Genscher: Er war fast ein Bischofsgrüner

Von Andreas Gewinner

In wenigen Jahren hätte Hans-Dietrich Genscher eine Ehrung der Gemeinde als treuer Gast bekommen können. Denn fast 40 Jahre, seit 1978, war der langjährige deutsche Innen- und Außenminister einmal im Jahr in Bischofsgrün. Stets in der Kaiseralm. Stets zum Auftakt der Wagnerfestpiele. Oft hatte er weitere illustre Gäste dabei.

Vor etwa 30 Jahren, das genaue Jahr weiß er nicht mehr, bekam Wolfgang Hagen den Auftrag seines Lebens. Der hauptberufliche Sparkassenleiter von Bischofsgrün sollte Genscher fotografieren, als der mit dem jugoslawischen Außenminister Lazar Mojsov (1982 bis 1984 im Amt) Ende Juli in Bischofsgrün eintraf. Der norwegische Außenminister kam auch. "Ich hatte Bedenken, nicht vorgelassen zu werden und bemühte mich um eine Akkreditierung beim Auswärtigen Amt", erinnert sich Hagen. "Die brachte dann der persönliche Referent Genschers vorbei: ein Presseausweis mit schwarz-rot-goldener Kordel zum Umhängen." Freie Bahn für Hagen an der Kaiseralm, er konnte die drei Außenminister mehrfach aufs Bild bannen. "Ich habe mir im Tresorraum der Sparkasse eine Dunkelkammer gebaut, am selben Tag die Bilder entwickelt und persönlich um 18 Uhr nach Bayreuth gefahren." Letztlich erschien ein Bild im Nordbayerischen Kurier, das dann noch an dpa weiterverkauft wurde und so bundesweite Verbreitung fand. Lohn der Mühe für Wolfgang Hagen: 25 Mark Honorar und ein paar unersetzliche persönliche Erinnerungen an drei Außenminister in seinem Heimatort Bischofsgrün. "Und meine Arbeit als Sparkassenleiter war den ganzen Tag liegengeblieben, das musste ich dann abends noch nacharbeiten."

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Der Reiz des Fichtelgebirges

Was führte Genscher ausgerechnet nach Bischofsgrün? "Wir haben im Sporthotel Kaiseralm von Anfang an eine vorzügliche Betreuung und eine gastliche Atmosphäre, verbunden mit einer ausgezeichneten Küche vorgefunden", sagte Genscher 1997 in einem Interview mit dem Kurier. "außerdem bietet Bischofsgrün fern vom Trubel gute Möglichkeiten, sich auf die Aufführung in Bayreuth vorzubereiten." Und über das Fichtelgebirge sagte Genscher, der damals als möglicher Bundespräsident im Gespräch war: "Das Fichtelgebirge übt auf den Besucher einen einzigartigen Reiz aus. Es ist nicht der Platz des Massentourismus, wohl aber ein Erholungsgebiet mit großer Gastlichkeit und mit einer wunderschönen Landschaft."

Anfangs kam Genscher oft mit dem Hubschrauber, der dann auf der Wiese gegenüber der Kaiseralm landete. Stets begleitet von einem großen Personenschützertross. Sein erster Besuch in Bischofsgrün war ein Jahr nach dem Höhepunkt der RAF-Krise 1977; 1972 hatte er die GSG 9 gegründet, die ihre eigene Beziehung zu Bischofsgrün hat, Genscher galt als hochgefährdetes Terroristenziel. Nach dem Ausscheiden aus dem Außenministeramt 1992 war der Aufwand geringer, Genscher und seine Frau kamen mit dem Auto und, in der Regel, mit einer Reihe befreundeter Ehepaare. Pünktlich vor Beginn der Festspiele wurden an der Kaiseralm die besten Parkplätze mit rotweißen Hütchen blockiert. Und wenn einen Tag später die Plätze mit großen schwarzen Limousinen (anfangs Mercedes, später auch Audi) mit Siegburger Kennzeichen belegt waren, konnte jeder in Bischofsgrün wissen: Genscher ist wieder da.

Er kam jedes Jahr

So weit bekannt, verging seit 1978 nicht ein Jahr, in dem Genscher nicht Ende Juli nach Bischofsgrün kam. Auch 2015 nicht. Da war er sogar zweimal in der Kaiseralm: zu den Festspielen und schon wieder im Oktober 2015 zur Eröffnung einer neuen Vortragsreihe an der Uni Bayreuth.

Auch wenn er meist nur für wenige Tage in Bischofsgrün war, traf man ihn nicht selten auch im Ort selbst, etwa wenn er bei einem  Marktplatzwirt einkehrte. Ein unkomplizierter Gast, der sich scheinbar durch nichts von anderen Bischofsgrüner Gästen unterschied.