Ex-Frau schildert, warum alle Versuche, zu helfen, aussichtslos waren – Betreuer spricht von „schwierigstem Klienten“ Und Mollath schrieb immer nur Briefe

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Gustl Mollath hat keine persönliche Habe mehr. Das behauptet er seit langem. Jetzt stellt sich heraus, dass seine Ex-Frau noch persönliche Dinge von ihm hat. Und dafür, dass er seinen Besitz verloren hat, trägt er selbst die Verantwortung.

 Foto: red

"Ich habe nichts, von heut’ auf morgen nichts“, sagt Mollath in einem Video, „nicht mal ein Bild meiner Mutter.“ Einer seiner Unterstützer aus Nürnberg hat es aufgenommen, außerhalb der geschlossenen Station gedreht, am 7. November 2010. Mollath darf sich frei auf dem Gelände des Bayreuther Bezirksklinikums bewegen. Aber er verließ seit dem Video seine Station nicht mehr und behauptet, „Gefangener“ der Forensik zu sein – mit nur einer Stunde Hofgang am Tag. Und er behauptet auch, alles verloren zu haben. Er könne nachweisen, sagt er in dem Video, dass „etliche Habe“ wertvoll war. Aber man habe ihn „verräumt“, weil er Schwarzgeldschiebereien angezeigt habe.

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„Ich habe Mollaths persönlichen Besitz noch“

Jetzt hat sich dazu seine Ex-Frau Petra M. zu Wort gemeldet. „Ich habe Mollaths persönlichen Besitz noch.“ Zwei Kartons voller Akten und Geschirr und Fotos. Darunter auch ein Bild seiner Mutter. Sie habe sich damals „völlig korrekt“ verhalten, betont Petra M.s Anwalt Jochen Horn. Dass sie sich jetzt erst melde, sei verständlich.

In einer Beziehung sind gut oder schlecht nicht die richtigen Wertmaßstäbe. Es geht zutiefst menschlich zu, wie überhaupt in diesem sogenannten Fall Mollath, der vielleicht nur deswegen einer ist, weil vieles auf den ersten Blick wie ein Skandal aussieht und erst auf den zweiten nachvollziehbar wird.

Seine kleine Werkstatt, in der er auf 90 Quadratmetern Motorradreifen aufzog und Ferraris tunte, musste er 2000 schließen. Gewinn abgeworfen hatte sie nie (wir berichteten). Das Geld seiner Frau, die bei der Hypovereinsbank als Anlageberaterin erfolgreich war, hatte Jahr für Jahr das Geschäft gerettet und für den Lebensunterhalt gesorgt, für die teuren Autos, für die Fahrten zu Ferrari-Treffen.

Sie pumpte über die Jahre mehr als 300 000 Euro in Mollaths Betrieb. Er zog sich immer mehr in seine Welt zurück. Er ließ die Rollos runter und fing an, wirre Briefe an „Gott und die Welt“ zu schreiben und sich für den Weltfrieden einzusetzen. Mollath habe, so seine Ex-Frau, einen Rentenanspruch von höchstens zwei Euro. Um eine andere Altersvorsorge habe er sich nicht gekümmert. Eine Arbeit suchte er sich auch nicht.

Krieg verhindern

„Inzwischen musste versucht werden, einen Krieg zu verhindern“, heißt es in einem seiner Schreiben. Petra M. nahm sich 2002 eine Wohnung und trennte sich. Fortan stellte er ihr nach. Sie, ihr neuer Partner und ihre Familie sprechen von „aggressivem Stalking“. Er sammelte Daten und schrieb Briefe und fotografierte heimlich Bekannte seiner Frau. „Wie bei der Stasi“, sagt sie. Mollath zerstach mehrere Dutzend Autoreifen, deren Besitzer zum Bekanntenkreis seiner Frau zählten. Wovon er lebte, ist unklar. Eine kleine Erbschaft soll er gemacht haben, 2004 einen Ferrari für etwa 30.000 Euro verkauft haben. Ganze Kisten mit Fotos und Aufzeichnungen stapelten sich in seinem Haus im Nürnberger Stadtteil Erlenstegen, als Petra M. es 2006 ausräumte.

Mollath hatte ihr 24 Jahre lang den Eintrag ins Grundbuch des ehelichen Hauses verweigert, aber sie setzte noch vor der Scheidung gerichtlich ihre Forderungen durch: Sie wollte das Geld zurückhaben, das sie in den Betrieb ihres Mannes gesteckt hatte.

Ihre neue Wohnung war günstig und ihr Gehalt stattlich. Bis Mollath sie bei der Hypovereinsbank anschwärzte. Die Bank ging von arbeitsrechtlichen Verstößen aus. Sie verglich sich mit Petra M. Die Bank erhielt die Vorwürfe nicht mehr aufrecht. Petra M. verlor ihre Stelle und ihr gutes Gehalt und bekam eine Abfindung. Da erinnerte sie sich, so sagt sie, dass „auch Werte vorhanden waren“. Das Haus, die Autos. „Hätte ich meine Stelle nicht verloren, ich wäre vielleicht gar nicht drauf gekommen zu klagen“, sagt sie heute. Aber sie klagte und setzte ihre Forderungen durch. Mollath wehrte sich nicht, schrieb stattdessen weiter Briefe wegen des „Schwarzgeld-Skandals“.

Als er zunächst wegen Körperverletzung angeklagt war, zweifelten die zwei Richter wegen seines Verhaltens und seiner Schreiben an der Schuldfähigkeit – und ließen ihn psychiatrisch untersuchen. Das Ergebnis: Gustl Mollath ist gemeingefährlich.

Ehe verschwiegen

Petra M. hatte bis dahin vergeblich versucht, mit ihrem Ex-Mann über die anstehende Versteigerung seines Hauses und der Autos zu reden. Auch Betreuer Ralph Gebessler bemühte sich, Mollath dazu zu bringen, sich um seinen Hausrat zu kümmern. Aber er schrieb weiterhin nur Briefe. Er sagte seinem Betreuer nicht einmal, dass er verheiratet gewesen war. Keinen einzigen Freund bat er aus der Klinik heraus, sein Haus auszuräumen: Es existieren Listen von Menschen, die ihm wohlgesonnen waren. Nur einer davon zählt noch zu seinem Unterstützerkreis. Eine Freundin weigerte sich, Mollaths Betreuerin zu werden. Sie hatte Bedenken, weil er „nur Schwierigkeiten“ mache, wie sie schrieb. Und er pflege „falschen Umgang“.

Vor seiner Unterbringung lieh sich Mollath von einem Freund 3000 Euro. Der Kurier traf den 58-Jährigen in Fürth. Er bestätigt dies. Im Gegenzug für das Geld habe Mollath ihm das Inventar seines Hauses überlassen. Den Vertrag habe er nicht mehr. Und der Freund bestätigt: Petra M. habe ihm das Inventar abgekauft, „in Treu und Glauben“, wie sie sagt. Dieser Vertrag liegt der Redaktion vor. Das Haus zu räumen, sagt der Freund, wäre ihn teurer gekommen, als das Inventar des Hauses wert war. Selbst der Gerichtsvollzieher hatte im Haus nichts Wertvolles gefunden. Der gesamte Hausrat, seit Jahren nicht erneuert und durch einen Wasserschaden beeinträchtigt, wurde auf einen Wert von nur 5000 Euro geschätzt – bei mehr als 200 Quadratmeter Wohnfläche. Das Haus sei völlig zugestellt gewesen mit Demonstrationsutensilien, sagt ein Beteiligter. „Vermüllt war es“, sagt Petra M. Mollath sagte dem Kurier, er sei durch seine Unterbringung in der Psychiatrie völlig „rausgerissen aus seiner Lebenssituation, die vernünftig war“.

Petra M. räumte das Haus im Jahr 2006 erst aus, als Mollaths Betreuer zugestimmt hatte. Als der Lastwagen schon vor dem Haus stand, erfuhr Petra M.: Der Betreuer, Ralph Gebeßler, hatte seinen „schwierigsten Klienten“ nicht mehr. Mollath galt als „nicht betreuungsfähig“. Aber die Erlaubnis Gebeßlers zur Räumung und Zwangsversteigerung des Hauses hätte auch für seinen Nachfolger gegolten.

An Gott und die Welt geschrieben

Oft hatte Petra M. versucht, Mollath davon zu überzeugen, mit ihr zusammenzuarbeiten, um mehr Geld für das Haus und die Autos herauszuschlagen, damit etwas für ihn übrigbleibe. Diese Versuche sind aktenkundig. Mollath schrieb unterdessen weiter „an Gott und die Welt“ zum Thema „Schwarzgeld“.

Obwohl kein Gerichtsvollzieher vor Ort war, obwohl Mollath plötzlich keinen Betreuer mehr hatte, räumte Petra M. das Haus, dessen Wert nicht reichte, um die Schulden Mollaths ihr gegenüber zu decken. Es blieben noch 50 000 Euro Schulden, die sie jederzeit gegen Mollath vollstrecken kann. Bis heute. „Er hätte alles klären können“, sagt Petra M. Aber Mollath hatte nie mit ihr über seine Habe gesprochen. Das bestätigte er auch dem Kurier in einem der vielen Gespräche. Inzwischen spricht er allerdings nicht mehr mit unserer Zeitung.

Dass sie 2006 aus dem Haus, in dem sie seit vier Jahren nicht mehr wohnte, „Beweismaterial“ für Schwarzgeld geschafft haben soll, darüber lacht Petra M. Sie räumte ein „vermülltes Haus“ leer. Dabei fand sie ein Buch, wie man aus dem Gefängnis ausbricht, aber auch ein wichtiges Dokument: das Original-Attest, in dem ein Nürnberger Arzt ihre Verletzungen nach Misshandlungen ihres Mannes bestätigte. Es trägt das Datum 14. August 2001, zwei Tage nach der Misshandlung wurde es ausgestellt. Es liegt der Redaktion vor.

Mehrfach hatte Mollath seine Frau geschlagen, sie einmal bis zur Bewusstlosigkeit gewürgt. Immer wieder bestreitet dieser hingegen, jemals gewalttätig gewesen zu sein, obwohl er in einem Schreiben selbst einräumte, sich „leider gewehrt“ zu haben.

Nie gegen Attest vorgegangen

Dieses Attest war mitverantwortlich, dass Mollath wegen Gefährlichkeit untergebracht wurde. Bemerkenswert ist, dass dieser nie gegen das Attest vorgegangen war, als er noch in seinem Haus wohnte. Selbst als Petra M. das vom Arzt neu ausgedruckte Attest etwa eineinhalb Jahre später an ihn faxte, widersprach er dem Inhalt nicht.

Dabei scheint die eheliche Gewalt ein Thema bei dem Paar gewesen zu sein. „Er hat mir gar nicht geglaubt, dass ich bewusstlos gewesen bin“, sagte Petra M. sinngemäß vor einem Berliner Richter. Dies bestätigt auf Anfrage Michael Hammer, der Sprecher des Oberlandesgerichts Nürnberg. Mollath sagte also offenbar nicht etwas wie „ich hab dich nicht geschlagen“, sondern nur etwas wie: „Du warst nicht bewusstlos.“