In Marktredwitz Filmreihe kehrt zurück mit „Nomadland“

Richard Ryba

Im Jahr 2011 wurde der legendäre Filmclub zu Grabe getragen. 2019 war der Nachfolger, der VHS-Filmfokus, am Ende. Nun startet eine neue Staffel. Uwe Kuchenbäcker erklärt, wie dies gelang.

Freut sich riesig auf den Neustart des VHS-Filmfokus: Uwe Kuchenbäcker. Foto: David Trott

Marktredwitz - „Totgesagte leben länger.“ So lautet ein Filmtitel – und eine Weisheit, die augenscheinlich nicht nur auf die SPD zutrifft, sondern in Marktredwitz auch auf den VHS-Filmfokus. Die Reihe war der Nachfolger des im Jahr 2011 spektakulär zu Grabe getragenen Filmclubs. Im Frühjahr 2019 schlug dann auch dem Filmfokus, der hauptsächlich Arthouse-Kino abseits des Mainstreams präsentierte, die Stunde: Er wurde mangels Zuschauerzuspruchs eingestellt. Nun lebt er wieder auf. Das ist in erster Linie Uwe Kuchenbäcker zu verdanken, Leiter der Marktredwitzer Geschäftsstelle der VHS Fichtelgebirge – und leidenschaftlicher Film-Fan. Er war schon zu Filmclub-Zeiten, die Anfang der 80er-Jahre begannen, mit an Bord und hatte den VHS-Filmfokus im Jahr 2013 maßgeblich mit aus der Taufe gehoben.

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Sehnsucht nach Filmen

Wie ist es gelungen, in einer für Kinos ohnehin schwierigen Zeit eine Film-Reihe wiederzubeleben, die nicht den Massengeschmack bedient, sondern auf besondere Filme mit eigenwilliger Handschrift setzt? Die Antwort, die Uwe Kuchenbäcker der Frankenpost gibt, ist erst einmal kurz und bündig: „Mit Gesprächen“, sagt er – und holt dann doch noch etwas weiter aus: Während der Pandemie, als überall der Kulturbetrieb brachlag, wuchs im Cineasten Kuchenbäcker die Sehnsucht nach Filmen auf der Kinoleinwand – und der Wunsch, außergewöhnlichen Produktionen ein Podium zu geben.


Vor einigen Monaten entstand der Plan, es noch einmal mit dem VHS-Filmfokus zu versuchen. Kuchenbäcker fragte bei Michael Neidhardt an, dem Betreiber des Cineplanet in Marktredwitz – und rannte bei ihm offene Türen ein. Und da in Selb derzeit mit dem „Spektrum“ ein kommunales Kino entsteht, lag der Gedanke nahe, auch mit Leiterin Jennifer Ruckdeschel das Gespräch zu suchen. Auch hier stieß der Marktredwitzer auf große Bereitschaft, die Filmreihe zu zeigen – und zwar im Fam-EJF-Familienzentrum, da das Kino noch umgebaut wird (wir berichteten).

Freude über Re-Start

„Ich freue mich riesig, dass wir den Re-Start machen können“, sagt Kuchenbäcker. Schließlich sei der Filmfokus ein nicht ganz unbedeutender Faktor in der Kulturszene des Landkreises Wunsiedel. Das Programm, das fünf Filme umfasst, sei allerdings nicht ganz einfach auf die Beine zu stellen gewesen: Das Auswertungsfenster für neue Filme werde immer kürzer – und aktuelle Produktionen wanderten immer schneller zu den Streaming-Diensten ab. Nach einiger Vorarbeit steht aber nun das Programm – und beginnt am 6. Oktober sogar mit einem Oscar-Gewinner – mit dem halbfiktionalen Roadmovie „Nomadland“ der gebürtigen Chinesin Chloé Zhao aus dem Jahr 2020. Bei der Pandemie-Oscarverleihung 2021 gewann der Film in den Kategorien bester Film, beste Regie und beste Hauptdarstellerin für Frances McDormand. „Trotzdem ist es ein Independent- und Arthouse-Film, der gut in die Reihe passt“, sagt Kuchenbäcker.

Ziel ist die schwarze Null

Der Film-Enthusiast hofft nun, dass genügend Leute ins Kino gehen, damit der Filmfokus weiter überleben kann. Mit im Durchschnitt 70 bis 80 Besuchern könne man die schwarze Null erreichen. 2019, als der VHS-Filmfokus eingestellt wurde, hatte man im Schnitt nur noch rund 50 Besucher – zu wenig. Auch wenn bei den Aufführungen im Kino die mittlerweile üblichen Abstandsregeln gelten, könne man die nötige Zuschauerzahl erreichen, glaubt Kuchenbäcker. Er verweist auf das Interlock-Verfahren, das es ermögliche, zur gleichen Zeit in zwei oder drei Sälen den gleichen Film vorzuführen. Das sei im Cineplanet ja schon beim Publikumsrenner „Kaiserschmarrndrama“ so praktiziert worden. Sollte der Neustart erfolgreich verlaufen, dann werde es im Frühjahr 2022 eine weitere Staffel des VHS-Filmfokus in Marktredwitz – „und gerne auch in Selb“ – geben, sagt Kuchenbäcker. Er jedenfalls hofft darauf. Denn schließlich: „Am Ende kann Kino nur im Kino wirklich Kino sein.“


Die Filme im Überblick

Nomadland ist ein Filmdrama der gebürtigen Chinesin Chloé Zhao aus dem Jahr 2020. Das Drehbuch adaptierte die Regisseurin auf Basis des 2017 veröffentlichten Sachbuchs der US-amerikanischen Autorin Jessica Bruder Nomaden der Arbeit: Überleben in den USA im 21. Jahrhundert. Im Mittelpunkt des semifiktionalen Roadmovies steht eine 60-jährige trauernde Witwe aus Nevada (dargestellt von Frances McDormand), die nach dem Tod ihres Mannes und der Schließung der nahegelegenen Gipsmine ihre inzwischen entvölkerte Heimatstadt verlässt. Mit einem Van begibt sie sich auf eine nomadische Fahrt durch den Südwesten der Vereinigten Staaten.

Der Rausch ist ein Spielfilm von Thomas Vinterberg aus dem Jahr 2020. Die Sozialsatire handelt von vier befreundeten Lehrern (dargestellt von Mads Mikkelsen, Thomas Bo Larsen, Magnus Millang und Lars Ranthe), die aus Frustration gemeinsam ein „Trinkexperiment“ starten, um wieder motiviert vor ihre Schüler treten zu können.

Minari ist ein US-amerikanischer Spielfilm von Lee Isaac Chung aus dem Jahr 2020. Das Drama ist in den 1980er-Jahren im ländlichen Arkansas angesiedelt und handelt von einer koreanisch-amerikanischen Familie, die versucht, sich eine neue Existenz mit der Bewirtschaftung einer Farm aufzubauen.

Der Mauretanier ist ein amerikanisch-britischer Thriller des Regisseurs Kevin Macdonald, der am 10. Juni 2021 in den deutschen Kinos anlief. Der Film basiert auf dem Guantanamo-Tagebuch von Mohamedou Ould Slahi. Mohamedou wird nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 in Mauretanien festgenommen und ohne formelle Anklage ins Internierungslager der Guantanamo Bay Naval Base verschleppt. Man wirft Mohamedou eine Zusammenarbeit mit den Attentätern vor. Doch dem Chefankläger Stuart Couch kommen Zweifel an Mohamedous Schuld. Nancy Hollander wird Mohamedous Rechtsanwältin und begreift, wie Mohamedou im Internierungslager behandelt wurde und dass seine Geständnisse durch Folter erzwungen wurden.

Ich bin dein Mensch ist ein deutscher Spielfilm von Maria Schrader aus dem Jahr 2021. Die melancholische Komödie handelt von der Begegnung zwischen einer Frau und einem humanoiden Roboter. Der Film wurde im März 2021 im Wettbewerb der 71. Internationalen Filmfestspiele Berlin uraufgeführt und die Hauptdarstellerin Maren Eggert wurde mit dem Silbernen Bären für die Beste darstellerische Leistung ausgezeichnet.