Gesundheitsfürsorge Migranten entdecken Selbsthilfe

Valentina-Amalia Dumitru Foto: Archiv/Ralf Münch

Wie man sich selbst hilft, wissen Menschen mit Migrationshintergrund, was Selbsthilfegruppen deutscher Prägung sind weniger. Dabei sind solche Gruppen auch gut, um mit Krankheiten fertig werden zu können. Ein Bayreuther Projekt will Migranten dem Zugang zu diesem Angebot erleichtern.

Bayreuth -

Von Peter Rauscher

Ob Schlaganfall, Krebs, Sucht, Behinderung oder Diabetes: Viele Selbsthilfegruppen der Region leisten im Gesundheitsbereich wichtige Unterstützungsarbeit für Patienten. Wer davon bislang fast gar nicht profitiert sind Menschen mit Migrationshintergrund. Ein neues Projekt in Bayreuth soll das ändern.

Migranten bleiben außen vor

Claudia Friedel und Irene von der Weth von der Selbsthilfeunterstützungsstelle des Paritätischen in Bayreuth haben den Überblick über die Vielzahl der Gruppen in der Region. „In den sechs Jahren, die es uns gibt, haben wir festgestellt, dass nur ganz wenige Menschen mit Migrationshintergrund in Selbsthilfegruppen aktiv sind“, sagt Friedel. Das habe im Gesundheitsbereich die fatale Folge, dass diese Menschen auch keinen Zugang zu den entsprechenden Hilfsangeboten haben. Studien des Robert-Koch-Instituts oder der Konrad-Adenauer-Stiftung haben gezeigt, dass Menschen mit Migrationshintergrund zum Beispiel präventive Angebote wie Krebsvorsorge, Impfungen oder Kindervorsorgeuntersuchungen kaum in Anspruch nehmen und dadurch Nachteile erleiden.

Kultursensible Gesundheitsselbsthilfe

Um Migranten einen besseren Zugang zum Angebot der Selbsthilfegruppen zu verschaffen, haben von der Weth und Friedel das Konzept „kultursensible Gesundheitsselbsthilfe“ erarbeitet. Von der Arbeitsgemeinschaft der Krankenkassen wird das Projekt seit Jahresbeginn für zunächst ein Jahr mit einer 450-Euro-Stelle gefördert. Das sei außergewöhnlich, da diesem Thema oft wenig Beachtung geschenkt werde, sagt Friedel.

Viele wissen einfach nichts

Koordinatorin des Projekts ist Valentina-Amalia Dumitru. Die Vorsitzende des Bayreuther Integrationsbeirats, gebürtig in Siebenbürgen und seit etwa 25 Jahren in Bayreuth, hat sich bei ihrer Mitarbeit in der Schlaganfall-Selbsthilfe auch schon gefragt, warum dort keine Migranten dabei sind. Die Antwort: Es kommt niemand, weil die Gruppen bei Migranten kaum bekannt sind. „Viele wissen nicht, wie das deutsche Gesundheitssystem funktioniert und dass Selbsthilfegruppen ein Angebot auch für sie ist“, sagt sie. In anderen Kulturkreisen werde Unterstützung oft von der Nachbarschaft oder der Familie geleistet. Zudem würden zum Beispiel psychische Erkrankungen oder Behinderungen dort oft noch stigmatisiert.

Niederschwelliger Zugang

In dem neuen Projekt will sie Migranten einen niederschwelligen Zugang zu Selbsthilfegruppen ermöglichen und Unterstützung bei der Gründung neuer kultursensibler Gruppen leisten. Es gehe darum, dass die Menschen lernten, dass Selbsthilfe einen wichtigen Beitrag zur Gesundheitsfürsorge leistet. Und dass die Menschen dort sich auf Augenhöhe begegnen, quasi basisdemokratisch, sagt Friedel. Schon als Koordinatorin für das Programm Migranten helfen Migranten (Mimi) hat sich Dumitru darum gekümmert, dass sich ausländische Mitbürger trotz Sprachbarrieren besser beim Arzt und im Krankenhaus zurechtfinden. Nun nutzt sie ihre vielen Kontakte zu den Communities und als Vorsitzende des Integrationsbeirats, um das Angebot der kultursensiblen Gesundheitsselbsthilfe bei Migranten bekanntzumachen. „Ich will für sie der Türöffner sein“, sagt sie.

Problem Pandemie

Das Problem: Die Pandemie erschwert die Arbeit von Selbsthilfegruppen seit einem Jahr. Oft stehen keine Räume mehr zur Verfügung. Treffen sind kaum noch möglich, oft nur im ganz kleinen Kreis oder virtuell. Die Hoffnung ist, dass Gruppen sich im Sommer wieder mit weniger Einschränkungen treffen können. Dumitru sagt, sie habe schon mehrere Vorsitzende aus verschiedenen Communities als Interessenten für kultursensible Selbsthilfe gewonnen. „Ich würde gerne loslegen und Berge versetzen.“

Info: Valentina-Amalia Dumitru, Kirchgasse 1, 95444 Bayreuth, Telefon 01 51/55 22 14 83, Mail: valentina-amalia.dumitru@paritaet-bayern.de.

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