Heimat ist, wo ich verstanden werde

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Da ist Heimat: Das Herz geht den Hollfeldern auf, wenn sie ihr Wahrzeichen, den Gangolfsturm (links), sehen, den Bayreuthern, wenn sie in der Eremitage (Mitte) lustwandeln, und eigentlich allen, wenn sie zum Tüchersfelder Felsen (rechts) hochschauen. Fotos: Hermann
Rüger, Elisabeth von Pölnitz-Eisfeld, Moritz Kircher Foto: red

Der Bayerische Landtag hat eine Heimatdebatte geführt. SPD und Grüne warfen dem zuständigen CSU-Minister Markus Söder vor, ein Heimatzerstörer zu sein, dieser wies die Kritik zurück. Doch was ist eigentlich Heimat?

Der Kurier fragte bekannte Persönlichkeiten aus der Region.

Günter Dippold, Bezirksheimatpfleger Oberfranken:

„Grundsätzlich ist es für mich der Ort, an dem ich den Eindruck habe, mich auszukennen, die Menschen und die Gegebenheiten besser verstehe oder jedenfalls besser zu verstehen glaube, der Ort, an dem ich besser verstanden werde als anderswo, jedenfalls manchmal. Ein Ort, an dem Dinge, die schief laufen,  mehr weh tun als anderswo, an dem ich mich stärker aufgerufen fühle, mich einzumischen. Heimat hat etwas mit menschlicher Gemeinschaft zu tun. Ob man neue Heimaten finden kann? Die Vertriebenen haben es am besten bewiesen: Man kann eine neue Heimat finden und dennoch die alte Heimat im Herzen bewahren."

Katharina Wagner, Festspielleiterin:

„Heimat ist ein schwer zu definierender Begriff. Nach dem objektiven Begriff gefragt, würde ich als Heimat den Ort bezeichnen, an dem man geboren ist. Heimat ist aber auch ein Gefühl, es hat etwas zu tun mit Menschen, mit denen ich mich wohlfühle, es hat was mit Erinnerungen zu tun, auch mit der Vertrautheit mit Orten, die für einen positiv belegt sind. Heimat ist auch ein subjektiver Begriff. Man kann auch woanders leben, wenn man gewisse Rituale pflegt. Für mich ist Bayreuth Heimat, da kommt beides zusammen, der objektive wie der subjektive Begriff.“

Siegbert Keiling (74), früherer katholischer Dekan in Bayreuth, geboren in Lauban (heute Polen):

„Meine Gedanken sind noch immer von Früh bis Abend in Bayreuth; hier habe ich 32 Jahre lang gelebt. Hier möchte ich einmal meine letzte Ruhe finden. Ich habe meiner Heimat Bayreuth viel gegeben und viel von ihr empfangen, und ich bin mit vielen Menschen dort verbunden. Doch ich mische mich nicht mehr ein, etwa in die Belange der Pfarrei. Ganz bewusst bin ich nach meiner Pensionierung vor vier Jahren nach München gezogen. Ich bin sehr glücklich hier, gehe fast jede Woche in die Oper, helfe aber auch noch immer in der Seelsorge aus. Überall, wo ich länger war, habe ich ein Stück Heimat zurückgelassen.“

Thomas Zimmer, Präsident der Handwerkskammer Oberfranken:

„Heimat, dazu gehören für mich drei Begriffe. Beruf: Das ist für mich sehr speziell, weil ich in einem Haus lebe und arbeite: Familie: Weil man weiß, wo man hingehört, wo man sich wohlfühlt und Geborgenheit erlebt. Und die Region: Ich fühle mich in ganz Oberfranken einfach wohl. Und dann gibt es da noch diese besondere Situation, wenn ich abends von einem Termin zum Beispiel aus Berlin heimkomme, den Bindlacher Berg runterfahre und dann das Lichtermeer von Bayreuth sehe – dann weiß ich, gleich bin ich daheim.“

Sergej Waßmiller (46), Trainer des Eishockey-Zweitligisten EHC Bayreuth:

„Heimat ist für mich da, wo man geboren ist. In meinem Fall ist das Nizhnekamsk in Russland, ein Ort rund 1500 Kilometer von Moskau entfernt an der Wolga. Aber mittlerweile fühle ich mich auch in Bayreuth sehr wohl, es ist alles sehr schön hier. Ob es meine zweite Heimat werden kann, weiß ich nicht. In Deutschland bin ich jetzt aber auch schon seit 14 Jahren.“   

Heidrun Piwernetz, Regierungspräsidentin von Oberfranken:

„Heimat ist für mich das Lebensumfeld in Oberfranken, das meine Identität, meine Mentalität und meine Weltauffassung geprägt hat. Dazu gehört für mich ein großes Stück Erinnerung an die eigene Kindheit – Heimat ist Geschmack, Geruch, es sind bestimmte Wörter. Heimat spricht alle Sinne an.“

Anton Makarenko (28), Fußballer beim Regionalligisten SpVgg Bayreuth, mit einer Bayreutherin verheiratet, geboren in Charkow (Ukraine):

„Heimat: Das ist für mich da, wo man sich wohl fühlt, wo man sich gerne aufhält. Also auch in den eigenen vier Wänden. Und da meine Frau von hier kommt, empfinde ich auch Bayreuth als meine Heimat.“ 

Sibylle Broll-Pape, Intendantin ETA Hoffmann Theater Bamberg:

„Heimat bedeutet für mich ein anregendes Abendessen mit Freunden, ein gutes Buch, die deutsche und angloamerikanische Literatur, ein guter Rotwein, Musik, das Ruhrgebiet und immer mehr Bamberg, ausgedehnte Spaziergänge mit meinem Hund in der Fränkischen Schweiz. Heimat ist kein unveränderliches Konstrukt, sondern ist in jeder Lebensphase etwas anderes und wird auch immer durch die Erfahrung mit dem Fremden neu definiert.“

Jakob Hrusa, Chefdirigent der Bamberger Symphoniker:

„Zum einen ist Heimat für mich, wo ich mich geografisch zu Hause fühle, was die Natur betrifft, ebenso wie die Kultur. Offensichtlich wäre das erst mal die Tschechische Republik, aber ich würde das weiter fassen: Meine Heimat ist in der Mitte Europas, da gehört natürlich Franken dazu. Zum zweiten ist Heimat, wo die Menschen um mich sind, die ich liebe. Also gewiss auch in Franken. Zum dritten ist Heimat dort, wo ich meine Berufung zur Musik wertgeschätzt fühle, von Kollegen, von der Öffentlichkeit, wo man volle und entspannte Konzentration aufs Ganze und aufs Detail erlebt, wo subtiler Geist gedeiht, Offenheit und Toleranz – und das ist definitiv Franken.“                                                                       

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