Historisches Handwerk und Brauchtum in Tücherfeld: Trachtenberaterin Birgit Jauernig über Oberfrankens Eigenheiten Tracht: Oktoberfest weckt Ehrgeiz

Von Michael Weiser

Tracht ist in Mode. Und ein Ende des Trends ist nicht abzusehen - wie man in Tücherfeld beim historischen Handwerkermarkt mit oberfränkischem Trachten-Netzwerktreffen sehen konnte. Zahlreiche Besucher informierten sich im Fränkische-Schweiz-Museum über Tradition und Brauchtum. Und konnten sich bei Oberfrankens Trachten-Beraterin Birgit Jauernig Tipps holen. Wir erfuhren von ihr, warum die Obrigkeit Trachten schätzt. Und warum sie als Trachten-Expertin gar nicht so viel gegen das Oktoberfest hat.

Frau Jauernig, das zweite große Trachten-Event läuft grad in München: das Oktoberfest. Britzelt`s Sie da ein wenig? Großer Trachten-Auflauf mit großem Publikum unter blauem Himmel?
Birgit Jauernig: Meine Aufgabe ist schon hier, mitten in Oberfranken. Aber interessieren tut's mich schon, es sind ja auch viele oberfränkische Trachten in München zu beobachten.

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Wobei es nicht an Stimmen fehlt, die den Ausverkauf der Tracht auf dem Oktoberfest kritisieren: Ein Ausverkauf der Tracht an die Landhausmode...
Jauernig: Ich bin zwar Trachten-Beraterin, aber auch Wissenschaftlerin. Also interessiert mich einfach, wie sich Leute kleiden. Und als Beraterin profitiere ich auch davon. Die Menschen reden während des Oktoberfestes noch mehr über Tracht und darüber, wie man sich über sie definiert. Man kann sagen, das Oktoberfest weckt auch in Oberfranken den Ehrgeiz der Menschen, was Tracht betrifft: Man denkt noch mehr darüber nach, woher man kommt, wo die Stärken liegen, wie man wahrgenommen wird.

Die Trachtenbewegung kann man auch als Versuch sehen, einem unter Napoleon ziemlich hastig zusammengebastelten Bayern eine Identität zu stiften.
Jauernig: Ja, Tracht war von oben gewollt, Trachtenpflege sozusagen als staatliche Maßnahme, man wollte, dass sich auch die neu hinzugekommenen Landesteile zugehörig fühlen. Man ließ es auch nicht an Anlässen fehlen, bei denen Tracht getragen wurde. Und zwar in aller Vielfalt, das gehörte unbedingt dazu - Bayern in seiner Vielfalt, auch in seiner Kleidung.

Heute aber scheint die oberbayerische Tracht zu dominieren, oder vielmehr das, was die Menschen dafür halten. Ein Landhausmoden-Einheitsbrei.
Jauernig: Auf dem Oktoberfest, ja. Aber das scheint nur so. Gerade in Oberfranken gibt es eine Vielzahl verschiedener Trachten. Das liegt auch an der einstigen Zersplitterung Oberfrankens, politisch wie konfessionell. Protestanten haben sich bewusst anders gekleidet als Katholiken, und umgekehrt. Kleidung sendet stets Signale aus. Was zieht man zu welchem Anlass an? Traditionell zog man zum Gottesdienst am Sonntag etwas Feierlicheres an, um danach, am Nachmittag, etwas Einfacheres zu tragen.

Worin unterscheidet sich die oberfränkische Tracht vom medialen Marktführer aus Oberbayern?
Jauernig: Die oberfränkische Tracht schlechthin gibt es nicht. Die Frage ist also nicht leicht zu beantworten. Aber es gibt zum Beispiel Unterschiede in den Schnitten der Mieder und der Lederhosen. Was man sicher sagen kann: Ein Dirndl gibt es im Oberfränkischen nicht. Das kommt eher aus Oberbayern, vielmehr: aus dem Raum der Alpen.

Trachten zu bewahren scheint schwierig zu sein. Nix ist fix, auch bei den Trachten. Jedes Jahr eine neue Mode, und das beim traditionellen Gewand...
Jauernig: Tracht war nie statisch. Kleidung ist nonverbale Sprache, und wie die Sprache ändert sich auch die Tracht. Das war schon immer so. Ein Brautpaar im Jahr 1820 kleidete sich anders als ein Brautpaar 1810. Tracht hat immer modische Einflüsse aufgenommen, im Spannungsfeld der Tradition. Wenn die Leute etwas neues ausprobiert haben, haben sie sich auch früher schon gefragt, wie das ankommt und was die anderen sagen werden. Es sind oft  Nuancen, die sich ändern, etwa die Rocklänge, bestimmte Dessins oder die Vorliebe für spezielle Auszier an der Tracht. Es gab bei der Tracht, wenn wir die historische ländliche Kleidung so nennen wollen, auch große Brüche, etwa um 1800, als sich die Einflüsse der Empiremode auch auf dem Land bemerkbar machten: die hohe Taille, die kurzen Jacken, die langen Hosen bei den Männern. Dass die Kleidung auf dem Land zwar Modeströmungen aufnahm, sich aber der Mode nicht unterwarf, lag einfach daran, dass die Menschen in der dörflichen oder kleinstädtischen Gesellschaft sich in einem festen Rahmen von Traditionen, von Bräuchen und Sitten befanden. Aus diesem Spannungsfeld heraus entstanden Trachten als charakteristische regionale Kleidungsweisen.