Hochwasser-Nachlese Bindlach: Kaum Chance gegen Jahrhundert-Regen

Wichtiger Teil des Bindlacher Hochwasserschutzes: Der Polder Flürlein zwischen Allersdorf und Bindlach hat am 5. Juni zum ersten Mal seit dem Bau vor mehr als zehn Jahren ausgelöst und damit geholfen, dass der Furtbach nicht komplett außer Kontrolle gerät. Foto: Eric Waha/Eric Waha

Die Schäden sind groß bei vielen Bindlachern, inzwischen hat auch die Bürgerinitiative, die sich gegen die Bebauung an der Allersdorfer Straße stark macht, einen Bürger-Antrag angekündigt. Aber: der Bindlacher Bürgermeister Christian Brunner sagt am Montagabend in der Sitzung des Gemeinderats, dass es extrem schwer sei, sich gegen Ereignisse wie den Jahrhundert-Regen vom 5. Juni zu stemmen.

Bindlach - Bei vielen Betroffenen liegen die Nerven blank seit dem 5. Juni oder dem Folgetag, als Bindlach und viele Ortsteile förmlich abgesoffen sind. Es habe „große, schwere, teure Schäden gegeben“ in der Folge des Unwetters, das in der Region vor allem Bindlach getroffen hat, sagt der Bindlacher Bürgermeister Christian Brunner am Montagabend in einer Unwetter-Nachlese, die auch mit einigen Gerüchten aufräumen sollte.

Nichts beschwichtigen oder kleinreden

Brunner sagt, er wolle „nichts beschwichtigen oder kleinreden. Jeder noch so kleine Schaden“ gehe ihm nahe, sorge bei den Betroffenen für Ärger. Allerdings müsse er das Unwetter vom Wochenende 5. und 6. Juni „etwas globaler betrachten“ – und auch bei seiner Aussage bleiben: Bindlach sei, nicht zuletzt wegen der unermüdlichen Arbeit der Feuerwehren und aller Helfer, die bis zum Umfallen gearbeitet hätten „noch mit einem blauen Auge davongekommen“. Und: Die Systeme, die funktionieren sollten, hätten auch funktioniert. Bei allem anderen habe man kaum eine Chance gehabt, denn: „Es war ein 100-jährliches Ereignis“, ein Jahrhundert-Regen, sagt Brunner. Das hätten ihm Experten des Ingenieurbüros ITWH, mit dem die Gemeinde aktuell bei der Rohrnetzberechnung zusammenarbeitet, am Montag bestätigt.

110 Liter pro Quadratmeter

Brunner hat sich die Wetterdaten herausgesucht: In Stöckig seien am 5. Juni binnen einer Stunde 110 Liter Regen pro Quadratmeter gefallen, „in Neudrossenfeld waren es zur gleichen zeit 2,3 Liter, in Heinersreuth 18,1 Liter“, sagt Brunner. Etwas weiter Richtung Trebgasttal, bei der Kläranlage, kamen 50 Liter runter, in Allersdorf 62 Liter. Gut 60 Liter über dem Hussengut in Bayreuth zeigen, wo der Schwerpunkt am Samstag lag: Erst einmal über den Hanglagen der Hohen Warte, was auch das Schadensbild erkläre, wie Brunner sagt. Die riesigen Regenmengen in der Bindlacher Kessellage – aber auch bei anderen schwer betroffenen Gemeindeteilen wie Euben, Gemein, Zettlitz oder im Gries – hätten auch dazu geführt, dass der Trockenspeicher, der Polder Flürlein, zum ersten Mal überhaupt ausgelöst habe und „zu einem Drittel gefüllt war. Es hat funktioniert, wie es funktionieren soll. Auf die Steuerung haben wir keinen Einfluss“, wie Brunner sagt. „Das wäre sonst alles in den Furtbach gelaufen“ – und hätte zu massiven Problemen führen können. Das Wasser komme vom Oschenberg, vom Schießplatz, aus Richtung Allersdorf. „In einem Bereich, in dem wir eine Versiegelung von weniger als einem Prozent haben“, wie Brunner anmerkt.

Keine Becken abgeschiebert

Kritikpunkte, die ihm zugetragen wurden, arbeitet Brunner am Montagabend auf: Ein Thema sei gewesen, dass „die Kanäle nicht in Ordnung sind. Das ist falsch“, sagt Brunner. „Ebenso habe ich gehört, die Gemeinde habe Becken abgeschiebert. Wir haben einen Freispiegel-Abfluss, und wir haben keine Steuerungsmöglichkeit. Wenn die Kanäle voll sind, sind sie voll“, sagt Brunner – und dann trete auch Wasser aus. Kanäle könnten auch nicht größer ausgelegt werden, „das könnte kein Bürger bezahlen“. Mögliche hydraulische Schwachpunkte im Kanalsystem werden baulich behoben – wie etwa gerade in der Rosenstraße. „Aberwitzig“ sei die Aussage eines Architekten, dass „der hohe Grundwasserspiegel in Bindlach schuld sein soll an dem Ereignis“, sagt Brunner.

Analyse der Situation

Die Lage werde in den kommenden Tagen weiter analysiert, man werde zusammen mit dem Ingenieurbüro ITWH weiter an dem Thema arbeiten, auch darauf bauen, dass „der gemeinsame Hochwasserschutz für Bayreuth und Bindlach wieder mehr Fahrt aufnimmt“ sagt Brunner, der wie im Kurier-Gespräch die Kritik erneuert: An dieser Stelle gehe es zu langsam – die bürokratischen Mühlen zwischen Landesamt für Umwelt und dem Wasserwirtschaftsamt seien das Hemmnis.

Greift Härtefall-Regelung

Es gebe seit der Katastrophe von Simbach am Inn eine Härtefall-Regelung, die bei Schäden helfen solle, „die nicht von der Versicherung gedeckt sind“ – denn einige Betroffene seien nach dem Unwetter vor einem Jahr von ihrer Versicherung hinauskomplimentiert worden. Die Gemeinde versuche gemeinsam mit dem Landratsamt in diese Härtefall-Regelung zu kommen, sagt Brunner, erarbeite gerade „ein Formular, mit dem die nicht abgedeckten Schäden erfasst werden sollen“.

Bürgerinitiative positioniert sich

Das Unwetter hat die Bürgerinitiative „Natur erhalten – Versiegelung vermeiden“ zum Anlass genommen, sich zu positionieren: Der Sprecher Manfred Dollinger kündigt in der Bürger-Viertelstunde vor Beginn der Sitzung einen Bürger-Antrag an, der mehrer Forderungen enthalte, wie er sagt: eine der Forderungen, neben der, ein „Risikomanagement zu etablieren“: „Baugebiete in Hanglagen ganz bleiben zu lassen“, wie Dollinger es formuliert. Eine Risiko-Berechnung, die die Bürgerinitiative in Auftrag gegeben habe, sei zu dem Ergebnis gekommen, dass das Risiko einer Überschwemmung bei der geplanten Umsetzung des Neubaugebiets jenseits der Allersdorfer Straße gerade für die deutlich zunehme, die bereits zum zweiten Mal Leidtragende eines Unwetters gewesen seien: die . Selbst wenn bei zusätzlicher Versiegelung Rückhalt für das Wasser in Form von Rigolen und Becken geschaffen würde, bliebe eine üppige Differenz übrig, „die als Oberflächenwasser auf die Grundstücke fließt“, warnt Dollinger.

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