Am frühen Dienstagabend stieg sozusagen der weiße Rauch in den windbewegten Himmel über Bayreuth: Die Bayreuther Festspiele haben einen neuen Dirigenten für den neuen „Parsifal“. Hartmut Haenchen heißt er, er ist 73 Jahre alt, ein ausgewiesen vielseitiger Dirigent mit deutlichem Hang zu Richard Wagner – was nicht zuletzt die Rekordzahl von über 30 geleiteten „Ring“-Zyklen belegt. Sehr erleichtert wirkte gestern Festspielleiterin Katharina Wagner: „Ich bin Maestro Haenchen sehr dankbar, dass er sich kurzfristig bereit erklärte, das Dirigat der Neuproduktion zu übernehmen, und freue mich auf sein erstes Mitwirken bei den Bayreuther Festspielen.“

Haenchen kennt den Grünen Hügel

Noch ein Vorteil: Haenchen kennt den Grünen Hügel. Er hospitierte bei Pierre Boulez bei den Bayreuther Festspielen, bevor er in Berlin zu Herbert von Karajan stieß. Sein erstes Engagement hatte er als Direktor der Robert-Franz-Singakademie und Dirigent der Staatskapelle Halle, wo er mit Händels „Messias“ debütierte. Von 1972 an war Haenchen 1. Kapellmeister an den Bühnen der Stadt Zwickau, wo er neben zahlreichen Konzerten über zehn verschiedene Bühnenwerke leitete – ein deutlicher Hinweis auf das breite Spektrum Haenchens.

Er leitete an der Staatsoper Berlin fast alle Mozart-Opern

In der gleichen Zeit debütierte er an der Deutschen Staatsoper Berlin mit Mussorgskis „Boris Godunow“. Er blieb diesem Haus als ständiger Gast bis 1986 verbunden. In den nächsten Jahren sollte der junge Dirigent weiter durch Vielseitigkeit glänzen. Er leitete etwa von 1976 an bis 1979 in Nachfolge von Kurt Masur und Klaus Tennstedt die Mecklenburgische Staatskapelle Schwerin. Anschließend leitete er an der Staatsoper Berlin fast alle Mozart-Opern, in Dessau „Tannhäuser“, „Parsifal“ und Werke von Strauß, an der Komischen Oper Berlin aber auch Werke von Gluck und Händel.

Dirigierverbot

Der durchaus streitbare Hartmut Haenchen galt in der DDR als missliebiger Dirigent. Zeitweise belegte man ihn mit Dirigierverbot. In Haenchens musikalischer Biografie nimmt „Parsifal“ auch deswegen einen wichtigen Platz ein. „In der DDR war ‚Parsifal‘ verboten. Herbert Kegel brach dieses ‚Verbot‘ mit einer konzertanten Aufführung. Ich war der zweite Dirigent, der eine szenische Aufführung als Chefdirigent der Mecklenburgischen Staatskapelle durchsetzen wollte“, erzählt Haenchen. Die szenische Aufführung wurde verboten, der „Parsifal“ wurde nur noch konzertant aufgeführt. „Dann inszenierte Harry Kupfer ‚Parsifal‘ an der Berliner Staatsoper. Ich dirigierte dort zwei Vorstellungen – ausverkauft an Stasileute, damit das normale Publikum nicht hineinkonnte.“ 1986 erhielt er als „Selbstfreikäufer“ die Ausreisegenehmigung in die Niederlande, wo er in Amsterdam als Chefdirigent der Niederländischen Philharmonie und des Niederländischen Kammerorchesters 20 Jahre lang wirkte. Für seine Verdienste wurde Hartmut Haenchen durch die Königin der Niederlande mit der höchsten Auszeichnung geehrt, die erstmals ein Deutscher erhielt: Er wurde in den Stand des Ritters im Orden des Niederländischen Löwen erhoben. Haenchen ist auf 130 CD-Einspielungen zu erleben, auch als Buchautor glänzte er, etwa mit „Über die Unvereinbarkeit von Macht und Liebe“ über Wagners „Ring“.

Ein anderer großer Maestro, Richard Strauss, schrieb einmal: „Das Dirigieren ist halt doch eine schwierige Angelegenheit. Man muss siebzig Jahre alt werden, um dies ganz zu begreifen.“ Nicht nur deswegen könnte sich Hartmut Haenchen als hervorragende Wahl erweisen. Heute bereits leitet er die ersten Proben.

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