Hoppe: Erzählen macht Welt erträglich

Von Michael Weiser

Germanistentag in Bayreuth. Es geht ums Thema Erzählen. Und die Uni Bayreuth hat – Respekt – wirklich gute Erzähler eingeladen. Zum Beispiel eine der ungewöhnlichsten Autorinnen Deutschlands: Felicitas Hoppe.  Wir plauderten. Über das Erzählen als Existenzbegründung und Selbstbergewisserung. Und als Ritual, das Kindern die Albträume vertreibt.

"Leser, hörst du mir zu?" Felicitas Hoppe sprach beim Germanistentag. Foto: Ronald Wittek Foto: red

Ein schöner Tag im Frühherbst. Die Sonne scheint, es ist ruhig vor den Türen des Hotels Lohmühle. Meine Fragen habe ich vorbereitet. Bevor ich sie stellen kann, sind wir schon mitten im Gespräch. Noch nervt die Situation, der Fotograf muss seinen Job tun, man spricht vorerst nicht übers Erzählen, sondern über erste Eindrücke von Bayreuth. Und schon daraus wird auch eine Erzählung. Weil Felicitas Hoppe in Bayreuth etwas findet, was sie nicht direkt gesucht hatte. Wagner war da, klar, und damit auch der „Ring“. Sie aber findet die Original-Nibelungen noch besser als Wagners Saga.

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Bayreuth als idealer Ort

„Für mich ist Bayreuth im Moment eigentlich der ideale Ort. Ich arbeite an einer Neufassung der Nibelungen. Es ist Zufall, dass der Germanistentag und ich gleichzeitig hier sind, man kommt ja nicht an Wagner vorbei, wenn man sich mit den Nibelungen beschäftigt. Ich werde mir an Wagner ein Beispiel nehmen und entsprechende Freiheiten nehmen.“ Aber dann sagt sie auch: „Das Buch ist um 1200 herum entstanden, ich habe mich gewundert was da alles fehlt. Es war wie eine Befreiung von Wagner. Weil es so effizient ist, ganz ohne Pomp.“

Erzähler als Rattenfänger

Felicitas Hoppe kommt aus Hameln. Die Frage nervt wahrscheinlich, aber ich stelle sie. Die Verführung ist zu groß. Also: Sind Erzähler nicht so etwas wie Rattenfänger?

„Das ist eine Frage, die mich nicht stört, obwohl sie weiß Gott der wievielte sind, der sie stellt. Die Geschichte der Hamelner Kinder ist nicht zu Ende erzählt. Und das ist toll. Jemand, der erzählt, möchte jemanden mitziehen. Musik, und das ist für mich sehr wichtig, spielt auch noch eine wichtige Rolle. Und da ist etwas Irrationales. Die Kinder sind verzaubert, sie folgen dem Rattenfänger, das sagt sehr viel über das manipulative Element der Erzählung an sich. Schriftsteller setzen sich über sehr vieles hinweg, sind aber nicht immer lauter. Wir sind aber auch durch diese Zäsur des Dritten Reichs geprägt. Diese Vorstellung, sich überwältigen zu lassen, ist seitdem verdächtig. Deswegen dieses nüchterne Erzählen, dieses gebrochene Erzählen, dass ein Erzähler sich immer wieder fragt, was da tut. Das ist natürlich doof für den Zuhörer, der will ja glauben, was man ihm erzählt, und dann kommt immer einer, der ihm den Stock in die Beine haut. Das Erzählen und erzählen lassen hat viel mit Unwohlsein zu tun. Also, über den Rattenfänger wollte ich immer schreiben.“

Zwei Kinder überleben

Eltern verlieren ihre Kinder, die ins Ungewisse marschieren. Der Rattenfänger von Hameln ist ein Rätsel. Sind die Kinder einer Verheißung gefolgt, sind sie im Kinderkreuzzug untergegangen, einem rachsüchtigen Verführer zum Opfer gefallen? Felicitas Hoppe erkennt in der Geschichte ein Grundprinzip der Kunst des Erzählens.

„Die beiden Kinder, von denen wir die Geschichte kennen: Eines ist blind, das andere lahm. Sie bekommen mit, wie die anderen im Berg verschwinden: Und sie erzählen uns die Geschichte. Die Erzähler sind die, die zurückgeblieben sind. Sie sind die Boten. Erzählen ist nicht das wirklich Leben, auch wenn es sich aus dem wirklichen Leben speist. Selbst zu erzählen hat aber auch immer einen Moment der Selbstvergewisserung. Man erzählt, weil man sich seiner Existenz vergewissern will. Es ist eine permanente Existenzbegründung.“

Ordnung durch Erzählen

Jeder macht sich die Welt, wie sie ihm gefällt. Also frage ich, ob Erzählungen die Welt ordnen. Vielleicht nicht nur, weil sie höflich ist, gibt sie mir Recht.

„Ordnung ist für mich ein ganz wichtiges Narrativ, es herrscht bei mir Ordnung, auch wenn sie auf den ersten Blick nicht erkennbar ist, Erzählen bedeutet eine Schrumpfung der Welt, man macht sie sich übersichtlich, macht sie damit verkraftbar und erträglich, deswegen lassen sich Kinder unheimlich gerne Geschichten erzählen. Weil kurz vor dem Einschlafen da noch jemand die Welt erklärt und ordnet.“

Reisen als Abenteuer

Und wir sprachen übers Reisen. Genauer: darüber, warum Schriftsteller selber reisen müssen. Und wenn’s im Kopf ist. „Man muss die Bereitschaft haben, sich dem anzuvertrauen“, sagte Hoppe. „Man kann nicht einfach nach einer festen Marschroute vorgehen. Ich schreibe nach dem alten Erzählprinzip der Aventiure. Ein Ritter geht los, reitet in den Wald und sucht Abenteuer. Es ist nicht so, dass ich ein Abenteuer plane und dann da hin komme, sondern ich gehe mal los und schaue, was passiert. Deswegen heißt es ja auch: ,Abenteuer suchen’. Ein Ritter reitet in den Wald, auf einmal tritt hinter dem Baum ein merkwürdiges Wesen hervor. Es ist nicht so, das ich überhaupt keine Vorstellung habe, wo ich hinwill. Ich habe ein Buch geschrieben, „Verbrecher und Versager“, fünf Portraits. Wenn ich diesen Portraitierten Gerechtigkeit angedeihen lassen will, dann muss ich recherchieren, versuchen, dem eine Ordnung zu geben. Wie ich da hinkomme, entscheidet aber oft der Schreibprozess. Dieses „ich sitze da und denke mir was aus“ klappt gar nicht. Schauen Sie, wie man Kindern erzählt. Da kommen Zwischenfragen. Und das schon verändert den Test. Das sieht man auch bei mittelalterlichen Texten, da kommen auch Kommentare und Fragen, diese Instanz der Rückfrage. So eigenartig, aber meine Texte sind immer an ein Gegenüber gerichtet. Ganz oft ist bei mir da eine direkte Anrede. Du Leser, hörst du mir überhaupt zu? Ich muss wissen, dass jemand da ist, der mir zuhört.“

Die Macht des Goldes

Wer sich einen Lottogewinn wünscht, sollte wissen, dass die Menschen stets davon überzeugt waren, dass Schätze nicht einfach so gefunden werden, sondern sich ihre Finder suchen. Das wusste Wagner, das wusste J. R. Tolkien. Das weiß Hoppe, sie hat sogar mal Poetikvorlesungen darüber gehalten. „Es gibt da die Geschichte eines spanisch-galizischen Autors, darin könne Schätze wandern, sie sind beweglich und können sogar ihre Form ändern.“ Deswegen kann sie auch dem Rheingold der Kollegin Elfriede Jelinek etwas abgewinnen. „Es ist die Geschichte einer Emanzipation des Geldes vom Menschen. Das ist toll, weil Geld ja immer schlecht sein muss. Nur im Märchen ist das Geld nicht negativ besetzt. Da regnet es Gold, regnen silberne Kleider herunter. Das ist menschlich, Geld nur dann nicht zu mögen, wenn es nur die anderen haben.“

Die Gegenwartsfischchen

Irgendwann waren wir bei der Frage, warum Frau Hoppe über historische Persönlichkeiten schreibt, aber nicht eigentlich historische Romane. Sie sagte: „Das hängt mit meinem Zeitbewusstein zusammen. Für mich spielt sich alles zu gleichen Zeit ab. Unser Bewusstsein bestimmen diese Persönlichkeiten gleichzeitig. Klar gibt es einen Zeitstrahl. Aber wenn ich mich damit beschäftige, dann gewinnent diese Figuren eine Gegenwart, die ist stärker als der Alltag. Die kommen mir realer vor als mein Bäcker oder Friseur. Durch Bilder, durch Texte triit die Gestalt einem vor Augen, man nimmt bei allen Vorbehalten Kontakt auf. Ich kann mir Gegenwart ohne Vergangenheit nicht vorstellen. Vergangenheit, Gegenwart , Zukunft: ich stelle mir da als Becken vor, mit Vergangenheitsfischen, mit Gegenwartsfischen.... Deswegen kommt es vor, dass ich beim Erzählen das Tempus wechsle. Das hat meinen Lektor krank gemacht.“

Comics sind besser als ihr Ruf

Sie fragte mich dann aber auch noch etwas. Nämlich: „Lesen Sie Comics?“ Was ich zugebe. Warum auch nicht?

Sie liest sie ebenfalls gerne. Und bricht eine Lanze für die Bewohner Entenhausens.  „Bei Donald Duck gibt da die Instanz der Vorgeschichte. Da wird ein Rahmen geschaffen. Aus diesem Rahmen heraus wird man in die eigentliche Geschichte hineingeführt, wie im Märchen. Ich glaube, dass die Menschen das lieben. Ich habe sehr oft mit Comics gearbeitet. Und wenn Vorwürfe kommen, dass das keine Literatur sei, dass das nur verhäckselte Sprache sei, kann ich nur sagen: Tick Trick und Track sprechen ein feines Hochdeutsch.“

INFO: Mit dem Germanistentag geht es am Mittwoch auf die Schlussgeraden. Das Programm beginnt um 9 Uhr im Audimax mit dem Plenarvortrag von Ulrike Almut Sandig, ",Ich bin mein eigenes Lied aus dem Off.' Über die Hörbarkeit von Dichtung am Beispiel der eigenen Stimme."

Die Poetin Ulrike Almut Sandig.