Gehörlos zur Abiturprüfung

Von Peter Rauscher

Peter Frank ist einer von 119 Schülern am Wirtschaftswissenschaftlichen Gymnasium in Bayreuth, die am Mittwoch in die Abiturprüfung starten. Was den 18-Jährigen aus Laineck von allen seinen Mitschülern unterscheidet: Seit seiner frühen Kindheit ist er zu hundert Prozent gehörlos.

Endspurt beim Lernen: Peter Frank schreibt am diesem Mittwoch Abiturprüfung. Dank seiner Implantate am Ohr war für den Gehörlosen der Schulbesuch kein Problem. Foto: Andreas Harbach Foto: red

„Es läuft“, sagt Peter Frank dem Kurier ganz locker auf die Frage, wie er sich kurz vor Prüfungsbeginn fühle. So wie es schon die ganze zwölfjährige Schulzeit für ihn gelaufen ist, gut nämlich. Unspektakulär. Und gerade deshalb spektakulär.

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Ärzte bemerkten nichts

Denn seine Eltern hatten das ganz und gar nicht erwartet, als sie 2001 erfuhren, dass ihr kleiner Sohn nichts hören kann. Mutter Ulla Frank berichtet, dass bei ihrem Baby Peter zunächst keinerlei Auffälligkeiten festgestellt worden waren, auch nicht bei den ärztlichen Untersuchungen. „Erst als er acht Monate alt war, haben wir gemerkt, dass er nicht gut hört, nicht einmal dann reagiert, wenn der Opa hinter ihm mit der Posaune spielt.“

Diagnose war ein Schock

Der Kinderarzt verwies die damals bei Bad Reichenhall wohnende Familie an ein Kinderzentrum bei München, wo es die knallharte Diagnose gab: Peter ist zu hundert Prozent gehörlos. Ob von Geburt an oder nach einer Mittelohrentzündung als Baby, war hinterher nicht mehr feststellbar. „Das war für uns ein Schock, man ist am Boden zerstört“, erinnert sich Ulla Frank.

Implantat im Ohr

Geholfen habe ihnen, dass sie bald eine Familie mit einem ebenfalls hörbehinderten Kind kennenlernten. Das Kind hatte ein so genanntes Cochlea-(CI-)Implantat im Ohr. Das ist ein elektronisch-medizintechnisches Gerät, das die Funktion des beschädigten Innenohrs wahrnimmt und akustische Signale ans Gehirn weiterleitet. Ein Teil des Gerätes wird in das Ohr implantiert, der andere Teil außen am Ohr angebracht. „Wir haben an dieser Familie gesehen, wie normal ein Kind aufwachsen kann“, sagt Ulla Frank. Deshalb geben auch sie und ihr Sohn als Hörpartner von Cochlea ihre Erfahrungen an andere betroffene Familien weiter.

 

Bei dem kleinen Peter hatten es die Ärzte zunächst mit konventionellen Hörgeräten, die Geräusche verstärken, versucht, doch das habe nichts gebracht. Im Alter von eineinhalb Jahren sei in einer sechsstündigen Operation ein Implantat im rechten Ohr eingesetzt worden, im Alter von vier Jahren dann links.  „Heute macht man das schon bei Babys mit einem halben Jahr, weil die Kinder dann rascher hören und sprechen lernen“, sagt Ulla Frank. Jeweils ein paar Wochen später kamen dann die äußeren Teile hinzu, wurden immer wieder nachjustiert, bis alles passte. „Ab da hat Peter gut in die Sprache gefunden und alles aufgeholt“, sagt seine Mutter.

 

Behindert im Kindergarten?

Nach dem Umzug der Familie nach Bayreuth nahmen die Kindergärten in Laineck und St. Johannis den kleinen Peter dennoch nicht auf, weil er ja behindert sei und zusätzlich Personal benötige. „Das stimmte aber nicht“, sagt Ulla Frank. Im Kindergarten Grunau habe er sich dann auch ohne besondere Unterstützung sehr wohl gefühlt, erinnert sich Peter Frank.

Kein Thema in der Schule

2006 ging es dann in die Regelschule in Laineck. Wie die anderen Kinder auf die an den Ohren sichtbaren Geräte reagierten? „Peter hat sich in der Grundschule vorne hingestellt und seinen Mitschülern erklärt, was er am Ohr trägt“, sagt Ulla Frank mit sichtlichem Stolz. Danach sei das kein Thema mehr unter den Schüler gewesen. Auch, weil Peter im Kindergarten und in der Schule selbst dann gut zurecht kam, wenn rings um ihn herum getobt und geschrien wurde. „Damit hatte ich nie ein Problem“, sagt Peter Frank, der wohl weiß, dass andere Hörbehinderte oft schlechter mit solchen Situationen zurechtkommen.

Meister der Kominierer

Auch im Sport fühlte er sich keineswegs gehandicapt. Zehn Jahr trainierte Peter Frank Nordische Kombination, schaffte es bis in die Jugend-Nationalmannschaft und errang einen Deutsche-Meister-Titel. „Auch mit Helm hörte ich die Kommandos der Trainer gut, die Geräte spielten super mit.“ Der Sport, sagt Peter Frank heute, war enorm wichtig für sein Selbstbewusstsein.

Teppich im Klassenzimmer

Von Beginn seiner Schullaufbahn unterstützte Jutta Zürl vom Sonderpädagogischen Dienst der Markgrafenschule Peter Frank. Auf ihren Rat hin ließen die Franks Teppiche in Peters Klassenzimmer auslegen, um die Geräusche auch herabfallender Gegenstände zu dämpfen. Der Teppich durfte beim Übertritt ins WWG mit, in den Physik- oder Chemieräumen allerdings funktionierte das nicht. Weil Peter Frank einen Teil seiner Konzentration stets aufs Hören lenken musste, verlangte ihm die Schule besonders viel ab. „Ich musste mehr leisten, als wenn ich normal hören würde“, sagt er.

Kleinere Englischklasse

Die Schule sei ihm in vielerlei Hinsicht entgegengekommen, sagt Peter Frank. Für ihn wurde die Klasse in der ersten Fremdsprache Englisch geteilt, so dass nur 14 Schüler in der Klasse waren. Wenn die Klasse in Englisch auf das Verständnis gehörter Texte geprüft wurde, wurde bei ihm geprüft, ob er die gelesenen Texte verstanden hat. In den Prüfungen bekommt er 25 Prozent mehr Zeit als seine Mitschüler, auch jetzt im Abitur. Leichter als für seine 118 Mitschüler am WWG werden die Prüfungen für ihn dadurch nicht.    


Mobiler Sonderpädagogischer Dienst Hören

Jutta Zürl vom Mobilen Sonderpädagogischen Dienst Hören an der Markgrafenschule in Bayreuth ist zuständig für die Region Bayreuth, Kulmbach und die nördliche Oberpfalz. Um 80 bis 90 hörbehinderte Kinder kümmert sie sich derzeit. Sie berät Eltern und Lehrer, organisiert den so genannten Nachteilsausgleich und den Notenschutz, der verhindern soll, dass Kinder wegen ihrer Hörbehinderung benachteiligt werden. Sie gibt auch Tipps zur Verbesserung der Raumakustik in Unterrichtsräumen. Vieles könne über sie mit der Schule geklärt werden, ohne dass Eltern als Bittsteller auftreten müssten. Erreichbar ist Jutta Zürl unter Telefon  0921/78463685.