Interpret will Richard Wagner vom Vorwurf des Antisemitismus schützen Der Pianist Stefan Mickisch vergaloppiert sich in einem Text über den Holocaust

Der Pianist und Wagner-Interpret Stefan Mickisch (hier bei einem Konzert im evangelischen Gemeindehaus). Foto: Harbach Foto: red

Ein Wagner-Kenner läuft Amok: Stefan Mickisch will Richard Wagner vom Vorwurf des Antisemitismus schützen – und schießt dabei weit übers Ziel hinaus. In einem Aufsatz, veröffentlicht auf seiner Homepage, relativiert der in Bayreuth bestens bekannte Pianist und Musikwissenschaftler den Holocaust.

Im Sommer war er von Polizisten abgeführt worden, weil er an der Oberfrankenhalle einem Sicherheitsmann eine Ohrfeige gegeben hatte. Nun ist Stefan Mickisch erneut ausgerastet – in einem kruden Pamphlet, das Wagner vom Vorwurf des Antisemitismus reinwaschen will.

Mit Sätzen wie diesem: „Der christliche Antisemitismus kommt von Jesus Christus selbst." Und: Das kanonische Recht der Katholischen Kirche habe „sämtliche Maßnahmen enthalten, die die Nationalsozialisten übernahmen". Weiterhin: Hitler habe sich judenfeindlich geäußert, lange bevor er die Bayreuther Festspiele besuchte. Und: „Wurden nach 1945 die Schäferhunde abgeschafft, weil diese Adolf Hitlers Lieblingshunde waren? Warum sollen Wagnerhörer heute ein schlechtes Gewissen haben, während VW- und Audi-Fahrer mit erhobener unwissender Rübe durch die Gegend kurven?"

Man könnte den Text als Stuss abtun, wäre Mickisch nicht als Opernexperte weit über Bayern hinaus bekannt. Der Pianist und Musikwissenschaftler hält zum Beispiel seit 1998 jeden Sommer 30 Einführungsmatineen zu den Aufführungen der Festspiele. In diesen Matineen machte er sich einen Namen als hervorragender Musiker, der auf unterhaltsamste Art in Wagners Werk einführt. Und dann das: Ein Text mit dem Titel „Empörung der Ahnungslosen – zu Wagners ,Antisemitismus'". Offensichtlich sah sich Mickisch durch Berichte über Wagners Antisemitismus herausgefordert, die in seinen Augen nur eines bezwecken: „dass den nicht (so) kundigen Wagnerliebhabern ,ihr' Komponist vermiest" wird. Dahinter steckten „Unwissenheit" und „Neid", „niedrige Instinkte" und „Arroganz".

„Er ist halt seinem Gott Wagner verfallen", vermutet Udo Schmidt-Steingraeber von der Klaviermanufaktur Steingraeber, in dessen Kammermusiksaal Mickisch immer wieder gastiert. Ein Antisemit sei Mickisch nicht, stellt Schmidt-Steingraber klar – „jedenfalls kann man das nicht aus seinen Verharmlosungen schließen. Er gehört aber eben zu den leider immer noch vagabundierenden Verlautbarern der Kleinredner, verquasten Schöninterpretierer und Augenverschließer."

Mickisch greift die Leitung der Bayreuther Festspiele ebenso an wie Gottfried Wagner oder den Historiker Hannes Heer, der den Antisemitismus in der Familie Wagner untersucht hat. Dabei vergleicht der Schwandorfer Äpfel mit Birnen. Er wolle nicht verkleinern, wohl aber relativieren. Und da müsse er an die Behandlung der Afroamerikaner in den USA, an die Briten im Burenkrieg und an China erinnern. Was er damit vergleichen will: die Verbrechen Nazi-Deutschlands.

Mickisch meint Wagner gegen den Vorwurf in Schutz nehmen zu müssen, er habe den Völkermord der Nazis unmittelbar ausgelöst. Der wahre Urheber des Judenhasses sei das Christentum, das eine „2000jährige, latente, oft auch in Pogromen sich entladende Grundstimmung gegen Juden in ganz Europa" erzeugt habe. Seine Thesen begründet er mit Verweisen auf die Geschichte des Christentums und vor allem Martin Luthers. Den Reformator bezeichnet Mickisch als „Elefanten-Antisemit", neben den man Wagner „eher noch zu einem ,antisemitischen Pantoffeltierchen' verkleinern" dürfe.

Wagner, ein klitzekleiner Antisemit: „Wagners Schrift ,Das Judentum in der Musik' hat kaum 50 Seiten und macht unter einem Promille seines gesamten schriftstellerischen Werkes aus." Das Werk sei für Wagner selbst auch nicht wichtig gewesen. Behauptet Mickisch. Was er nicht sagt: Die Schrift lag Wagner immerhin so am Herzen, dass er sie 19 Jahre nach der Erstveröffentlichung nochmals herausbrachte. Diesmal unter seinem richtigem Namen und und um einen schlimmen Satz ergänzt. Er lautet: „Ob der Verfall unsrer Kultur durch eine gewaltsame Auswerfung des zersetzenden fremden Elements (gemeint sind die Juden, Anm. d. Red.) aufgehalten werden könne, vermag ich nicht zu beurteilen, weil hierzu Kräfte gehören müssten, deren Vorhandensein mir unbekannt ist."

Mickisch selbst war für eine Stellungnahme nicht zu erreichen. In seinem Aufsatz bekennt er: „Zugegeben sei, dass mir die Medien genau so gleichgültig sind wie die „öffentliche Meinung", und meine Stellung in der Musikwelt eine unabhängige und freie, lediglich aufgrund eigener Leistung eroberte und ungefährdete ist" – was ihm die Sache „relativ leicht" mache.

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