Hort-Revolution Einmaliges Projekt für Schulkinder

Die Gemeinde Höchstädt und der Markt Thierstein betreiben zusammen einen Hort. Dadurch sichern sie schon jetzt die Ganztagsbetreuung für Grundschüler, die ab 2026 für Kommunen zur Pflicht wird.

Die Grundschule in Thierstein wird ab September zum Hort für die Nachmittagsbetreuung. Foto: /Matthias Bäumler

Erst die Feuerwehren, jetzt die Hortbetreung. Wenn es in der weiten Region Musterschüler in Sachen interkommunale Zusammenarbeit gibt, dann sind dies die Gemeinde Höchstädt und der Markt Thierstein. Nachdem beide im Frühjahr einen bayernweit beachteten gemeinsamen Feuerwehrzweckverband gegründet haben, um so die Schlagkraft ihrer Wehren dauerhaft zu erhalten, legen sie nun bei der Nachmittagsbetreuung der Schulkinder nach. Kurz gesagt, wird aus der bisherigen Grundschule in Thierstein ab September der Hort für die beiden Gemeinden. Alleiniger Schulort ist ab dem kommenden Schuljahr Höchstädt. „Dadurch können wir beide Schulgebäude in Zukunft komplett nutzen und haben keinen Leerstand“, sagt der Höchstädter Bürgermeister Gerald Bauer am Donnerstag, als er zusammen mit seinem Thiersteiner Amtskollegen Thomas Schobert das Konzept vorstellt. Für den Betrieb der Kindertagesstätten gründeten die Kommunen ebenfalls einen Zweckverband.

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Kirche in Personalnot

Schon bisher gab es eine Nachmittagsbetreuung der Höchstädter und Thiersteiner Mädchen und Buben in den jeweiligen evangelischen Kindergärten. Wie Pfarrerin Ellen Meinel sagt, hat dieses vom Kindergartenträger, der evangelischen Kirche, bereitgestellte Angebot allerdings keine Zukunft. „Wir platzen zum Beispiel in Höchstädt aus allen Nähten. Außerdem ist ein Kindergarten für die Betreuung von Schülern wenig geeignet.“ Letztlich zwingen auch Veränderungen innerhalb der Kirche dazu, die Hortarbeit in den beiden Kommunen völlig neu zu konzipieren. „Ab 2024 fällt eine halbe Pfarrerstelle weg, sodass nur noch eine Person das Gemeindeleben in Thierstein und Höchstädt aufrechterhalten soll. Es ist schon heute teilweise frustrierend, die eigentlichen Aufgaben eines Pfarrers, etwa den Besuch von Gemeindemitgliedern im Altenheim, nicht so erfüllen zu können, wie es sein müsste. Daher sind wir unheimlich dankbar, wenn in einem ersten Schritt die Hortbetreuung nun auf die Kommunen übergeht.“

Operation am offenen Herzen

Der für den Bau Verantwortliche Christian Kropf musste in den zurückliegenden Monaten quasi in einer Art Operation am offenen Herzen während des Schulbetriebs das Schulhaus in Thierstein in einen Hort umbauen. „Hier waren Durchbrüche ebenso notwendig wie neue Wände. Alles hat super geklappt“, lobt Jessica Geyer von der Verwaltung in Höchstädt, die sich zusammen mit Christine Kottus aus dem Thiersteiner Rathaus federführend um das Projekt kümmerte.

Innerhalb eines halben Jahres einen neuen Hort zu konzipieren und eine geeignete Trägerstruktur zu finden, ist durchaus sportlich. „Wichtig war zunächst, die Personal- und Raumfragen zu klären“, sagt Martin Rogler, Geschäftsstellenleiter der Verwaltungsgemeinschaft Thiersheim. Relativ schnell stand fest, dass sich das Thiersteiner Schulhaus bestens eigne. Da die Erzieherinnen vom kirchlichen Träger in die Kommune wechseln konnten, war auch dieses Problem bestens gelöst. Wie Jessica Geyer berichtete, musste sie sich kurzfristig in die rechtliche Thematik einarbeiten – was ihr aber sichtlich Freude bereitete. Zeitgleich schrieben die künftige Hortleiterin Tanja Maschweski und ihre Stellvertreterin Christina Müller das umfangreiche pädagogische Konzept. Keinesfalls wird der Hort eine reine Aufbewahrungsanstalt. In einer offenen Form werden die Kinder nicht nur ihre Hausaufgaben erledigen, sondern auch genügend Zeit zum Spielen, Experimentieren, Sporteln oder einfach zum Chillen haben. „Jeder soll gerne zu uns kommen“, sagt Tanja Maschewski.

Gemeinderäte mit Weitsicht

Damit nicht genug. Dass jede der beiden Gemeinden eine Einrichtung abgibt, ist nicht selbstverständlich. Die Bürgermeister Schobert und Bauer lobten denn auch „ihre“ Gemeinderäte für die Weitsicht. „Vor Jahren wäre so etwas noch undenkbar gewesen“, so Gerald Bauer. Auch die Verantwortliche für die Fachaufsicht für Kindertageseinrichtungen im Landkreis, Nadine Gulden, hält die Entscheidung der beiden Gemeinden für wegweisend. „Ab 2026 haben Eltern einen Rechtsanspruch auf die Nachmittagsbetreuung ihrer Grundschulkinder.“ Daher sei es nur von Vorteil, einen derart vorbildlichen Hort zu schaffen, der noch dazu Ausbaupotenzial habe.

Landrat Peter Berek sieht die Gründung eines interkommunalen Hortes ebenso wie die beiden Bürgermeister als historischen Moment. „So etwas gibt es höchst selten in Bayern. Wenn unsere Kommunen langfristig ihre Eigenständigkeit erhalten wollen, führt kein Weg daran vorbei, Aufgaben in partnerschaftlicher Form interkommunal zu erledigen.“