Wassermassen Katastrophenfall im Landkreis Hof aufgehoben

, aktualisiert am 14.07.2021 - 09:49 Uhr

Überflutete Straßen und Keller: Nach dem Dauerregen in weiten Teilen des Hofer Landes wurden viele Orte extrem heftig vom Hochwasser getroffen. Der Hofer Landrat Oliver Bär hat am Dienstagabend den Katastrophenfall ausgerufen. Am Mittwochmorgen dann Entspannung: Der Katastophenfall ist wieder aufgehoben. Die Aufräumarbeiten gehen indes weiter. Einige Schulen und Kindergärten bleiben am Mittwoch geschlossen.

Region - Dauereinsatz der Rettungskräfte: Am Dienstagnachmittag hat der heftige und lange anhaltende Starkregen gleichzeitig in mehreren Orten der Region Straßen massiv überflutet und Bäche in reißende Ströme verwandelt. Um 20.50 Uhr rief Landrat Oliver Bär den Katastrophenfall für den Landkreis Hof aus. Die heftigen Regenfälle ließen erst in der Nacht langsam nach. Zwischen 15.45 und 21 Uhr löste die Integrierte Leitstelle Hochfranken nach eigenen Angaben rund 500 unwetterbedingte Einsätze aus. Menschen kamen nach ersten Berichten beim Hochwasser in mehreren Orten nicht zu Schaden. Allerdings ereigneten sich auf der Autobahn A 9 zahlreiche Unfälle, es gab dabei Leichtverletzte.

Die Feststellung des Katastrophenfalls nach dem Katastrophenschutzgesetz bedeutet eine absolute Ausnahmesituation, wie der Landrat im Gespräch mit unserer Zeitung bestätigte. Dadurch ist es möglich, alle verfügbaren Einsatzkräfte zusammenzuziehen – auch aus benachbarten Landkreisen und anderen Bundesländern. Theoretisch wäre auch ein Hinzuziehen der Bundeswehr denkbar; dazu kam es jedoch nicht.

Doch auch die haupt- und ehrenamtlichen Kräfte aus dem Landkreis Hof waren im Großeinsatz. Wie es aus dem Landratsamt hieß, wurden 50 Feuerwehren aus dem Kreis sowie die Feuerwehr der Stadt Hof alarmiert. Dazu kamen Technisches Hilfswerk und Polizei. Alles in allem viele Hundert Helfer, die den Kampf gegen die Wassermassen und ihre Folgen aufnahmen. Von bis zu 1000 Feuerwehrleuten und 140 THW-Kräften war am späten Abend die Rede. Schwerpunkte der Einsätze waren Selbitz, Köditz, Feilitzsch, Trogen, Issigau und Berg. 

Einige Beispiele der mitunter geradezu dramatischen Situationen: Bei Reitzenstein war am Anwesen 41, der sogenannten Alten Mühle, eine Gruppe von sieben Personen durch den zum reißenden Strom gewordenen Issigbach eingeschlossen; die Wasserwacht Schwarzenbach an der Saale und die DRLG Lichtenberg-Bad Steben mussten zur Rettung gerufen werden mit Boot und an Leinen festgegurteten Rettern; die Sache ging gut aus.

Bei Naila waren die Kreuzungen der B 173 mit der Selbitztalstraße und in Richtung Krankenhaus überflutet und gesperrt; der Froschgrüner Park ist komplett abgesoffen.

Nach fast einstündigem Dauerregen mit Donner, Blitz, Hagel und sintflutartigen Regenfällen zwischen 15.45 und 16.45 Uhr stand Selbitz im Tal unter Wasser. Der Rothenbach hat gigantische Ausmaße angenommen und das ganze Schulgelände und die nahen Kreuzungen unter Wasser gesetzt. Gullydeckel wurden weggeschwemmt und zahlreiche Wiesen, Felder und die Stadtmitte rund um den Luitpoldplatz überflutet. Feuerwehren kamen aus allen Richtungen und hatten jede Menge Aufgaben zu erledigen. Sie pumpten Wasser aus Kellern und beschafften Sandsäcke. Danach war für eine Stunde im Stadtgebiet Stromausfall. In Selbitz ist deswegen am Mittwoch schulfrei. Zahlreiche private Anwesen wurden von den Wassermassen überschwemmt. Wie ein Helfer berichtet, lief ein Keller auf 200 Quadratmetern bis unter die Decke voll. 

Besonders brisant war es bei einer Firma in Selbitz, wo Gefahrgut mit den Schlammfluten in Berührung kam. Die Koordination übernahm Kreisbrandinspektor Rolf Hornfischer als örtlicher Einsatzleiter. Außerdem liefen beim Kreisbrandrat Reiner Hoffmann und beim Leiter der Integrierten Leitstelle, Markus Hannweber, die Fäden im Hofer Landratsamt zusammen.

In Issigau ist die Dorfmitte überflutet worden; das Wasser ist auch in die Kirche gelaufen. Ein Leichtstoffcontainer ist davongeschwommen; ein Holztransporter mit Kran daran von der Firma Künzel hat ihn geborgen und gesichert.

Auch Köditz und Joditz stehen unter Wasser, die Feuerwehr pumpt Keller leer. In Köditz haben Schotterwege am Steinacker und der Seebühlstraße die Straßen mit Steinen überflutet; die gesamten Nachbarn haben zusammengeholfen, um mit vereinten Kräften Steine und Schlamm zu beseitigen. Auch am Mittwoch gibt es noch Behinderungen in der Ortsdurchfahrt. Die Ortsdurchfahrt Joditz ist seit dem späten Abend komplett gesperrt. Ebenso die Bundesstraße 173 bei Köditz, „weil rechts und links das Wasser sturzbachartig vorbeigelaufen ist, da wurde die Straße unterspült“, hieß es von der Polizeiinspektion Hof. In Köditz drohte auch ein Baukran umzustürzen, Feuerwehr und Technisches Hilfswerk waren vor Ort. Am Mittwochmorgen war die B173 bei Hof in Richtung Köditz bis zur Autobahnauffahrt Hof Nord/Köditz wieder frei.

Die Zufahrtsstraße von Reitzenstein zur Hauptstraße Berg Richtung Hölle ist wegen einer unterspülten Brücke am Mittwoch gesperrt. Darüber hinaus kann es im Landkreis zu kleineren kurzfristige Sperrungen wegen Aufräumarbeiten kommen.

Der Appell aus dem Landratsamt an die Bevölkerung: Die Bürger sollten in ihren Häusern und Wohnungen bleiben und sie nur in dringenden Notfällen verlassen.

Landrat Bär hat im Landkreis Hof bisher nur einmal den Katastrophenfall ausrufen müssen – im August 2015, als ein Großbrand das Sägewerk in der Rauschenhammermühle bei Schwarzenbach am Wald vernichtete. 700 Einsatzkräfte waren dabei vor Ort. Der entscheidende Unterschied zum Szenario am Dienstagabend: Der Starkregen habe eine „großflächige Einsatzlage“ zur Folge gehabt, sagte der Landrat. Es sei an verschiedenen Stellen notwendig gewesen, Straßen zu sperren und Keller auszupumpen, weil immer wieder Flüsse über die Ufer gingen. Deshalb seien alle Einsatzkräfte gebündelt worden, und man habe Spezialkräfte von außerhalb hinzu gezogen. „Das wird eine lange Nacht für die Einsatzkräfte, aber auch für die Bürger“, sagte der Landrat, der seinen Dank aussprach: „Beeindruckend, wie schnell alle präsent waren und koordiniert helfen.“ Auch während des Telefonats mit unserer Zeitung hielt er zwischen Köditz und Berg kurz an und sprach mit Einsatzkräften: „Herzlichen Dank für eure Hilfe.“

Auch die Leitstelle, die durch das Bayerische Rote Kreuz betrieben wird, schaltete auf Katastrophenbetrieb um. Sie zog dienstfreie Mitarbeiter und Personal in Bereitschaft zusammen. In einer Pressemitteilung baten die Verantwortlichen um Verständnis, dass Feuerwehreinsätze Priorität hätten und Wartezeiten anfallen könnten. Nichtsdestotrotz galt: „Die rettungsdienstliche Versorgung ist sichergestellt.“ Beim Notruf 112 könne es in Einzelfällen zu geringen Wartezeiten kommen. Die dringende Bitte der Leitstelle: „Bitte wählen Sie den Notruf 112 nur im ausdrücklichen Notfall.“

Schulen und Kindergärten bleiben zu

In Selbitz bleibt nach Angaben des Landratsamts die Grundschule am Mittwoch geschlossen, ebenso die Kindertagesstätten Mühlberg und Walter Hummer, dort ebenso die ausgelagerte Hortgruppe in der Grundschule. Eine Betreuung in der Kita für die betroffenen Kinder sei aber möglich.

In Neila ist die Kindertagesstätte Froschgrün am Mittwoch und am Donnerstag zu.

Und in Ködlitz bleibt die Kindertagesstätte Wichtelland am Mittwoch dicht.

Bahnverkehr beeinträchtigt

Die gewaltigen Regemassen am Dienstagabend haben auch den Bahnverkehr beeinträchtigt. Auf der Strecke von Hof nach Plauen war  auf Höhe von Unterhartmannsreuth ein Baum auf eine Oberleitung gestürzt. Der Lokführer konnte seinen Zug gerade noch stoppen, er kam direkt unter dem Baum zum Stehen. An eine Weiterfahrt war nicht zu denken. Nach Angaben der Bundespolizei wurden die etwa 25 Passagiere evakuiert und mit einem Ersatzzug zurück nach Hof gebracht. Ein Passagier hatte leichte gesundheitliche Probleme, die allerdings vom BRK noch vor Ort behoben werden konnten.

Nichts geht mehr – dieses Motto gilt unteressen auf der Bahnstrecke Hof – Bad Steben. Auf Höhe von Selbitz, einem Brennpunkt des Unwetters, wurden an zwei Stellen auf einer Länge von insgesamt zwölf Metern die Gleise unterspült. Das Schotterbett wurde weggeschwemmt. Die Bahn stellte den Verkehr auf der Strecke umgehend ein. Ein Zug war zur fraglichen Zeit dort nicht unterwegs. Laut Bundespolizei wird die Strecke am Dienstag auch nicht mehr geöffnet. Die Reparaturen nimmt die Bahn in solchen Fällen mit extra ausgerüsteten Zügen selbst vor.

Beim Polizeipräsidium Oberfranken waren kurz vor 21 Uhr keine weiteren größeren Ereignisse bekannt. Ein Sprecher sagte, er gehe davon aus, dass das Schlimmste überstanden sei. Das Gewitter ziehe vom Brennpunkt im Frankenwald nun übers Fichtelgebirge in Richtung Tschechien weiter.

Drei Kühe in Not

Auch Hofs Partnerstadt Plauen wurde am Dienstagabend vom Hochwasser gebeutelt. In eine brenzlige Situation waren dort drei Kühe geraten, deren Wiese, auf der sie grasten, plötzlich vom Friesenbach überschwemmt wurde. Die Feuerwehr musste anrücken und den Tieren zur Hilfe kommen. 

Das nachmittägliche heftige Gewitter enthielt drei sogenannte Mesozyklone (Aufwind/Tornadozellen). Die Windgeschwindigkeit liegt nahe 130 km/h. Die Bildung des mittleren Mesozyklons konnte nahe Pirk beobachtet werden, wie dieses private Youtube-Video zeigt: 

 

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