. Wir hoffen deshalb noch auf einige Nachbesserungen durch die Politik.

Der Meistertitel ist dem Handwerk besonders wichtig. Das Bundesbildungsministerium will ihn durch die neue Bezeichnung „Bachelor professional“ ergänzen. Das Vorhaben ist im Handwerk nicht unumstritten. Wie ist Ihre Position?

Wollseifer: Es gibt keinen Grund zur Aufregung. Der Meister ist das identitätsbildende Fundament des deutschen Handwerks. Und das wird auch in Zukunft so sein. Es geht nicht darum, den Begriff des Meisters zu ersetzen, sondern er soll ergänzt werden. Damit soll verdeutlicht werden, dass ein Meisterbrief von der Qualifikation her mit einem Bachelor-Abschluss vergleichbar ist. Das soll mit dem Zusatzvermerk „Bachelor professional“ erreicht werden. Das macht auch international verständlicher, auf welch hohem Niveau die Meisterausbildung in Deutschland liegt. Deshalb findet der Vorstoß von Bundesbildungsministerin Anja Karliczek unsere Zustimmung. Aber um es nochmals klar zu sagen, es gibt keine Aufweichung: Der Meister bleibt der Meister.

 

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