Was macht einen glücklichen Menschen aus?
Wenn wir alles glauben, was in den Regalmetern voller Erziehungsratgeber steht, hängt ein großer Teil unseres Glücks von unserer Kindheit ab. Brauche ich eine glückliche Kindheit, um ein glücklicher Mensch zu werden? Michael Purucker, der Leiter der Abteilung für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie am Bezirkskrankenhaus Bayreuth, kann darauf keine ganz eindeutige Antwort geben. Soviel vorab: eine glückliche Kindheit ist gut und wichtig. Aber es gibt auch Menschen, die trotz aller Widrigkeiten Glück erleben.
Was macht einen glücklichen Menschen aus?
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Michael Purucker:Glück, Freude und Zufriedenheit sind Folge eines komplexen Zusammenspiels von körperlichen, psychischen, sozialen und philosophischen Faktoren. Schmerz, Einsamkeit und materielle Not stehen dem Glück entgegen. Jemand, der sehr viele Brüche in der Lebensgeschichte hat wie Migration, Traumatisierung, Katastrophen oder Haftstrafen, hat es insgesamt viel schwerer.
Um sich der Frage anzunähern, wie wir Glück im Alltag erleben, würde ich zunächst die psychischen und sozialen Voraussetzungen dafür überlegen, Glück empfinden zu können.
Daraus lässt sich teilweise ableiten, wie eine psychische Entwicklung, die Glück ermöglicht, zu beschreiben ist: in der frühen Kindheit befriedigte körperliche und psychische Grundbedürfnisse, die Erfahrung sicherer Beziehung und Bindung, sich angenommen fühlen. Später kommt es auf eine innere Orientierung an, dass ich eins mit mir bin, Zukunftsperspektiven habe, ein gewisses Maß an Unabhängigkeit und Widerstandsfähigkeit. Zu einer psychologischen Beschreibung von Glück gehört zudem die Freude auf oder über etwas, Zufriedenheit, Lachen zu können, Erleichterung zu spüren, mit sich selbst stimmig zu sein. Nicht zuletzt gehört es auch dazu, dass man Grenzen akzeptieren kann – dass man sich arrangiert mit dem, was nicht möglich ist.
Voraussetzung für Glück aus psychologischer Sicht ist die Fähigkeit, Menschen positiv wahrzunehmen und sich mit sich selbst und der eigenen Geschichte identisch zu fühlen. Glück ist oft auch ein relativer Zustand im Sinne von Erleichterung. Ich bin glücklich, einen Unfall überlebt zu haben, oder ich bin glücklich, nicht an diesem Ort gewesen zu sein, an dem etwas Schlimmes passiert ist. Glück ist aber nicht nur ein Thema für die Psychologie, sondern berührt auch philosophische und theologische Fragen. Zu den eher sozialen oder philosophischen Seiten gehört es, eine Zukunft und eine innere Orientierung zu haben. Wie und wobei sucht der Einzelne sein Glück? In humanen, karitativen, ästhetischen Werten, im Erfolg, im Konsum, in Macht oder Destruktion ?
Welche Erfahrungen in der Kindheit tragen für das Glücksempfinden bei?
Purucker: Gute Erfahrungen in der frühen, vorsprachlichen Kindheit. Vor allem Geborgenheit, Zuwendung und eine sichere Bindung an eine oder mehrere Bezugspersonen und die Erfüllung der Grundbedürfnisse sind wichtig: Nahrung, Wärme, Schmerzfreiheit. Außerdem Spiegelung: Das Gefühl, dass der Säugling ein Gegenüber hat. Und Lust: Die Lust, sich zu bewegen, die Lust am Spielen. Neugierde: die Freude etwas zu entdecken. Das geht dann schon in Richtung Eigenständigkeit: Das ist die Lust sich selbst etwas anzueignen, was für die Persönlichkeitsentwicklung wichtig wird.
Noch einen Schritt zurück: Welche Rolle spielen Schwangerschaft und Geburt?
Purucker: Die Bindungsforschung zeigt, dass sich die Mutter-Kind-Bindung schon vorgeburtlich entwickelt. Es geht bei der Betrachtung der Schwangerschaft und Geburt eher darum, wie die Grundstimmung war, weniger um isolierte Ereignisse. Ist die Mutter entspannt oder krank? Hat sie einen zugewandten Partner oder nicht? Hat sie Gewalterfahrung? Kontakt zu Drogen, Nikotin oder Alkohol? Die Geburt bedeutet zwar für das Kind Stress, aber nach heutigem Kenntnisstand ist das nur dann von großem Einfluß, wenn es ernste Komplikationen gab.
Was gehört zu einer glücklichen Kindheit?
Purucker: Dazu gehört vor allem mütterliche und väterliche Liebe. Dabei geht es nicht um eine Rundumversorgung, sondern um eine zur Entwicklungsphase passende haltgebende Beziehung; das kann auch situativ eine verträglichen Frustration und übersichtliche Regeln in einem verträglichen Ausmaß bedeuten. Es ist wichtig, Grenzen in sinnvoller Weise zu erfahren - etwas, was in der heutigen Zeit schwierig ist. Auch die Erfahrung von gelungenen Konfliktlösungen in der Familie halte ich für wichtig.
Zu einer glücklichen Kindheit gehört es auch, Akzeptanz zu erleben und zu lernen, Gefühle in Kontexten zu verstehen und in Worte zu fassen, das ist die sogenannte Mentalisierungsfähigkeit – und wenn die Kinder größer werden, das Vermitteln von Zusammenhängen in großen und kleinen Fragen. Außerdem sich bewegen zu dürfen und Selbstwirksamkeit zu erleben: für einen Menschen wichtig zu sein, etwas bewirken, gestalten oder beeinflussen zu können. Zeit für Gemeinschaft gehört natürlich auch dazu. Wenn die Kinder größer werden, ist es gut, ihre Entwicklung mit zu begleiten, zum Beispiel den Übergang von der Betreuung zu Hause hin zur Tagesmutter oder Krippe, zum Kindergarten, zur Schule oder in die Pubertät.
Ausgeglichene Eltern können leichter eine sichere Bindung ermöglichen als sehr gestresste, belastete, traumatisierte oder kranke Eltern. Für die Entwicklung von Bindung und Bindungssicherheit sind Emotionen von großer Bedeutung, daher geschieht vieles sehr implizit, unbewusst und nicht rational gesteuert.
Erziehung entzieht sich der rationalen Steuerung?
Purucker:In Teilen ja, denn die Erziehung ist ja in Beziehung eingebettet. Wenn Erwachsene selber Eltern werden, schwingen über das biographische Gedächtnis immer eigene Kindheitserfahrungen mit. Transgenerationelle Aspekte sind häufig bedeutsam: Man kann das weitergeben, was man selbst erlebt hat. Das ist ja auch eine Basis für die Weitergabe von Sprache und Kultur. Wer Wohltuendes als Säugling erlebt hat, wer gehalten wurde, kann das leichter weitergeben als jemand, der Kühle, Gewalt oder Schmerz erlebt hat. Der Begriff Embodiment beschreibt die körperliche Verankerung von psychischen Erfahrungen.
Was ist für eine glückliche Kindheit nicht entscheidend?
Purucker: Für eine glückliche Kindheit ist es nicht so erheblich, daß viel Spielzeug, viel Kleidung, teure Smartphones da sind. Versorgung, die zu Überversorgung oder Reizüberflutung führt, kann sich nachteilig auswirken, das gilt vor allem auch für Lebensmittel. Schwierig wird es aber, wenn ein reales oder gefühltes „zu wenig“ an Kleidung oder Spielzeug zur Außenseiterrolle führt.
Was macht eine Kindheit unglücklich?
Purucker: Gewalt, emotionale Vernachlässigung, anhaltender Liebesentzug, Kälte, Unversöhnlichkeit in der Familie – auch der Eltern untereinander. Außerdem unberechenbares Verhalten, Grenzüberschreitungen oder Vereinnahmung seitens der Bezugspersonen. Häufige Angst. Und häufiges Alleinsein vor einem Display.
Können Eltern für eine glückliche Kindheit sorgen?
Purucker: Ja. Zusammenfassend: Wenn sie die zentralen psychischen und körperlichen Bedürfnisse berücksichtigen und erfüllen. Wenn sie eine sichere Beziehung ermöglichen – so gut sie es eben können. Dabei geht es nicht um absolute Ideale, sondern um die gegenseitige authentische Beziehung und einen dazu entsprechenden Rahmen. Wenn sie dem Kind Anteilnahme und Wertschätzung gegenüber seiner Lebendigkeit und Entwicklung vermitteln.
Wie helfe ich bei Konflikten des Kindes mit anderen Kindern?
Purucker: Interesse zeigen und nachfragen, um den Hergang und die Probleme zu verstehen, dem Kind Rückhalt geben und ein Verständnis für die Konfliktparteien suchen - bis hin zur Nachfrage bei Kindergärtnerin, Lehrerin oder Eltern. Sprechen und vermitteln: Ich sehe dich, ich interessiere mich für dich. Alleine diese Anteilnahme hilft den Kindern schon. Nicht nur Mitleid, sondern sich mit hineinzuversetzen und gemeinsam zu überlegen, was los ist und was man tun könnte. Über eine Situation gesprochen zu haben, kann ihren Schrecken schon relativieren, man fühlt sich besser. Für Kleinkinder sind übrigens zu große Gruppen beziehungsweise zu wenig Betreuer nachweislich mit Stress verbunden.
Gibt es eine Veranlagung zum Glücklichsein oder zum schnellen Unglücklichwerden?
Purucker: Das ist eine umfängliche Frage. Freude empfinden zu können, ist ein angeborener Affekt, gleichzeitig bringen Kinder ihr individuelles Temperament, ihre Konstitution in die Familie mit und sind dann in ihrer Entwicklung vielfältigen inneren und äußeren Einflüssen ausgesetzt – zum Beispiel der Situation der Eltern, der Geschlechtsrolle oder der Geschwisterreihenfolge. Also viele Faktoren mit einer sehr komplexen Wechselwirkung. Es gibt konstitutionell oder durch belastende Einflüsse bedingte Entwicklungen eines Kindes, die zu Unausgeglichenheit mit starken Stimmungsschwankungen führen. Das heißt aber nicht, dass solche Kinder nicht glücklich sein können. Sie haben aber mit der Emotionsregulation Schwierigkeiten. Die Fähigkeit, Freude und Glück zu erleben, kann die Psychologie beschreiben. Das persönliche Erleben von Glück hängt auch mit der individuellen Einstellung und mit den sozialen Bedingungen zusammen.
Welche Rolle spielt eine glückliche oder weniger glückliche Kindheit für unser weiteres Leben? Können wir eine unglückliche Kindheit abwerfen, uns freistrampeln?
Purucker: Die Kindheit spielt eine große Rolle für die Fähigkeit, die ganze Bandbreite von Emotionen erleben zu können. Wer Glück erlebt hat, trägt es in sich und kann sich vorstellen, es wiederzufinden. Eine unglückliche Kindheit bedeutet jedoch nicht, dass ein Mensch als Erwachsener unglücklich sein muss. Im Lebensverlauf ermöglichen gute Erfahrungen in Partnerschaft, im Beruf, ein gutes soziales Netzwerk, vielleicht auch eine gute Behandlung das Erleben von Glück. Kindheit und Glück haben keine direkte lineare Beziehung: Wer im Leben sehr schwere Belastungen hatte, kann dennoch glückliche Erfahrungen machen und umgekehrt. Der Zusammenhang von Kindheit und Glück lässt sich eher mit Wahrscheinlichkeiten als mit einfachen Kausalitäten beschreiben. Vieles im Leben hängt auch davon ab, ob mir das Schicksal Glück schenkt. Glück in der Bedeutung eines zufriedenen Lebensgefühles hat außerdem mit Werten und Entscheidungen zu tun.
Was macht Sie glücklich?
Purucker: Wenn es meiner Familie und unseren Freunden gut geht, wir Zeit miteinander verbringen und es gelingt, sich zu verstehen und zu verständigen. Wenn in der Klinik unsere gemeinsame therapeutische Arbeit Menschen helfen kann und Wertschätzung erfährt. Das Erleben, dass ein gutes Team und die vielen Erkenntnisse der Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie der Gesellschaft ein Stück Humanität vermitteln können. Und nach der Arbeit Entspannung dadurch, etwas Schönes zu erleben: Natur, Musik, Kunst, ein erhellendes Buch - oder etwas Sinnstiftendes wie eine schöne Kirche oder ein guter Gottesdienst.
Das Gespräch führte Renate Allwicher