In der Christuskirche Speichersdorf Passionsspiele Oberammergau als Vorbild

Für die passende musikalische Begleitung der Passionsandachten sorgte das Quartett mit Edeltraut Neiß (Gesang), Ruth Brehm (Gesang, Gitarre), Lukas Brehm (Gitarre) und Dominik Fick (Gesang, Epiano, von rechts). Foto:  

Die Evangelische Kirchengemeinde feiert seit Aschermittwoch ganz besondere Andachten

Speichersdorf - Auf dem Weg, in der Menge, unterm Kreuz, im Blick, vor Gott, am Tisch!“ Passionsandachten der besonderen Art feiert seit Aschermittwoch und das wöchentlich bis zur Karwoche (31. März) die evangelische Kirchengemeinde Speichersdorf in Zusammenarbeit mit dem CVJM.

Immer mittwochs um 19 Uhr treffen sich die Gläubigen in der Christuskirche, um auf eigene Weise dem Leiden, Tod und der Auferstehung Jesu Christi nachzuspüren. Alle Andachten werden auch live auf dem YouTube-Kanal der Kirchengemeinde unter www.speichersdorf-evangelisch.de gestreamt. „Eine erholsame halbe Stunde zum Innehalten und Bewusstwerden inmitten unserer unruhigen Zeit“, schildert Pfarrer Hannes Kühn. Denn unter dem Thema „backstage“ wird bei den Passionsandachten hinter die Kulissen der Passion Jesu Christi geschaut, wie sie bei den Passionsspielen Oberammergau auf die Bühne gebracht wird.

Die Gläubigen sind dabei auf einer ganz besonderen Bühne zu Gast. Es geht um den Kreuzweg Jesu Christi, um sein Leiden, Sterben und Auferstehen. Es geht um seine Person, seine Worte und Taten und was sie mit dem Menschen machen. „Damit dreht es sich auch um jeden Gläubigen, um dessen Leben und dessen Fragen“, so Kühn. Anhand von Bildern der Passionsspiele in Oberammergau, die damals im Rahmen einer Pest-Pandemie entstanden sind, durch eine eigene Andachtsästhetik und Gebetssprache sollen die Gläubigen ihre eigene Haltung zum Ostergeschehen finden. Die Gläubigen erhalten an jedem Abend die Gelegenheit, Fragen, Zweifel und Herausforderungen zu teilen und zu erleben, was die einzelnen Schritte der Passion für sie heute bedeuten, was den Kreuzweg mit ihrem heutigen Leben verbindet.

Das brachte dann auch die musikalische Begleitung des Abends durch Edeltraut Neiß (Gesang), Ruth Brehm (Gesang, Gitarre), Lukas Brehm (Gitarre) und Dominik Fick (Gesang, Epiano) zum Ausdruck. Mit dem Lied „Schritt für Schritt geh ich meinen Weg“ eröffneten sie den vierten Szenenabend. Gesanglich stellten sie Fragen wie „Wo gehst du hin?“, „Wer willst du sein?“, „Wen fragst du jetzt?“ und „was trägt dich dann?“ Eine wichtige Aufgabe übernimmt jedes Mal die Regie. Sie gibt Anweisungen, hinterfragt die Haltung der Darstellern und hilft den Zuschauern so, die eigene Rolle zu finden. Nach der Frage nach der Rolle Jesu, nach dem Blickwinkel des umjubelten Einzugs Jesu in Jerusalem, der aufgewühlten Menschenmasse, die den Tode Jesu fordert, und den Soldaten, die das Kreuz aufrichten, standen zuletzt in der fünften Passionsandacht die ohnmächtig zuschauenden Frauen im Fokus. Die Bibel berichtet nämlich, dass auch viele Frauen dort waren und von Weitem zusahen. Sie waren Jesus von Galiläa aus gefolgt und hatten ihm gedient. Zu ihnen gehörte Maria aus Magdala. Sie konnte nicht viel tun, musste fassungslos zusehen, was Jesus durchmachen musste und sie musste Jesus beim Sterben zuschauen. In der Rolle der Darstellerin von Maria aus Magdala brachte Ruth Brehm dann auch deren Gefühlschaos zu Ausdruck: „Mir ist einfach nur nach Heulen zumute. Wenn ich das spiele, muss ich immer an die Beerdigungen denken, an denen ich teilgenommen habe“, sagte sie. Jetzt musste sie ihre Gefühle auf die Bühne kriegen: Entsetzen, Wut, Verzweiflung und Ohnmacht.

Mit Fragen wie „Gab es auch Momente in deinem Leben, in denen du dich machtlos gefühlt hast? Ist ein von dir geliebter Mensch gestorben? Wie hast du dich gefühlt? Wie bist du damit umgegangen?“ beschäftigte sich CVJM- Generalsekretär Michael Götz. Ihn hatte man als Prediger gewinnen können. Dabei griff Götz als Spur den biblischen Hinweis auf, dass viele Frauen dabei waren. Gott habe den Menschen als Gemeinschaft, als Familie geschaffen, die füreinander da sei. Der Mensch sollte nicht alleine bleiben. Deshalb sollten die Menschen miteinander trauern, ohne viel Worte. Manchmal würden kleine Gesten wie das In den Arm nehmen oder ein paar Zeilen der Anteilnahme reichen, so Götz. Er berichtete von einer Krankenhauspsychologin, die in einer Kinderkrebsklinik die Angehörigen um das Kreuz stellte. „Wenn dir im Augenblick des tiefsten Verlustes der Boden unter den Füßen weggezogen wird, dann sei im Symbol des Kreuzes Gott in Jesus Christus gegenwärtig“, so Götz. „In solchen Situationen hilft es, Jesus und sein Kreuz und damit sich gegenseitig im Blick zu haben.“

In der fünften Szene am morgigen Mittwoch hängt Jesus im Todeskampf am Kreuz. Dann geht es mit Jürgen Küffner um Fragen wie „Hast du dir selbst schon mal die Frage gestellt: Wieso lässt Gott das zu?“ oder „Gab es Momente, in denen du dich vollkommen von Gott getragen gefühlt hast?“ Bevor am letzten Mittwoch in der Karwoche Pfarrer Hannes Kühn angesichts des leeren Abendmahlstisches Gläubigen mit der Frage konfrontiert: „Und jetzt? Lassen wir uns einladen von Gott? Ganz konkret: Nimmst du Platz an seinem Tisch?“

Info: Wer die Arbeit der Kirchengemeinde finanziell unterstützen und mit einer Spende das Gemeindeleben stärken möchte, damit dieses, wenn auch verändert, weitergeht, der kann dies mittlerweile auch digial unter https://www.speichersdorf-evangelisch.de/index.php/spenden. Was auch immer gegeben wird, es kommt der Gemeinde zugute. So kann beispielsweise die Technik verbessert werden, die für die Live-Übertragungen wird.
 

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