Gewalt gegen Frauen Sie wandert für Gerechtigkeit

Verzweifelte Wut und der Wunsch nach Gerechtigkeit treibt Birgit Pfersich an. Sie wandert 1200 Kilometer, um gegen Gewalt an Frauen zu protestieren. Foto: Ute Eschenbacher

Eine Frau aus Baden-Württemberg wandert und protestiert gegen Gewalt an Frauen. Sie wurde selbst Opfer und will anderen Mut machen, darüber zu sprechen.

Die 56-Jährige trägt ein pinkfarbenes T-Shirt mit der Aufschrift „Wandern für Gerechtigkeit“. Von ihrem Wohnort in der Nähe von Tübingen ist sie am 7. Juli aufgebrochen. Ihr Ziel: ein Landwirtschaftsbetrieb im Norden, der ihr zur Hälfte gehört. Mit der anderen Hälfte hat sie noch eine Rechnung offen. Dem Mann, von dem sie seit 2015 getrennt lebt. Nach sieben Jahren endlich ein neues Leben mit ihren Kindern beginnen – das ist ihr sehnlichster Wunsch.

In Todesangst am Boden

Vor sieben Jahren begann ihr persönlicher Albtraum. „Mein Mann ist auf mich losgegangen.“ Der Grund: Sie habe eine die gemeinsame GBR betreffende Unterschrift verweigert. Am Ende lag sie auf dem Boden, er kniete auf ihrem Brustkorb und drückte ihr die Luft am Hals ab. Der älteste Sohn ging dazwischen, nur so konnte Schlimmeres verhindert werden.

Jede vierte Frau im Alter von 16 bis 85 Jahren erlebt laut einer Studie mindestens einen körperlichen und oder sexuellen Übergriff durch ihren Partner. Wenn Frauen von Gewalt betroffen sind, handelt es sich vor allem um häusliche Gewalt. Das passiert in der eigenen Wohnung mit dem aktuellen oder einem Ex-Partner.

Isoliert und kontrolliert

So wie im Fall der Agraringenieurin. „Es entwickelte sich langsam“, erinnert sie sich im Gespräch mit unserer Zeitung in Bayreuth, wo sie auf ihrer Wanderung einen Tag übernachtete und von ihrem Schicksal erzählt. „Zuerst denkt man, er ist eben im Stress. Wir bauten ja gemeinsam einen Betrieb auf. Aber dann wurde es immer schlimmer.“ Ihr Mann habe sie immer mehr isoliert auf dem frei stehenden Hof. Er nahm ihr den Autoschlüssel und die EC-Karte weg, damit sie keinen Zugriff auf das gemeinsame Konto mehr hatte. „Er behandelte mich wie sein Eigentum. Ich sollte keinen Menschen mehr sehen.“

Wutausbrüche, Drohungen und Beleidigungen

Wutausbrüche, Drohungen und Beleidigungen häuften sich. Er habe geschrien: „Ich mache dich fertig, du Sau!“. Im Detail habe ihr Mann geschildert, wie er sie mit der Axt zerstückeln und ihr die Augen ausstechen werde. Als sie zur Polizei gegangen sei, um ihn wegen schwerer Körperverletzung und der Morddrohungen anzuzeigen, sei dies nicht ernst genommen worden. Weil es sich in den Augen der Polizisten lediglich um „einen Ehestreit“ handle. Für die Bedrohung habe ihr Ehemann eine geringfügige Geldstrafe erhalten. Alles andere sei wegen „nichtöffentlichem Interesse“ eingestellt worden. „Da hast du das Gefühl, keiner beschützt dich.“

Völlig ausgeliefert

Nach einer amtlichen Anordnung zog der Mann in das einige Meter entfernte Ferienhaus. Zehn Monate lebte Birgit Pfersich weiter in ständiger Angst, wie sie erzählt. Und ihre Söhne hatten Angst um ihre Mutter. Der jüngste Sohn habe sich den Tod des Vaters gewünscht, sagt sie mit ernster Miene. Dieser habe noch zweite Morddrohung ausgesprochen, die sie sogar aufgezeichnet habe. Der Mitschnitt sei aber von der Polizei nicht anerkannt worden. In ihrer Abwesenheit sei ihr Ex-Mann ins Haus eingedrungen und habe Unterlagen entwendet. „Wir waren völlig ausgeliefert.“ Im Jahr 2016 entschloss sie sich, in den Zollernalbkreis zu ihren Eltern zurückzukehren. „Ich habe mein Wohnrecht aufgegeben, damit ich mit meinem Sohn weggehen kann.“ Das alleinige Sorgerecht für den damals noch Minderjährigen habe sie nicht bekommen.

„Der will die Mama zerstören“

Die durch die Erlebnisse schwer traumatisierte Frau machte die Erfahrung, dass ihre Situation bagatellisiert wurde. Dass ihr Mann „alles herumdrehen konnte“ und letztlich ihm und nicht ihr geglaubt wurde. Bei Behörden und Justiz scheint sie gegen Wände zu laufen. „Die GbR machte weiter Gewinne, für die ich Steuern zahlen sollte“, schildert sie ihre finanzielle Lage. Dabei habe sie nichts davon erhalten. Trotzdem habe das Finanzamt ihr Konto gepfändet. Der Gerichtsvollzieher sei gekommen und sie habe nun auch noch ein Strafverfahren am Hals. Eine Scheidung und eine Vermögensaufteilung fand bis heute nicht statt. Denn ihr Noch-Ehemann weigert sich. „Mein Sohn sagte, dem geht’s nicht ums Geld, dem geht’s drum, die Mama zu zerstören.“

Der Kampf kostet viel Kraft

550 Kilometer ist Birgit Pfersich schon gelaufen. Sie will anderen Frauen und der Öffentlichkeit von ihrer Geschichte erzählen. „Ich will mich laut machen und erzählen, was passiert ist.“ Ihr Schicksal mit anderen zu teilen, gibt ihr Hoffnung, dass ihr und betroffenen Frauen in ähnlichen Notsituationen Hilfe zuteilwird. Dass sich vielleicht eine Fachanwältin findet, die sie unterstützt und sich ihres Falles annimmt. Dass in den Medien über ihren Fall berichtet wird. Das ist eine Gratwanderung. Denn sich erinnern und alles erneut schildert, kostet viel Kraft. Immer wieder muss sie mit den Tränen kämpfen. „Ich kann doch nicht einfach auf alles verzichten, was zur Hälfte mir gehört.“

Das alles kostet sehr viel Kraft. Sie und die Kinder sind seit der Trennung in psychologischer Behandlung. Eine Arbeit hat sie gefunden und einen neuen Partner an ihrer Seite.

Überlastete Richter und Staatsanwälte

Bis zum 7. Oktober, nach drei Monaten, will sie nach 1200 Kilometern in Mecklenburg-Vorpommern ankommen. Sie wandert auf Fernwanderwegen, dem Jakobsweg und selbst geplanten Routen. Mit ihrer Aktion möchte sie anderen Frauen, die Gewalt erleben mussten, Mut machen. Zwar seien Beratungsstellen und Hilfsangebote für Frauen in Gewaltsituationen vorhanden. Aber aus eigener Erfahrung weiß sie: „Es gibt zu wenig kompetente Familientherapeuten und zu viele überlastete Staatsanwälte und Richter. Ich wünsche mir mehr qualifizierte, engagierte Fachkräfte zum Lösen der Probleme und Schicksale. Wenn die Hilfe der Organisationen bei Gewalt gegen Frauen greifen soll, müssen das Gesetz, die Polizei, die Staatsanwälte und Gerichte auch entsprechend reagieren.“

Beziehungsdrama kann tödlich enden

Zeitnah und schnell, damit sich Frauen, die Opfer von Gewalt wurden, ein neues Leben aufbauen könnten, fordert sie. Je länger der Trennungsprozess dauere, umso länger wirke sich die Gewalt in Form von finanzieller und familiärer Abhängigkeit aus. „Die Bedrohungssituation besteht weiter – mit Folgen wie emotionalem Leiden und im schlimmsten Fall bis zur Eskalation und Ermordung der Betroffenen.“

Was passiert, wenn Anzeigen eingestellt werden und es mit der Scheidung nicht vorwärts geht? Was ist, wenn alle finanziellen Mittel aufgebraucht sind?

Birgit Pfersich ist keinem Rosenkrieg entkommen, sie fürchtete um ihr Leben. Wenn sie wandere, sagt sie, könne sie sich wieder spüren. Selbst wenn sie bis zur Erschöpfung wandert.

Info: Auf ihrem Instagram-Kanal schreibt Birgit Pfersich über die Etappen ihrer Wanderung.

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